Köpfe: LTO Most Wanted mit Özge İnan

von Stefan Schmidbauer

07.08.2026

"Recht wird gesprochen, Gerechtigkeit wird besprochen.", sagt Özge İnan. Sie verrät, warum sie schreibt, stört sich an einer Lücke in der juristischen Ausbildung und liefert ihr Destillat zur Debatte um das Jugendstrafrecht.

Özge İnan ist Juristin, Journalistin und Autorin. Sie schreibt und spricht über Recht und (Un-)Gerechtigkeit. Für ihre Texte wurde Özge İnan mit dem Medienpreis (Nachwuchspreis) des Deutschen Anwaltvereins ausgezeichnet. Ihr aktueller Roman "Die Dichterin" ist am 31. Juli 2026 erschienen.

Özge İnan wurde von Anke Gimbal für LTO Most Wanted nominiert.

Mein Getränk und meine Bar:

Ein frisch gezapftes Pils im Kuckuckszwei, einer gemütlichen Westberliner Kneipe.

Ein Song, ein Buch, ein Ort:

"The last great American Dynasty" von Taylor Swift – das perfekte Beispiel dafür, was Swift für eine großartige Geschichtenerzählerin ist. 

"Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow hat mich mitgerissen wie selten ein Buch zuvor. 

Wer einmal in Istanbul war, denkt bei "ein Ort" wohl immer ein bisschen an Istanbul. 

Warum Jura?

Lange dachte ich: Jura, weil ich Strafverteidigerin werden will. Heute, wo ich mich in den Journalismus abgesetzt habe, weiß ich: Jura, weil man nirgendwo so gut lernt, Argumente zu destillieren und abzuwägen. Und weil ich diese Fähigkeit in meinem Beruf jeden Tag brauche. 

Ich schreibe, weil:

Es mir wahnsinnig Spaß macht und das Gefühl gibt, an unserer Gesellschaft mitzubauen, statt ihr nur ausgesetzt zu sein. 

Mein typischer Freitag:

Besteht wahrscheinlich darin, an irgendeinem Text zu arbeiten, den ich schon am Donnerstag hätte abgeben sollen. 

Was ich an meiner Arbeit mag und was mich nervt:

Ich mag, dass ich Gehör und Gegenwind finde. Mich nerven Konkurrenzdruck und Buchhaltung (in wechselnder Heftigkeit, je nachdem, wie nah das Ende des Quartals rückt).

Die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere:

Kritik nie persönlich, aber immer ernst zu nehmen. Und stets zu wissen, was ich vielleicht in der oben erwähnten Kneipe bei oben erwähntem Bier, aber nicht auf einer Bühne in ein Mikrofon sagen kann. 

Der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit:

Recht wird gesprochen, Gerechtigkeit wird besprochen.

Die Person, die mich beruflich am stärksten geprägt hat:

Als Juristin: Kirstin Drenkhahn, Professorin in meinen Schwerpunktvorlesungen Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht.

Als Journalistin: Ralf Wiegand, Leiter des Investigativressorts der Süddeutschen Zeitung und mein erster Praktikumschef.

Als Schriftstellerin: Hannes Ulbrich, mein Lektor beim Piper Verlag. 

Was Künstliche Intelligenz für meine Arbeit bedeutet:

Eins von vielen Werkzeugen beim Recherchieren, eine Plage bei allem anderen.

500 Zeichen zur Debatte um das Jugendstrafrecht:

Es gehört zu den großen Errungenschaften der Aufklärung, auf Jugendliche und Heranwachsende anders zu blicken als auf Erwachsene. Wer Erkenntnisse aus Psychologie und Pädagogik ernst nimmt, der muss sie auch auf das Strafrecht anwenden. Eine davon: Setzt der Staat auf Wiedergutmachung und Erziehung, bringt das meistens bessere Ergebnisse als harte Haftstrafen. Das kann tragisch nach hinten losgehen. Aber die Antwort ist nicht restriktiveres – und damit wissenschaftsfernes – Recht, sondern bessere Prävention und Schutz queerer und anderer vulnerabler Gruppen.

Ein Paragraf, den ich gerne ändern oder streichen würde:

Schwangerschaftsabbruch und Erschleichen von Leistungen haben nichts im Strafgesetzbuch zu suchen. 

Zwei Ideen für eine Reform der juristischen Ausbildung:

Mehr Gruppenarbeit, vor allem in der Examensvorbereitung. Und Grundlagen des Asyl- und Aufenthaltsrechts auf den Lehrplan. Es kann nicht sein, dass das ganze Land seit über einem Jahrzehnt nonstop darüber diskutiert und fast niemand weiß, wie das eigentlich funktioniert.

Eine Vorlesung, die Jura-Studierende auf keinen Fall schwänzen sollten:

Die Einführungsvorlesung ins Strafrecht von Gerhard Seher an der Freien Universität Berlin. Seher, der neben Jura auch Philosophie und Geschichte studiert hat, vermittelt nicht nur das Recht, sondern das Hinterfragen des Rechts als Machtinstrument. In diese Vorlesung würde ich gerne alle schicken, die sich gerne über vermeintliche Kuscheljustiz aufregen.

 

Mehr Most Wanted? Tom Braegelmann | Incoronata Cruciano | Joachim Ponseck | Marc Roberts | Maximilian Riege | Fatima Hussain | Anne Graue | Victoria Fricke | Ann-Kathrin Ludwig | Stephanie Beyrich | Christiane Eymers | Martina Rehman | Martina Flade | Saskia Schlemmer | Marco Buschmann | Neda Wysocki | Anosha Wahidi | Gregor Gysi | Dirk Wiese | Konstantin von Notz | Sabine Stetter | Katharina Humphrey | Jutta Otto | Hanno Kunkel | Alfred Dierlamm | Mohamad El-Ghazi | Jan Philipp Albrecht | Helene Bubrowski | Ali B. Norouzi | Naila Widmaier | Andrej Umansky | Tijen Ataoğlu | Philippos Botsaris | Ralf Leifeld | Holger Dahl | Herta Däubler-Gmelin | Volker Römermann | Jerry Roth | Sebastiaan Moolenaar | Eckart Brödermann | Dominique Grüter | Vivian Kube | Vera Keller | Ronska Grimm | Laurent Lafleur | Kristin Pfeffer | Christina Gassner | Sonja Detlefsen | Lydia Eppler | Charlotte D'Agostino | Natalie Ferdinand | Anika Schürmann | Katharina Landes | Kristin Brocker | Henning Kölsch | Adrian Haase | Inka Brunn | Anna Lissner | Vanessa Pickenpack | Hanna Schmidt | Jennifer Oellig | Gerd Kiparski | Reto Mantz | Jan Spoenle | Sina Dörr | Isabelle Biallaß | Christian Walz | Jannina Schäffer | Anja Schiemann | Susanne Beck | Georgia Stefanopoulou | Dana Valentiner | Konstantin Grubwinkler | Michael Kubiciel | Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben finden Sie hier.

Zitiervorschlag

Köpfe: . In: Legal Tribune Online, 07.08.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60573 (abgerufen am: 13.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
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