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Köpfe: LTO Most Wanted mit Chris­tian Walz

von Stefan Schmidbauer

19.06.2026

Christian Walz

Christian Walz

"Die Rechtsprechung ist und bleibt Aufgabe von Menschen und nicht von Maschinen", meint Christian Walz. Der Richter erzählt von sozialen Kollateralschäden in der Examensvorbereitung und rügt das kulinarische Angebot an den Gerichten.

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Christian Walz ist Richter am Landgericht Münster, Lehrbeauftragter der Universität Münster und Prüfer beim Landesjustizprüfungsamt NRW. Außerdem ist er Host von "RefPod", dem Podcast der Justiz NRW zum Referendariat, der vom Oberlandesgericht (OLG) Hamm produziert wird. Isabelle Biallaß hat ihn für LTO Most Wanted nominiert.

Mein Getränk und meine Bar:

Ein Old Fashioned in der New York Bar des Park Hyatt Hotels, das sich in einem Hochhaus im Herzen Tokios befindet. Die Bar ist unter Filmliebhabern seit dem Film "Lost in Translation" legendär und verströmt – wie der Film aus dem Jahr 2003 – einen einzigartigen melancholischen Vibe.

Ein Song, ein Buch, ein Ort:

Ich höre – soweit möglich – in jeder freien Minute Podcasts, deshalb habe ich leider keine Songempfehlung. Dafür aber eine Podcast-Empfehlung: "The Pod"! Ein Magazin über Videospiele, das sich durch vorbildliche journalistische Recherchen und unterhaltsame Diskussionen auszeichnet. "The Pod" und seine Podcaster waren in mehrfacher Hinsicht Vorbild für unseren RefPod.

Meine Lesebiografie teile ich ein in die Zeit vor meiner Lektüre von David Foster Wallace’ Kultroman "Unendlicher Spaß" und in die Zeit danach. Man ist nach diesem bahnbrechenden und sprachgewaltigen Buch einfach nicht mehr derselbe Leser.

Als Japan-Fan fiel mir als Lieblingsort als erstes der Fuji ein, den ich vor vielen Jahren über Nacht mit Freunden bestiegen habe. Ich bekomme nach wie vor Gänsehaut, wenn ich mich an den Sonnenaufgang erinnere, den wir dort 3.700 Meter über dem Meeresspiegel bewundert haben.

Mein typischer Freitag:

Ich stehe meistens recht früh auf und absolviere nach meinem ersten Kaffee meine Sportroutine. Etwa ab 9 Uhr fange ich an zu arbeiten. Der Berufsalltag ist meistens – zum Glück! – so abwechslungsreich, dass es mir schwerfällt, hier eine "Typizität" herauszuarbeiten. Deshalb beispielhaft der letzte Freitag: Ich habe an einem Urteil geschrieben, war mit der Zivilkammer mittags in einem Restaurant essen, um eine Kollegin zu verabschieden, und habe eine neue Folge für RefPod geschnitten.

Warum Jura?

Ich wollte eigentlich etwas Kreatives studieren, was meine Eltern allerdings ziemlich kritisch sahen. Wir gingen deshalb zur Studienberatung der Uni Münster und der Herr dort meinte zu mir: "Wenn Sie gerne viel lesen, studieren Sie Jura!" So "stolperte" ich ins Jurastudium. Ich habe zunächst recht lange damit gefremdelt, mich dann aber langsam angefreundet und mich schließlich in das Fach richtig verliebt. Heute bin ich sehr dankbar, dass ich das Studium nicht abgebrochen habe.

Ich bin Richter, weil:

Ich mir keine erfüllendere und sinnstiftendere Arbeit als Volljurist vorstellen kann. In vielen anderen Berufen hätte ich auf kurz oder lang unweigerlich eine Sinnkrise: Warum mache ich das hier? Meines Erachtens liegt die Sinnhaftigkeit des Richterberufs derart offensichtlich auf der Hand, dass sie kaum einer Erläuterung bedarf: Mit meinen Entscheidungen bzw. einvernehmlichen Lösungen leiste ich jeden Tag – unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen – einen Beitrag zu einem aktiven, bürgernahen und funktionierenden Rechtsstaat. Auch wenn es abgedroschen klingt: Gerade "in diesen Zeiten" kann man gar nicht hoch genug schätzen, wie wichtig diese Arbeit ist.

Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat:

Wie ein Parkplatzberechtigter herausfinden kann, wer der Fahrer eines falsch parkenden Kfz auf seinem Parkplatz gewesen ist, um gegen diesen eine Vertragsstrafe durchsetzen zu können.

Was ich an meiner Arbeit mag und was mich nervt:

Meine Arbeit empfinde ich – wie gesagt – als sehr sinnstiftend und erfüllend. Die Justiz NRW ermöglicht und fördert außerdem auf vielfältige Weise das Engagement in der Lehre – ich bin Ausbilder, Leiter von Arbeitsgemeinschaften, Prüfer beim Landesjustizprüfungsamt NRW und Lehrbeauftragter im Examinatorium der Uni Münster. Dank des OLG Hamm bin ich sogar Podcaster. Ich liebe das, weil ich großen Spaß an Ausbildungsthemen habe und den Kontakt mit den jungen Menschen – unseren künftigen Kolleginnen und Kollegen – sehr schätze.

