Naila Widmaier über den Reiz der Strafverteidigung, verschiedene Blickwinkel auf die Richterbesoldung und fehlende Demut in der juristischen Ausbildung.
Naila Widmaier ist Richterin am Amtsgericht Ulm. Zuvor war sie unter anderem als Strafverteidigerin bei der Kanzlei Weimann & Meyer und als Rechtsanwältin für Hogan Lovells im Bereich Dispute Resolution/Litigation tätig.
Mein typischer Montag: Kinder in Schule und Kindergarten abliefern, wobei die morgendlichen Diskussionen bisweilen die herausforderndsten des Tages sein können. Dann zum Gericht zur finalen Vorbereitung der Gerichtsverhandlungen am Folgetag, da jedenfalls die Schöffenverfahren noch zu ca. 50% Papierakten sind, Post, Urteile schreiben, Verhandlungen terminieren.
Mein Getränk und meine Bar: Kaffee und wieder neu entdeckt Campari-O, Bar in Ulm: Blaupause.
Ein Song, ein Buch, ein Ort:
Fremd im eigenen Land (Advanced Chemistry) wegen Heidelberg meiner Heimat und weil der Text 30 Jahre später leider immer noch so aktuell ist.
Djinns von Fatma Aydemir
Delhi
Warum Jura? Der Besuch einer Gerichtsverhandlung in der 8. Klasse und der Anwaltsberuf, wie ich ihn durch meinen Vater, Fachanwalt für Steuerrecht in Heidelberg, kennengelernt habe, haben mich fasziniert: die täglich neuen rechtlichen und menschlichen Herausforderungen und die Spannung, ob ein Fall sich wie geplant entwickelt.
Zahl meiner Arbeitsstunden pro Woche: sehr unterschiedlich je nach Umfang der Schöffenverfahren und Verfahrenseingänge bzw. Komplexität. Grundsätzlich arbeite ich aber mit 75 Prozent in Teilzeit.
Das größte Plus in meinem Job: die richterliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit in ein ganz neues Rechtsgebiet wechseln zu können, ohne sich wie ein Rechtsanwalt bspw. einen neuen Mandantenstamm erarbeiten zu müssen.
Das größte Minus in meinem Job: die Auswirkungen der Haushaltsdisziplin in vielen Bereichen der Justiz von überhitzten Sitzungssälen über die elektronische Akte, die von der Programmierung her durchaus mutiger bzw. moderner hätte ausfallen können.
Der Fall meines Lebens: als es in einem Verfahren vor der großen Wirtschaftskammer gelungen ist durch genaues Studium der sehr umfangreichen Akten und gute Zusammenarbeit mit dem Mandanten einen Freispruch zu erreichen. Nicht nur das Ergebnis war natürlich großartig, aber vor allem die Entwicklung bei der Kammer vom ersten Tag der Entrüstung (da kein Geständnis), über weitere Entrüstung (nach der Vernehmung einiger Vorstände und Mitarbeiter) bis hin zum Freispruch zu erleben.
Großkanzlei, Staatsanwaltschaft und jetzt Richterin – Können Sie Ihre Karriere (auch in dieser Reihenfolge) weiterempfehlen? Die Arbeit in der Großkanzlei hat großen Spaß gemacht, aber ich schielte in einem Verfahren auf den externen Strafverteidiger und wollte auch machen, was er macht. Dann hatte ich das große Glück, zufällig auf der Seite der RAK Berlin über eine Stellenanzeige meines Lehrmeisters Axel Weimann, Fachanwalt für Strafrecht in Berlin, zu stolpern. Von ihm habe ich die Strafverteidigung gelernt, hatte dabei das Glück als Angestellte wie eine Selbständige agieren zu dürfen, nur ohne das wirtschaftliche Risiko.
Ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrung als Strafverteidigerin mir persönlich als Strafrichterin, aber auch als Staatsanwältin (zwingende Station in der "Probezeit", die ich aber keinesfalls missen will – es ist wirklich sinnvoll alle Seiten kennen zu lernen) sehr hilft und geholfen hat. Ich halte es für den Staatsanwalts- und Strafrichterberuf für essentiell, in der Lage zu sein, sich in andere Lebenswirklichkeiten eindenken zu können, und das kommt meiner Überzeugung nach vor allem mit Lebens- und Berufserfahrung, wo und wann auch immer diese gesammelt werden.
Ein Paragraf des Grauens: Also des Grauens empfinde ich keinen der geltenden Normen, allenfalls als Herausforderung. Über manche Entwicklungen im Datenschutz muss ich mich bisweilen wundern, und über § 273 Abs. 2 StPO stolpere ich immer wieder und frage mich, warum am Amtsgericht die wesentlichen Ergebnisse der Vernehmungen zu protokollieren sind und in Verfahren vor dem Landgericht nicht? Sinnvollerweise wären am AG und LG die Verhandlungen gleichermaßen umfassend zu dokumentieren. Dann wäre sogar "nur" eine Rechtsmittelinstanz denkbar, die anhand der im Idealfall vorliegenden Videoaufnahme der Verhandlung das Urteil überprüfte. Das wiederum könnte zwei Instanzen für Verfahren am Amtsgericht obsolet machen und hätte das Potential das Revisionsrecht zu vereinfachen – jedenfalls aber Ressourcen freizusetzen.
Die Besoldung deutscher Richterinnen und Richter ist: für mich subjektiv in Ordnung, da ich die richterliche Unabhängigkeit als großen in Geld nicht messbaren Wert empfinde. Objektiv ist die Besoldung aber alarmierend – nicht nur im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedsstaaten-, denn in fast allen Bundesländern bestehen enorme Probleme bei der Nachwuchsgewinnung und statt einer attraktiveren Besoldung denkt man daran die Einstiegsvoraussetzungen herabzusetzen, um Nachwuchs zu gewinnen.
Meine letzte Frage an ChatGPT: tatsächlich noch nie benutzt…
Zwei Ideen zur Reform der juristischen Ausbildung: die Ausbildung selbst finde ich gut – letztendlich muss die Anwendung des Rechts erlernt werden und das dauert bzw. bedarf einiger Übung. Die Angstmacherei an der Universität und im Referendariat könnte deutlich geringer ausfallen, und insgesamt weniger Überheblichkeit und mehr Demut bei den Ausbildern und Berufsausübenden einkehren.
Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten: Prof. Dr. Tim Drygala von der Universität Leipzig im Bank- und Kapitalmarktrecht habe ich als sehr fesselnd in Erinnerung. Wäre ich heute noch Studentin würde ich unbedingt an der FU Berlin Law Clinic u.a. mit Prof. Dr. Ali B. Norouzi und Rechtsanwalt Stefan Conen mitmachen wollen…
Diese/n Juristin/Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen: Meinen Klassenkameraden seit der Grundschule, Rechtsanwalt Dr. Andrej Umansky – wir haben uns vor zwei Jahren auf unserem 20-jährigen Abiturtreffen gesehen und ich war fasziniert davon, wie er den Anwaltsberuf mit seinem Master in Geschichte verbunden hat und noch dazu in der Ukraine ehrenamtlich Zeugenaussagen von Kriegsverbrechen dokumentiert – Vergangenheit und aktuelles Weltgeschehen – eine spannende Verbindung.
Mehr Most Wanted? Hier geht es zu den bisherigen Ausgaben: Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Die Übersicht mit allen bisherigen Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 06.06.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57354 (abgerufen am: 11.12.2025 )
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