Philippos Botsaris über Parallelen zwischen Strafverteidigung und Basketball, Änderungsbedarf bei § 129 StGB und Reformbedarf bei den Staatsexamen.
Philippos Botsaris ist Rechtsanwalt und Inhaber der Kanzlei PB Recht, zudem ist er als Of Counsel für die Kanzlei Plan A tätig. Sein Schwerpunkt ist die strafrechtliche Beratung und Vertretung.
Mein typischer Montag: Frühes Aufstehen, unter Zeitdruck alles fertig machen, dann der Weg zur Kita. Danach meist eine letzte Besprechung mit dem Mandanten vor der Hauptverhandlung. Es folgen ein oder mehrere Termine vor Gericht und Telefonate auf dem Weg ins Büro. Dort warten Posteingänge, Mandantentermine und Aktenarbeit. Eine Tagesplanung ist gut gemeint – aber der Montag macht am Ende, was er will.
Mein Getränk und meine Bar: Frischer Minztee bei Vincenzo's in Hagen – ein ruhiger Ort, um nachzudenken und zu reflektieren. Gegenüber vom Hagener Stadttheater, nur ein paar Schritte von meiner Kanzlei entfernt.
Ein Song, ein Buch, ein Ort:
Song: "Regulate" von Warren G – der Track beginnt im Chaos – und findet Struktur, ohne laut zu werden. Wer Strafverteidigung ernst nimmt, kennt genau dieses Prinzip.
Buch: Die Pirlo-Reihe von meinem Freund und Kollegen Prof. Dr. Ingo Bott – unterhaltsam, pointiert und trotzdem nah an der Wirklichkeit des Strafverfahrens.
Ort: Der Wald direkt hinter meinem Haus – ein stiller Rückzugsort. Natur, Bewegung, klare Luft. Ein paar Schritte genügen, und die Welt wird weiter, ruhiger, einfacher.
Warum Jura? Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es sei schon immer meine Bestimmung gewesen. Aber es ist meine Berufung geworden. Strafverteidigung ist für mich wie Basketball – mein Sport: Ich kämpfe für mein Team, bleibe konzentriert, übernehme Verantwortung, wenn’s drauf ankommt. Es geht um Einsatz, Taktik und Haltung. Und ja – ein gewisses Talent gehört auch dazu.
Zahl meiner Arbeitsstunden pro Woche: 50 bis 55 – mit klaren Spitzen in intensiven Verfahrensphasen.
Das größte Plus in meinem Job: Ich kann für Menschen da sein, wenn sie allein nicht mehr weiterwissen – nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Ich kämpfe für Rechte, die sonst leicht unter die Räder kommen. Strafverteidigung ist unbequem, manchmal undankbar, aber nie belanglos.
Das größte Minus in meinem Job: Dadurch, dass ich fast täglich am Gericht bin, sind längere Abwesenheiten nur schwer mit dem Berufsalltag vereinbar. In meiner Vorstellung könnte mein Remote-Büro auch in Griechenland an einer Strandbar stehen – Laptop auf dem Tisch und das Meeresrauschen im Hintergrund, während ich arbeite, als säße ich in der Kanzlei. Sonne, Meer, gutes Essen – alles inklusive. Aber außerhalb der Urlaubszeit lässt sich ein solcher Arbeitsstil leider nicht mit der Strafverteidigung vereinbaren.
Der Fall meines Lebens: Ganz aktuell fällt mir da ein: der Fall "Philippos" aus Bad Oeynhausen. Ich habe den Vater des getöteten Jungen in der Nebenklage vertreten. Der 20-jährige war nach dem Abiball seiner Schwester in der Innenstadt unterwegs, als er völlig unvermittelt und ohne jeden erkennbaren Anlass von einem Unbekannten brutal angegriffen wurde.
Es war eine besondere Verantwortung – und es hat mich persönlich tief bewegt, diese Rolle zu übernehmen. Der junge Mann trug denselben Vornamen wie ich. Diese Namensgleichheit hat mir auf eindringliche Weise vor Augen geführt, wie nah und willkürlich ein solches Schicksal jeden von uns treffen kann. Denn aufgrund der völligen Zufälligkeit der Tat hätte in dieser Situation jeder von uns das Opfer sein können. In diesem Verfahren durfte – und musste – ich die Stimme eines Vaters sein, der sein Kind verloren hat.
Der Fall meines Lebens ist oft der, der gerade am tiefsten wirkt – bis zum Nächsten.
Ein Gesetz, das dringend geändert werden sollte: § 129 StGB. Eigentlich für organisierte Kriminalität gedacht, wird die Norm zu oft als Türöffner genutzt. Die Norm wird vergleichsweise häufig zu Beginn eines Verfahrens bemüht, obwohl es nur selten zu Verurteilungen kommt. Sie ermöglicht tiefgreifende Überwachungsmaßnahmen und entfaltet eine Wirkung, die häufig weniger mit Kriminalitätsbekämpfung zu tun hat, als mit Einschüchterung. Der Rechtsstaat braucht Schutz – aber keinen Einschüchterungsparagrafen.
Anwalts- und Kanzleirankings sind: Nett. Und nett ist auslegungsfähig. Am meisten schätze ich an ihnen, dass die Empfehlungen von Kolleginnen und Kollegen stammen – das ist eine besondere Form der Anerkennung. Nicht laut, aber ehrlich.
Meine letzte Frage an ChatGPT: "Wie erkläre ich einer Dreijährigen, dass ich nicht für die 'Bösen' arbeite – sondern für die Prinzipien des Rechtsstaats?"
Zwei Ideen zur Reform der juristischen Ausbildung:
1. Wir führen täglich mehrere Mandantengespräche – aber wie man so ein Gespräch sinnvoll, empathisch und rechtssicher führt, wird im Studium kein einziges Mal vermittelt. Das gehört dringend in die Ausbildung.
2. Eine Reform der Staatsexamina ist überfällig: Nie wieder sollte man ein derart immenses Wissen unter solch extremem Zeitdruck abrufen müssen. Das passt weder zur Praxis noch zu einem modernen Verständnis von Leistungsbewertung.
Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten: Rechtsgeschichte. Während des Studiums oft belächelt und als trocken empfunden – dabei ist sie essenziell. Die Geschichte hat uns oft vor Fehlern gewarnt, damit wir sie nicht wiederholen. Der Blick über den großen Teich ist derzeit besorgniserregend: Wenn staatliche Einflussnahme auf die anwaltliche Praxis oder richterliche Entscheidungen wieder zum Mittel politischer Ideologie wird, dann sind das Sünden der Vergangenheit, die sich hier bei uns nie wieder wiederholen dürfen.
Diese/n Juristin/Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen: Ralf Leifeld, Gründer und Partner von LNS in Bochum. Statt breitem Portfolio setzt Ralf Leifeld auf konsequente Spezialisierung: kollektives Arbeitsrecht – und das ausschließlich aus Sicht der Betriebsräte.
Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Die Übersicht mit allen bisherigen Ausgaben finden Sie hier.
Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 27.06.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57489 (abgerufen am: 21.01.2026 )
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