Vielleicht kommt das jetzt etwas abseitig, aber mich nervt häufig das "kulinarische Angebot" an den Gerichten. Gemeinsame Mittagessen tragen meines Erachtens wesentlich zum sozialen Miteinander bei. Deshalb finde ich es schade, dass es an einigen Gerichten überhaupt keine Kantine mehr gibt oder deren Angebot so wenig überzeugt, dass die Kolleginnen und Kollegen sich lieber auswärts in alle Richtungen zerstreuen.

Ein Verfahren, das mich geprägt hat:

Im ersten Berufsjahr bereitete mir eine komplizierte und überjährige Erbrechtssache Kopfzerbrechen, in der sich Bruder und Schwester nach dem Tod ihrer Eltern über die Auseinandersetzung des Nachlasses heillos zerstritten hatten. Nach Wochen der Vorbereitung und einer fünfstündigen Verhandlung hatten wir aber eine einvernehmliche Lösung gefunden. Die beiden – Bruder und Schwester – haben sich am Ende der Sitzung unter Tränen in die Arme genommen und sich geschworen, fortan wieder miteinander zu reden. Das hat mir eindrücklich gezeigt, welchen Unterschied wir mit unserer Arbeit machen können.

Welche Rolle dürfen Gefühle bei der Rechtsprechung spielen?

Recht ist von Menschen und für Menschen gemacht. Deshalb darf – sollte! – es auch im Gerichtssaal "menscheln". Die Entscheidung als solche erfolgt aber ausschließlich nach Recht und Gesetz. Hier können Gefühle bei der Rechtsfindung auch in die Irre führen – dessen muss man sich bewusst sein.

Die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere:

Das war die Vorbereitung auf mein erstes Staatsexamen, die ich als sehr belastend empfand und die leider auch zu diversen "sozialen Kollateralschäden" geführt hat. Damals habe ich mir fest vorgenommen, mich später in der Ausbildung und im Prüfungsbetrieb zu engagieren, um die Examensbedingungen für die künftigen Juristengenerationen zu verbessern.

Was Künstliche Intelligenz für meinen Beruf bedeutet:

Derzeit noch nicht besonders viel. Die Rechtsprechung ist und bleibt – schon von Verfassungs wegen – Aufgabe von Menschen und nicht von Maschinen. In der Justiz stehen uns derzeit insbesondere KI-Tools bei der Recherche in den bekannten juristischen Datenbanken zur Verfügung. Deren Mehrwert hat sich jedenfalls in meiner Praxis noch nicht erwiesen. Aufgrund der bekannten Probleme der Technologie – Halluzinationen, "KI-Slop" etc. – wäre es fahrlässig, blind auf die Rechercheergebnisse einer KI zu vertrauen. Die sorgfältige Überprüfung der Ergebnisse, die die KI ja regelmäßig im Brustton der Überzeugung vorträgt, kostet mich aber mindestens genauso viel, manchmal sogar mehr Zeit als die eigene "händische" Recherche.

Die Besoldung deutscher Richterinnen und Richter ist:

Gegenstand vielfältiger Diskussionen, zu denen ich keine qualifizierte Stellungnahme abgeben kann. Nur eine Anmerkung: Die hohen Gehälter, die man zum Teil außerhalb der Justiz erreichen kann, haben meines Erachtens durchaus eine Berechtigung. Auch ich würde mich für die in der freien Wirtschaft bzw. Kanzleiwelt teilweise nachgefragten Tätigkeiten fürstlich entlohnen lassen, wenn und weil dort sonst – man mag z.B. an die Unabhängigkeit und Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit denken – wenig geboten wird. In der Justiz ist das anders: Der Beruf als Richter:in hat meines Erachtens sehr viele Vorzüge, die in Geld schlichtweg gar nicht aufzuwiegen sind.

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Ein Paragraf, den ich ändern oder streichen würde:

§§ 11, 52 JAG NW – und die Pendants in den anderen Bundesländern –, die die Prüfungsgegenstände in den beiden juristischen Prüfungen in Nordrhein-Westfalen festlegen. Dieser Prüfungskanon sollte meines Erachtens dringend verschlankt werden. Grundlagenfächern sollten mehr Raum (und mehr Examensrelevanz) gegeben werden.

Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:

Die Vorlesungen von Prof. Dr. Stephan Lorenz an der LMU München, die überall als Podcast abrufbar sind! Ohne dass Herr Lorenz das wüsste, war er lange Zeit mein bester Trainingspartner: In meiner Examensvorbereitung hatte ich ihn bei vielen Lauf-Runden auf den Ohren.

Diese Juristin müssen die LTO-Leser kennenlernen:

Jannina Schäffer! Sie ist Autorin, Online-Redakteurin, Lehrbeauftragte, Herausgeberin und noch vieles mehr – eine echte Tausendsassarin in der Jura-Welt. Ich schätze vor allem ihr Engagement für die Verbesserung der juristischen Ausbildung und ihren "Law & Literature"-Ansatz, mit dem sie Jura und Popkultur (Harry Potter!) miteinander vermählt.

 

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