Richterin zu sein, ist für Sina Dörr einer der besten Jobs der Welt. Sie erzählt, was an ihrer Arbeit trotzdem nervt, welchen Nutzen sie in moderner Technologie sieht und warum sie mit KI-Halluzinationen entspannt umgeht.
Sina Dörr ist Richterin am Oberlandesgericht Köln. Als Publizistin, Speakerin und Coachin adressiert sie vor allem das Thema Organisationsentwicklung im Kontext mit Digitalisierung, Justiz und Legal Tech. Für ihr Engagement erhielt sie 2020 den Award "European Women of Legal Tech". Jan Spoenle hat sie für LTO Most Wanted nominiert.
Mein Getränk und meine Bar:
Selbstgemachte Holunderlimo oder eiskalter Grauburgunder vom Lieblingswinzer und der Tisch, an dem Herzensmenschen sitzen – oft steht der in der Kölner Südstadt oder in meiner hessischen Heimat.
Ein Song, ein Buch, ein Ort:
"Corner of the earth" von Jamiroquai,
"Arrival (Story of Your Life)" von Ted Chiang,
Eifa.
Warum Jura?
Weil man verstehen muss, wie ein System funktioniert, damit man darin wirken (und Dinge verändern) kann. Mit Jura lernt man, wie das System funktioniert. Im Studium bin ich außerdem ein Riesenfan unserer feintarierten materiellen Rechtsordnung geworden. Und es stimmt: man kann damit (fast) alles machen.
Ich bin Richterin, weil:
… es für mich einer der besten Jobs ist, die es gibt. Ich arbeite für Konfliktlösung, friedliches Miteinander und Rechtsstaatlichkeit… das ist eine ziemlich sinnstiftende Aufgabe. Einen hohen Grad an Selbstwirksamkeit zu erleben und im konkreten Einzelfall den Unterschied machen können, damit eine für alle Seiten möglichst gute Lösung entsteht, das ist schon etwas Besonderes. Außerdem: Unabhängigkeit – mega.
Mein typischer Freitag:
Gassigehen, Sitzungen, Senatsarbeit, Gassigehen, Arbeit an eigenen Projekten (Forschung, Publikationen, Vorträge, Podcasts, Fortbildungen), Feierabend.
Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat…
…hatte zu tun mit dem Glücksspielstaatsvertrag und der Reichweite seines Anwendungsbereichs.
Was ich an meiner Arbeit mag und was mich nervt:
Like: Konflikte managen und gute Lösungen suchen, nachdenken und schreiben, kommunizieren, im Team arbeiten, frei denken, Visionen entwerfen und Wirklichkeit werden lassen.
Anstrengend: Administrative, repetitive zeitraubende Aufgaben, die eigentlich besser automatisiert laufen könnten. Hierarchie- und Silologik in den Verwaltungen. Verharrungskräfte. "Haben-wir-schon-immer-so-gemacht" – und "nicht-meine-Zuständigkeit"-Mentalitäten.
Meine Definition eines Rechtsstaats:
Das Regelungsgefüge, das wir uns als Gesellschaft für unser Miteinander geben, das uns ermöglicht, mit all unserer Unterschiedlichkeit friedlich zusammenzuleben. Rechtsstaatlichkeit bietet individuelle Entfaltungsmöglichkeiten und bindet vor allen Dingen auch die Macht des strukturell Stärkeren und staatliche Gewalt. Sie ist der wichtigste Schutzmechanismus zur Verteidigung von Rechten, Freiheiten und Werten vor Eingriffen anderer, insbesondere (once again) durch staatliche Gewalt.
Die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere:
Fachlich: Hohe Arbeitsbelastung, gerade im Bereich von Massenverfahren (bspw. Diesel, Glücksspiel, Fluggastrechte) und/ oder Verfahren, bei denen große Datenmengen verarbeitet werden müssen (Umfangsverfahren). Die schwierigsten Momente waren die mit geteilten Aufgaben, bspw. die Arbeit für mehrere Verwaltungseinheiten oder die Teilung zwischen Verwaltung und Rechtsprechung. Insbesondere, wenn man sich in neue Problemstellungen oder Bereiche einarbeiten muss. Wenn das alles gleichzeitig zusammen kommt, kommt man schonmal an Grenzen. Organisation ist key.
