Köpfe: LTO Most Wanted mit Susanne Beck

von Stefan Schmidbauer

10.07.2026

"Vor einigen Jahren habe ich eher die Chancen gesehen, derzeit sehe ich immer mehr Gefahren", sagt Susanne Beck mit Blick auf KI. Die Diskussion um eine Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters hält die Professorin für kontraproduktiv.

Prof. Dr. Susanne Beck ist Dekanin an der Juristischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover und Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Strafrechtsvergleichung und Rechtsphilosophie. Sie forscht dort auch zu Themen wie Künstliche Intelligenz, Hate-Speech und Menschenhandel. Zudem ist sie als Schriftstellerin tätig. Susanne Beck wurde von Prof. Dr. Anja Schiemann für LTO Most Wanted nominiert.

Mein Getränk und meine Bar: 

Vor 20 Jahren, das war ziemlich genau die Zeit zu der ich in London gelebt und gern gefeiert habe, hätte ich ohne Zögern mit "Gin Tonic" und das "1001" (alternativ jede andere Bar in der Nähe von Brick Lane) geantwortet. Inzwischen ist das Getränk ein Eistee in unserem Garten, die Bar ist das Vogelhäuschen, und ich beobachte die Besucher – morgens kommt sogar immer ein Eichhörnchen vorbei!

Ein Song, ein Buch, ein Ort: 

Die Auswahl ist schwer, gerade Musik und Buch hängen bei mir sehr von der aktuellen Stimmung ab. Ein Song, der mich in der Jugend sehr geprägt hat ist "Killing in the Name" von Rage Against the Machine, weil er die rohe, ungezügelte Wut auf ein ungerechtes System musikalisch so gut einfängt. Aber auch "Jericho" von Asian Dub Foundation oder "Back to Black" von Amy Winehouse treffen bei mir ohne Umweg direkt ins Herz.

Ein Buch, das ich immer wieder gelesen habe: "Generation X" von Douglas Coupland. Wenn ich zwischendurch einen leichten, humorvollen Blick auf die Welt brauche: alles von Terry Pratchett.

Und Manly Beach in Sydney ist ganz klar mein Ort.

Mein typischer Freitag:

Freitag ist fast immer Home-Office-Tag. Das heißt: lesen und denken zu können, wenn das Wetter es erlaubt, im Hängesessel auf der Terrasse, beim Eichhörnchen. Dazwischen E-Mails abarbeiten, die sich über die Woche angesammelt haben, andere Forschungs- oder Verwaltungsarbeit, gelegentliche Video-Calls, Gassi-Runden, und abends wird hier zu Hause mit viel Ruhe gekocht und entspannt gegessen.

Warum Jura?

Zu Beginn war es ein Kompromiss, weil ich mich aus Angst vor der Brotlosigkeit nicht getraut habe, Kunst zu studieren – wobei ich nicht behaupten will, ich hätte überhaupt eine Chance gehabt, wahrscheinlich nicht. Aber ich habe einen starken Gerechtigkeitssinn und wusste, dass Jura mir neben den klassischen juristischen Berufen viele Türen öffnet, vom Journalismus bis zur Politik. Also habe ich es versucht und bin dabeigeblieben, weil es mir Freude bereitet hat und immer noch bereitet, erst die dogmatische Arbeit im Studium und später der kritische Blick auf Recht und Gesellschaft aus der Wissenschaft heraus.

Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat:

Gerade arbeite ich an einem Vortrag über "Neutralität" der Rechtswissenschaft und des Rechts und überlege, wie die Nutzung von Künstlicher Intelligenz unser Verständnis dieses Konzepts verändern könnte.

