Köpfe: LTO Most Wanted mit Anja Schie­mann

von Stefan Schmidbauer

03.07.2026

"Keine Strafe für unter 14-Jährige.", sagt Anja Schiemann. Sie würde das Strafmündigkeitsalter sogar anheben. Die Professorin spricht sich auch für eine Abschaffung der Ersatzfreiheitsstrafe und für eine Entlastung der Jurastudierenden aus.

Prof. Dr. Anja Schiemann ist seit April 2022 Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminalpolitik an der Universität zu Köln und seit 2025 Herausgeberin der Zeitschrift für Recht & Literatur (RLit). Dr. Jannina Schäffer hat sie für LTO Most Wanted nominiert.

Mein Getränk und meine Bar: 

Als Kaffeetrinkerin ist mein Getränk im Sommer Espresso Affogato, quasi Getränk und Nachtisch in einem. Eine Bar kenne ich gar nicht, aber im Flames in Euskirchen kann man den leckeren Mocktail San Francisco trinken.

Ein Song, ein Buch, ein Ort: 

Der Song: Honesty von Billy Joel.

Momentan habe ich angefangen, wegen eines geplanten Sammelbandes mit Jannina Schäffer die Sherlock Holmes Romane und Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle zu lesen, und bin begeistert, wie viele Ansätze zu Kriminalistik und Rechtsmedizin da hineingeflossen sind.

Ein Ort: die Felder rund um mein Dorf.

Mein typischer Freitag:

… beginnt mit einem sehr frühen Spaziergang um die Felder bei noch erträglichen Temperaturen. Dann setze ich mich an den Schreibtisch im Kellerbüro meines Homeoffice und bin erst einmal mit Korrespondenz beschäftigt. Anschließend werden die Vorlesungen für die Folgewoche vorbereitet bzw. Folien aktualisiert. Danach hängt es ein bisschen davon ab, was gerade anliegt. Entweder ein Drittmittelantrag, der überarbeitet oder weitergeführt werden muss, Arbeiten, die im Rahmen eines Projektes anstehen und erledigt werden müssen, Examensklausuren, die zu korrigieren sind, oder jetzt gegen Ende des Semesters die Begutachtung der Seminararbeiten im Schwerpunktbereich. Wenn ich Glück und insofern noch die Zeit habe, kann ich mich auch mal einem individuellen Schreibprojekt widmen. Dann telefoniere ich traditionell am Freitagabend ungefähr eine Stunde – mal länger, mal kürzer – mit meiner lieben Freundin Elisabeth. Abends ist dann Zeit mit der Familie angesagt.

Warum Jura?

Tja, das frage ich mich manchmal auch. Eigentlich wollte ich Biologie studieren, habe mich aber nicht getraut, warum auch immer, und begonnen habe ich dann mit Germanistik und Volkswirtschaft. Ich wollte Journalistin werden. Durch ein von einem Germanisten (Brackert) und einem Rechtswissenschaftler (Lüderssen) veranstaltetes Gemeinschaftsseminar bin ich dann bei Jura hängen geblieben. Jura hat auch viel mit Sprache zu tun und mit Schreiben, was mir einfach viel Spaß macht. Letztlich bin ich sehr froh und dankbar, dass ich in die Rechtswissenschaften gewechselt bin.

Das erste juristische Problem, das mich heute beschäftigt hat:

Ich korrigiere aktuell Examensklausuren. Der Fall dreht sich unter anderem um Straßenverkehrs- und Brandstiftungsdelikte. Juristisch weniger spannend, wie ich finde, aber Straßenverkehrsdelikte sind natürlich in der Praxis bedeutsam. Flankierend dann auch das unerlaubte Entfernen vom Unfallort. Ich habe mich gefragt, warum die Vorstöße, hier im Bereich der reinen Sachbeschädigungen eine Entkriminalisierung voranzutreiben, immer wieder im Keim erstickt werden.

Was ich an meiner Arbeit mag und was mich nervt:  

Ich glaube, Professor ist – egal in welcher Disziplin – einfach der schönste Beruf, den es gibt. Man kann forschen, hat sehr viele Freiheiten und den Bezug zu jungen Menschen, die wissbegierig sind und am Anfang ihrer beruflichen Orientierung stehen. Das ist alles sehr erfüllend und bestätigt den Spruch: "Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten".

Das stimmt natürlich nicht immer. So gibt es endlose Gremiensitzungen, das Korsett, viel Stoff beibringen zu müssen und damit zu wenig in die kritische Auseinandersetzung einsteigen zu können, und es stört mich, dass dem wissenschaftlichen Arbeiten im Studium zu wenig Raum gegeben wird. Rechtswissenschaft findet für die Studierenden eigentlich erst im Schwerpunktbereich statt, das ist sehr schade.

