Köpfe: LTO Most Wanted mit Dana-Sophia Valen­tiner

von Stefan Schmidbauer

24.07.2026

"Wissenschaft ist gar nicht so einsam, wie ihr Ruf besagt.", findet die Professorin Dana-Sophia Valentiner. Sie definiert Freiheit, schwärmt von einer "supercoolen Völkerrechtlerin" und wünscht sich mehr Gender- und Diversity-Kompetenz im DRiG.

Prof. Dr. Dana-Sophia Valentiner ist Professorin für Öffentliches Recht, Öffentliches Wirtschaftsrecht und Recht der Transformation an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr in Hamburg. Sie forscht und lehrt zum Verfassungs- und Verwaltungsrecht, insbesondere zu den Grundrechten, den Legal Gender Studies und dem Recht der sozial-ökologischen Transformation. Zudem ist sie Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V. 

Dana-Sophia Valentiner wurde von Prof. Dr. Georgia Stefanopoulou für LTO Most Wanted nominiert.

Mein Getränk und meine Bar:
Cider im Joy – einer Hamburger Eckkneipe mit Kicker, Rockmusik und Schuhen an der Decke.

Ein Song, ein Buch, ein Ort:
Auf dem Fahrrad habe ich heute "Prinzessin 🍑" von Liser gehört. Frauke Brosius-Gersdorf und Ikkimel als Vorbilder in einer Line, das ist schon hilarious. Die Line danach ist auch gut – eine popkulturell überspitzte Kritik an den tradierten Geschlechterbildern im vorherrschenden Steuerrecht.

Mein All-time-Classic ist das Buch "Meat Market“ von Laurie Penny, einer feministischen Autorin, die über weibliche Körper im Patriarchat schreibt. Das Buch erschien 2011 und hatte durchaus Einfluss auf die Themenwahl für mein Promotionsprojekt, in dem ich mich mit dem Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung beschäftigt habe.

Zum Ort: Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas Spießiges wie das fränkische Weinbaugebiet so gut gefallen würde. Aber so ist es. Toller Wein, gutes Wetter, und das Konzept "Weinprinzessin" ist irgendwie aus der Zeit gefallen, aber auch herrlich kitschig.

Mein typischer Freitag:
Freitags arbeite ich entweder im Homeoffice oder nehme an Tagungen teil. Los geht’s mit Kaffee, und hier wie dort endet der Tag nicht selten spät.

Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat:
Ich denke gerade über die Überlappungen und Abgrenzungen von körperlicher und sexueller Selbstbestimmung als grundrechtlichen Gewährleistungen nach. Was bedeutet es für einen Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung, wenn er in sexualisierender Weise erfolgt? Und welche Bedeutung hat umgekehrt das Körperliche für die sexuelle Selbstbestimmung?

Warum Jura und warum das Öffentliche Recht?
Jura war zunächst eher eine Verlegenheitsentscheidung. Beim Öffentlichen Recht war es anders. Mich interessieren Grund- und Menschenrechte und die Fragen, die sie aufwerfen: Was darf der Staat? Wozu ist er verpflichtet? Wie lassen sich Freiheit und Gleichheit rechtlich sichern? Heute beschäftigt mich besonders, welche Rolle Recht in gesellschaftlichen Transformationsprozessen spielt.

Was ich an meiner Arbeit mag und was mich nervt:
Ich liebe es, mir Projekte auszudenken und mich mit anderen darüber auszutauschen. Wissenschaft ist gar nicht so einsam, wie ihr Ruf besagt. Im Austausch mit jungen Menschen lerne ich außerdem enorm viel. Verzichten könnte ich auf die eine oder andere Verwaltungstätigkeit.

Die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere:
Das zweite Staatsexamen und die Verteidigung meiner Doktorarbeit, beides in der Hochphase der Corona-Pandemie.

Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat:
Ich hatte und habe das Glück, viele tolle Frauen als Lehrerinnen, Mentorinnen und Kolleginnen in meinem beruflichen Leben zu haben: vor allem meine Doktormutter Ulrike Lembke, meine zweite akademische Lehrerin Margarete Schuler-Harms und viele Kolleginnen im Deutschen Juristinnenbund. Sigrid Boysen, eine supercoole Völkerrechtlerin, bringt mich immer wieder dazu, einen Schritt zurückzutreten und mich zu fragen, worauf es mir in meiner Forschung (und im Leben!) wirklich ankommt.