Was ich an meiner Arbeit mag und was mich nervt:

Tatsächlich mag ich fast alles an meinem Beruf, und bin sehr froh darüber, etwas tun zu dürfen, das mir zu 90 Prozent Freude macht. Den Rest nehme ich gern in Kauf. Ich darf mir die Themen, die ich bearbeiten möchte, selbst aussuchen, darf die klugen Gedanken von Kolleginnen und Kollegen aus allen möglichen Disziplinen lesen, mit ihnen diskutieren und mit meinem tollen Lehrstuhlteam Ideen ausprobieren. Das Unterrichten, die Interaktion mit den Studierenden, finde ich ebenfalls sehr bereichernd.

Anstrengend ist für mich derzeit die Spannung zwischen einer sich rasant entwickelnden Gesellschaft und den langsam mahlenden Mühlen der Institutionen, sei es was die juristische Ausbildung oder die universitären Strukturen angeht. Und dann ist es immer wieder frustrierend, dass wissenschaftliche Erkenntnis an anderer Stelle, etwa im politischen Diskurs, nicht immer die Rolle spielt, die sie aus meiner Sicht spielen sollte. Wobei ich da als Wissenschaftlerin natürlich nicht ganz objektiv bin.

Die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere:

Das Studiendekanat in der Corona-Zeit. In dieser Phase habe ich viele Nächte wachgelegen und war mir eigentlich bei keiner Entscheidung sicher, ob es wirklich die richtige war.

Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat:

Nicola Lacey, für mich ein wichtiges weibliches Vorbild in den Rechtswissenschaften. Sie hat mich inspiriert, als ich mich endgültig für oder gegen die Habilitation entscheiden musste, genauso wie die Vorkämpferinnen in den deutschen Rechtswissenschaften: Sabine Gless, Tatjana Hörnle, außerhalb des Strafrechts Susanne Baer und viele andere. Eric Hilgendorf, mein akademischer Lehrer, hat mir unter anderem mitgegeben, dass man sich der eigenen Machtposition und der damit verbundenen Verantwortung immer bewusst sein sollte.

Was Künstliche Intelligenz für meine Arbeit bedeutet:

Gerade diskutieren wir an unserer Fakultät intensiv darüber, wie wir mit der Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Studium umgehen sollten. Meiner Meinung nach müssen wir die Studierenden darin ab jetzt so gut wie möglich unterrichten, da das eine wichtige Fähigkeit wird. Auch für mich ist KI an manchen Stellen eine Erleichterung. Gleichzeitig bin ich skeptisch, wegen des mit diesem Werkzeug verbundenen "De-Skillings", wegen der vielen inhärenten Probleme von KI, wegen der Ideologie hinter KI-Unternehmen. Wie viele neue Technologien ist KI also Chance und Risiko zugleich; vor einigen Jahren habe ich eher die Chancen gesehen, derzeit sehe ich immer mehr Gefahren, die wir intensiv diskutieren und besser als bisher einhegen sollten.

Das Strafmündigkeitsalter sollte: 

…auf keinen Fall herabgesetzt werden! Dazu passt, was ich oben zu wissenschaftlicher Erkenntnis angemerkt habe: Alles, was wir zur Entwicklung von Jugendlichen wissen, alles, was wir zur Wirksamkeit von Strafe im Vergleich zu anderen Eingriffsmöglichkeiten und Unterstützungsangeboten wissen, spricht doch recht deutlich gegen eine Herabsetzung, eher sogar für eine Heraufsetzung. Und dennoch führen wir regelmäßig die aus meiner Sicht kontraproduktive Debatte um das Gegenteil.

Ein Gesetz, das ich schon einmal gebrochen habe:

Vor vielen Jahrzehnten die ein oder andere Regelung des BtMG, das ist aber alles verjährt und wäre auch nach der aktuellen Regelung nicht mehr strafbar.