Die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere:  

Im abgesteckten 200-km-Radius, der gerade noch familienkompatibel ist, eine Professorenstelle zu finden. Geklappt hat das dann in Münster an der Deutschen Hochschule der Polizei. Das war ein großes Glück. Vor 4 Jahren konnte ich dann heimatnäher an die Universität zu Köln wechseln.

Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat: 

Das waren eigentlich zwei: Prof. Lüderssen, der mir gezeigt hat, dass man die Liebe zur Literatur auch mit dem Recht verbinden kann. Und Prof. Fabricius, der dazu angeregt hat, alles zu hinterfragen, auch bestehende Glaubenssätze in Jura.

Was Künstliche Intelligenz für meine Arbeit bedeutet:

KI ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Universitäten müssen sich umstellen, weil es jetzt darum gehen muss, nicht KI pauschal im wissenschaftlichen Kontext zu verbieten, sondern sinnvoll als Hilfsmittel zu integrieren. Das werden auch zukünftige Arbeitgeber von unseren Studierenden verlangen, und darauf sollten wir sie vorbereiten. Ich selbst nutze, muss ich gestehen, KI kaum, bin aber sehr erstaunt, was meine Kinder alles die KI fragen – darauf würde ich gar nicht erst kommen.

Das Strafmündigkeitsalter sollte:

… auf jeden Fall bei 14 Jahren bleiben und keinesfalls herabgesetzt werden. Im Idealfall sollte es sogar auf 16 Jahre angehoben werden. Das derzeit diskutierte Verantwortungsverfahren könnte bei richtiger Ausgestaltung vielleicht ein Kompromiss sein, allerdings darf dann Verantwortung nicht Schuld heißen und dürfte nie zu freiheitsentziehenden Maßnahmen führen. Also auch dann: keine Strafe für unter 14-Jährige.

Ein Gesetz, das ich schon einmal gebrochen habe:

Ich bin tatsächlich schon einmal bewusst schwarzgefahren, weil der Automat entweder kaputt war oder ich ihn nicht bedienen konnte, so genau konnte ich das nicht klären. Erwischt wurde ich aber nicht.

Ein Paragraf, den ich gerne ändern oder streichen würde: 

Einen? Da kommen mir gleich mehrere in den Sinn und ich frage mich, wo die von der Koalition angedachte Streichung von Bagatellstraftaten geblieben ist. Schwarzfahren wäre ein Streichungskandidat, aber eigentlich sollte man sich in Gänze auch von der Ersatzfreiheitsstrafe verabschieden. Angesichts der divergierenden Auffassungen unterschiedlicher Staatsanwaltschaften und Gerichte sollte man auch darüber nachdenken, den Wortlaut des Beleidigungsstraftatbestands zu schärfen. Die Politikerbeleidigung sollte abgeschafft oder zumindest ebenfalls als reines Antragsdelikt formuliert und auf Kommunalpolitikerebene beschränkt sein.

Zwei Ideen für eine Reform der juristischen Ausbildung: 

Man sollte auf jeden Fall mit dem Rotstift großzügig Inhalte streichen bzw. in das Schwerpunktstudium verlagern. Ich halte es schon für erforderlich, dass sich angehende Juristinnen und Juristen in allen Fachdisziplinen auskennen, das ist ja auch ein großer Vorteil und eine große Stärke unserer deutschen Juristenausbildung. Aber nicht alles aus dem Zivilrecht, Öffentlichen Recht und Strafrecht muss Pflichtstoff für das Staatsexamen sein. Hier sollten die Lernenden massiv entlastet werden.

Daneben müssen die Korrekturen der Staatsexamensklausuren so erfolgen, dass die Noten des Erstgutachters für den Zweitgutachter nicht bekannt sind. Danach ist ein Mittelwert zu bilden. Eine Evaluationsstudie der Ergebnisse sollte dann beurteilen, wie groß die Divergenzen sind und ob es nicht strukturierterer Vorgaben für Benotungen bedarf.

Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:  

Forensische Psychiatrie.

Diese Juristin oder diesen Juristen müssen die LTO-Leser kennenlernen:

Ich schlage Frau Prof. Dr. Susanne Beck vor. Sie ist derzeit Dekanin an der Juristischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover und Inhaberin des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Strafrechtsvergleichung und Rechtsphilosophie. Darüber hinaus ist sie als Schriftstellerin tätig.

 

Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ronska Grimm | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Lydia Eppler | Charlotte D'Agostino | Natalie Ferdinand | Anika Schürmann | Katharina Landes | Kristin Brocker | Henning Kölsch | Adrian Haase | Inka Brunn | Anna Lissner | Vanessa Pickenpack | Hanna Schmidt | Jennifer Oellig | Gerd Kiparski | Reto Mantz | Jan Spoenle | Sina Dörr | Isabelle Biallaß | Christian Walz | Georgia Stefanopoulou | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.

Zitiervorschlag

Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 03.07.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60306 (abgerufen am: 21.07.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
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