Persönlich: Für Werte und Überzeugungen auch dann einzustehen, wenn es bedeutet, sich einem Konflikt zu stellen. Veränderung und digitale Transformation voranzutreiben heißt Prozesse und lieb gewonnene Praxis in Frage zu stellen. Das ist anstrengend und schmerzhaft für alle Beteiligten. Es gibt Abwehrreflexe und mitunter kann großer Druck auf die eigene Person entstehen. Den auszuhalten und die Ängste und Unsicherheiten, die damit einhergehen, ist nicht immer einfach. Was mir geholfen hat, war die Erkenntnis, dass Unabhängigkeit, neben Freiheit, vor allen Dingen auch Verantwortung bedeutet. "Werte" heißen schließlich so, weil sie etwas kosten können, wenn es zum Schwur kommt – und sie sind es wert, diesen Preis zu zahlen.
Was Künstliche Intelligenz für meinen Beruf bedeutet:
Die Möglichkeit, deutlich effizienter zu arbeiten und Bürgerinnen und Bürgern (auch Unternehmen) einfacher und günstiger zu ihren Rechten zu verhelfen. Es bedeutet, die Teilhabe an unserer Rechtsordnung mithilfe intelligenter Technologie auszubauen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der Demokratie durch rechtsstaatliche Selbstermächtigung zu leisten. Die Nutzung moderner Technologien kann mehr Raum fürs Wesentliche schaffen: für unmittelbare zwischenmenschliche Kommunikation, die wir für Konfliktlösung benötigen und für qualitativ hochwertige Rechtsfindung.
KI-Halluzinationen in Schriftsätzen sind:
… ganz ehrlich: kein so großes Thema für mich. Wir prüfen alles, was uns geschrieben wird – und auch in der Vergangenheit gab und gibt es viele argumentative Rauchbomben.
Ein Paragraf, der dringend überarbeitet werden sollte:
…ist grundsätzlich eine Frage, die von Personen in politischer und legislativer Verantwortung beantwortet werden sollte.
Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:
Jede Vorlesung, in der methodische Kenntnisse vermittelt werden. Insbesondere solche, die sich rechtsphilosophisch mit den Zielen des Rechts auseinandersetzen. Welche Werte soll unser Recht verwirklichen? Was sind ethische, politische und logische Perspektiven, um das Recht zu verstehen und es kritisch anzuwenden? Wer das versteht, braucht keine 1.000 Theorien auswendig zu lernen, sondern kann sie fallbezogen selbst entwickeln, diskutieren und beantworten.
Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen:
Isabelle Biallaß. Genau wie ich engagiert sie sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit großer Energie in Sachen Justizdigitalisierung. Sie ist eine der wichtigsten Stimmen in Deutschland, wenn es um den Einsatz von moderner Technologie in der Justiz geht. Während mein Fokus auf der Organisationsentwicklung liegt, verfügt sie wie kaum eine andere Person über das informationstechnische Detailwissen und hat einen umfassenden Überblick über Projekte und infrastrukturelle Systembedingungen. Auch deswegen haben wir uns so gut ergänzt, als wir gemeinsam einen Think Tank für den Einsatz von Legal Tech und KI geleitet haben.
Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ronska Grimm | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Lydia Eppler | Charlotte D'Agostino | Natalie Ferdinand | Anika Schürmann | Katharina Landes | Kristin Brocker | Henning Kölsch | Adrian Haase | Inka Brunn | Anna Lissner | Vanessa Pickenpack | Hanna Schmidt | Jennifer Oellig | Gerd Kiparski | Reto Mantz | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 03.06.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60111 (abgerufen am: 17.06.2026 )
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