Ein Paragraf, den ich gern ändern oder streichen würde: 

Die Liste ist lang: Das Fahren ohne gültigen Fahrschein und der Schwangerschaftsabbruch, jedenfalls in den ersten 12 Wochen, sollten entkriminalisiert werden. Sowohl das Sexualstrafrecht als auch die Regelungen zum Menschenhandel sind zu kompliziert und unübersichtlich und bedürfen grundlegender Überarbeitung. Zudem würde ich gern den Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung ausgeweitet wissen und fände einen Fachanwalt für Opferschutz/Opferrechte sinnvoll. Um nur einige Baustellen zu nennen…

Zwei Ideen für eine Reform der juristischen Ausbildung: 

1) Wenn wir am Staatsexamen dauerhaft festhalten wollen, dann zumindest deutliche Entschlackung beim inhaltlichen Pflichtstoff. Dafür mehr Raum für die Grundlagen, Schlüsselqualifikationen und Methoden sowie für Ausbildung in beispielsweise dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu haben. 

2) Stärkere Gewichtung von Interdisziplinarität und Internationalität, weil meiner Erfahrung nach der Blick von außen auf das eigene Fach oft mehr zum Verständnis beiträgt als die immer intensivere Vertiefung in Einzelprobleme der Rechtsdogmatik.

Etwas, das ich jetzt weiß, und als Studentin gern schon gewusst hätte:

Ich hätte gern früher gewusst, wie bereichernd Auslandsaufenthalte sind – ich würde das sogar ausweiten auf: wie wertvoll jeder Schritt aus der eigenen Komfortzone ist. Das erste Mal für einige Monate raus aus Deutschland bin ich in der Wahlstation im Referendariat, nach Australien – und habe dann sehr bereut, die Welt nicht schon früher kennengelernt zu haben. Und wirkliches Kennenlernen gelingt deutlich besser, wenn man eine Weile an einem Ort lebt. Soweit möglich habe ich das später nachgeholt, aber im Studium ist das so viel einfacher. Durch das Weltenbummeln habe ich dann wiederum gemerkt, wie wichtig stabile Freundschaften und gute Gemeinschaften sind. 

Ein Satz eines Freundes aus meiner Jugend dazu hat mich sehr geprägt: "Um gute Freunde zu haben, musst du erst einmal eine gute Freundin sein." Das lässt sich, glaube ich, auf vieles übertragen, auf berufliche Kontexte, auf Nachbarschaft, auf unsere politische Gemeinschaft. Im stressigen Alltag kann das manchmal untergehen, ich hoffe aber sehr, dass ich mich immer rechtzeitig daran erinnere, weil für mich vor allem eine gute Gemeinschaft das Leben lebenswert macht. So habe ich beispielsweise eine tolle Kolleginnen-Gruppe, mit denen ich mich über vieles austauschen kann und die mich sehr bereichert. Es ist vielleicht banal, aber deshalb nicht weniger wahr: Nicht vieles im Leben ist so wichtig wie vertrauensvolle und authentische Freundschaften.

Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:

"Methoden der Rechtswissenschaften & KI", die mein Kollege Timo Rademacher ab dem nächsten Wintersemester bei uns in Hannover anbieten wird. Genauso müssen wir an die neuen Herausforderungen durch KI herangehen: Sie mit unseren juristischen Methoden verknüpfen, theoretisch reflektieren und praktisch ausprobieren.

Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen:

Prof. Dr. Georgia Stefanopoulou, Professorin für Strafrecht an der BSP Business & Law School Berlin, nicht nur eine kluge und bewundernswert belesene Denkerin, die sich mit hochaktuellen Themen befasst – ihre Forschungsschwerpunkte sind das Internationale Strafrecht, die Rechtssoziologie und das Recht der Digitalisierung – sondern auch eine überaus engagierte Hochschullehrerin mit einem ganz besonderen Blick auf unser Rechtssystem, der sich unter anderem daraus ergibt, dass sie nicht nur mit dem deutschen, sondern auch dem griechischen System vertraut ist.

 

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Zitiervorschlag

Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 10.07.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60373 (abgerufen am: 08.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
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