Was Künstliche Intelligenz für meine Arbeit bedeutet:
Für mich bedeutet KI bislang vor allem viel Mehraufwand in der Lehre und der Begleitung von Abschlussarbeiten. Mir ist noch nicht klar, wie ich Studierende auf die mit dem KI-Einsatz verbundenen Herausforderungen am besten vorbereite. Ich selbst bin quasi zur besten Zeit in der Wissenschaft sozialisiert: Ich kann heute die Vorteile der KI nutzen, habe die Grundlagen meines wissenschaftlichen Arbeitens aber noch ohne sie erworben. Es fällt mir nicht schwer, KI-Antworten kritisch zu hinterfragen und, wie es der Wissenschaftsrat so schön nennt, "intellektuell souverän" zu bleiben. Wie man diese Souveränität erwirbt, wenn KI in Alltag und Ausbildung von Anfang an dabei ist, weiß ich noch nicht. 

Mein Verständnis von Freiheit:
Grundrechtliche Freiheit heißt für mich, das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Sie hat eine abwehrrechtliche, aber vor allem auch eine gewährleistungsrechtliche Seite, für die ich mich sehr interessiere: Der Staat hat eine Verantwortung, elementare Entfaltungsbedingungen gewährleisten. Mit der Philosophin Beate Rössler gesprochen: Autonom sind wir nicht allein. Wir sind alle in Beziehungen, Strukturen und Machtverhältnisse eingebettet, die unsere Möglichkeiten zu selbstbestimmtem Entscheiden und Handeln prägen. Eine relationale Perspektive auf Freiheit nimmt diese Bedingungen ernst, ohne Menschen die Fähigkeit zur Selbstbestimmung abzusprechen. Freiheit und Gleichheit gehören für mich dabei eng zusammen.

Ein Paragraf, den ich gerne ändern oder streichen würde:
§ 218 StGB. WTF.

Welches Rechtsgebiet wird sich in naher Zukunft am stärksten verändern und warum?
Ich forsche zum Recht der sozial-ökologischen Transformation. Durch Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, knapper werdende Ressourcen und technologische Umbrüche geraten viele Bereiche in die Bredouille: vom Straßenverkehrs- über das Bau- bis zum Energierecht. Auch das geltende Familien- und Abstammungsrecht kann die gesellschaftliche Realität (z. B. Mehrelternschaft, queere Elternschaft, Wahlfamilien) derzeit nur unzureichend verarbeiten. Dort und im Recht der Reproduktion ist der Veränderungsdruck besonders hoch.

Zwei Ideen für eine Reform der juristischen Ausbildung:
Gender- und Diversity-Kompetenz im DRiG (Deutsches Richtergesetz) als Ausbildungsziel festschreiben. Außerdem sollten Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und der internationale Menschenrechtsschutz (z.B. die Istanbul-Konvention) in der Lehre nicht nur punktuell vorkommen, sondern die gesamte Ausbildung als Querschnittsthemen durchziehen. 

Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:
Staatsorganisationsrecht ist gerade wichtiger und aktueller denn je.

Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Lesenden kennenlernen:

Unbedingt Anke Gimbal, die Geschäftsführerin des Deutschen Juristinnenbundes. Seit 2002 hält sie die Fäden eines großen, ehrenamtlich geprägten Netzwerks zusammen. Sie weiß wie kaum eine andere, was es braucht, damit aus juristischer Expertise konkrete Rechtspolitik wird – und arbeitet dabei meist eher hinter den Kulissen. Höchste Zeit, sie einmal ins Rampenlicht zu holen.

 

Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ronska Grimm | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Lydia Eppler | Charlotte D'Agostino | Natalie Ferdinand | Anika Schürmann | Katharina Landes | Kristin Brocker | Henning Kölsch | Adrian Haase | Inka Brunn | Anna Lissner | Vanessa Pickenpack | Hanna Schmidt | Jennifer Oellig | Gerd Kiparski | Reto Mantz | Jan Spoenle | Sina Dörr | Isabelle Biallaß | Christian Walz | Jannina Schäffer | Anja Schiemann | Susanne Beck | Özge İnan | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.

Zitiervorschlag

Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 24.07.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60492 (abgerufen am: 09.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
ads lto paragraph
ads Transfermarkt people

Ihre Transfermeldung – Sichtbar. Relevant. Reichweitenstark.

Jetzt Pushnachrichten aktivieren

Pushverwaltung

Sie haben die Pushnachrichten abonniert.
Durch zusätzliche Filter können Sie Ihr Pushabo einschränken.

Filter öffnen
Rubriken
oder
Rechtsgebiete
Abbestellen