Chloé Lignier über ihre Entscheidung für Jura und gegen das Lehramt, Herausforderungen im Lockdown und Bob Marley für kleine und große Ohren.
Dr. Chloé Lignier ist Rechtsanwältin und Partnerin bei Morgan Lewis & Bockius. Aus der Niederlassung in München heraus unterstützt sie ihre Mandanten bei Transaktionen in den Bereichen M&A, Private Equity und Venture Capital. Darüber hinaus berät sie Vorstände und Aufsichtsräte von Unternehmen auch zu Aspekten der Corporate Governance.
Mein typischer Montag:
Ich nehme mir vor, um 6.30 Uhr aufzustehen, und stehe dann um 7 Uhr auf. Zusammen mit meinem Mann bereite ich unseren einjährigen Sohn für die Kita vor und bringe ihn zu Fuß dorthin. Im Büro bin ich gegen 8.30 Uhr. Da ist es auf unserer Etage noch relativ ruhig, was ich nutze, um die Woche zu strukturieren und administrative Aufgaben zu erledigen. Um 11 Uhr folgt unser Team-Meeting, in dem wir die laufenden Mandate besprechen und die Workstreams für die Woche aufteilen. Im Anschluss stehen Calls, Lunch-Termine mit dem Team oder Mandanten sowie die Bearbeitung laufender Mandate auf der Agenda. Gegen 19 Uhr bringe ich unseren Sohn ins Bett, bevor es zurück an den Schreibtisch geht.
Mein Getränk und meine Bar:
Ein Glas Champagner im Lagunak in Anglet mit Blick auf den Leuchtturm von Biarritz.
Ein Song, ein Buch, ein Vorbild:
Three Little Birds von Bob Marley, weil auch unser Sohn das liebt.
Von Menschen und Mäusen von John Steinbeck.
Meine Eltern.
Ich habe Jura studiert, weil:
Ich komme aus einer französischen Familie ohne juristischen Hintergrund. Wie ich auf die Idee kam, Jura in Deutschland zu studieren (und de facto gleichzeitig Deutsch und Jura zu lernen), ist mir selbst immer noch ein Rätsel. Ich war damals auf einer französischen Vorbereitungsschule (classe préparatoire aux grandes écoles) mit Schwerpunkt Soziologie, Mathematik und Sprachen und wollte unbedingt danach ins Ausland. Es bot sich mir die Möglichkeit, die Aufnahmeprüfung für den Deutsch-Französischen Magisterstudiengang (DFM) zu machen, und ich dachte: Mit Jura kann man nichts falsch machen. Die ersten zwei Jahre in Köln fand ich großartig. Meinen ursprünglichen Plan, nach Bordeaux zurückzugehen und Deutsch- oder Soziologielehrerin zu werden, habe ich dann schnell verworfen. Manchmal kommt es im Leben eben ganz anders als geplant, c’est la vie!
Das größte Plus in meinem Job:
Die abwechslungsreichen, spannenden Mandate und die vielen inspirierenden und beeindruckenden Menschen, die man trifft und mit denen man arbeitet.
Das größte Minus in meinem Job:
Die Unplanbarkeit der Woche (die ich bis zur Geburt meines Sohnes ehrlicherweise nie als Minus empfunden habe).
Das Mandat, das mich bisher am meisten herausgefordert hat:
Der Einstieg eines Infrastrukturfonds bei einem Energieunternehmen. Die Transaktion war juristisch äußerst komplex, das involvierte Team sehr groß, und kurz vor dem Signing traf uns der erste Covid-Lockdown. Bis dahin hatte ich noch keinen einzigen Tag im Homeoffice gearbeitet. Plötzlich mussten wir die räumliche Trennung des Teams meistern, technische Hürden überwinden und das Signing in einem nahezu menschenleeren Frankfurt unter Pandemiebedingungen durchführen. Im Nachhinein fragen wir uns immer noch, wie wir das alles so erfolgreich gemeistert haben.
Meine härteste berufliche Entscheidung:
Im Berufsleben bin ich sehr entscheidungsfreudig. Aber private Veränderungen fallen mir schwer. Für mich war es emotional herausfordernd, als Anwältin in Deutschland anzufangen. Denn damit war klar, dass mein Lebensmittelpunkt erstmal nicht mehr in Frankreich sein würde. Im Nachhinein betrachtet war die Entscheidung absolut richtig – ich würde jederzeit wieder so entscheiden. Trotzdem vermisse ich Frankreich, die Kultur und meine Familie im Alltag manchmal schon sehr.
Ein gängiges Vorurteil zur Arbeit in Großkanzleien, das voll zutrifft:
Hohe Erwartungen der Mandanten und unvorhersehbare Arbeitszeiten.
Anwalts- und Kanzleirankings finde ich:
Interessant, ich nehme sie aber nicht allzu ernst (auch wenn ich mich natürlich immer über ein Ranking freue).
Die größte Hürde auf meinem Weg zur Partnerin:
Das Vertrauen und die Geduld nicht zu verlieren, was aber viel einfacher ist, wenn man Spaß an der Arbeit und ein tolles Team um sich hat.
Was sich ändern muss, damit der Anteil der Equity-Partnerinnen in Großkanzleien steigt:
Ich möchte das konkretisieren: Damit es mehr Equity-Partnerinnen mit Kindern in Großkanzleien gibt, muss sich noch einiges tun. Vor allem müssen sich die Mentalitäten ändern. Mein Mann wird oft dafür gelobt, dass er mich "unterstützt". Da habe ich ein echtes Störgefühl. Mein Mann ist ja weder mein Assistent noch mein Praktikant, sondern wir betreuen unseren Sohn gemeinsam; er übernimmt seinen Teil genauso wie ich meinen. Ich glaube allerdings auch, die tiefgreifendsten Veränderungen müssen sowohl in der Gesellschaft als auch in den Strukturen und Einstellungen innerhalb der Familien erfolgen. Viele Großkanzleien sind im Vergleich dazu bereits auf einem sehr guten Weg. Hier beobachte ich bereits sehr positive Entwicklungen und habe selbst nur Verständnis und Unterstützung von meinem Team erlebt.
Künstliche Intelligenz ist für die Rechtsberatung:
Ein hervorragendes Instrument, das ich täglich nutze. Sicherlich nicht als Ersatz für juristische Urteilskraft und Fachwissen, aber als Effizienz und Innovationsmotor.
Ein Gesetz oder Paragraf, das/der dringend überarbeitet werden sollte:
Wenn ich ein Gesetz außerhalb des Wirtschaftsrechts nennen darf: der Opferschutz bei Sexualdelikten. Hier braucht es meines Erachtens eine Nachjustierung der Strafzumessung, um der Schwere der Taten sowie dem gesellschaftlichen Schutzanspruch der Opfer besser gerecht zu werden.
Eine Idee zur Reform der juristischen Ausbildung:
Die juristische Ausbildung sollte noch praxisorientierter gestaltet werden. Studierende sollten sich früher spezialisieren können. Interdisziplinäres Denken und vor allem digitale Kompetenz, der Umgang mit Legal Tech und KI, sollten systematisch gefördert werden, damit Absolventinnen und Absolventen nicht nur juristisch exzellent, sondern auch praxisnah und zukunftsorientiert arbeiten können.
Frauen sind auf der Partnerebene in Großkanzleien unterrepräsentiert. In den 20 umsatzstärksten Kanzleien am deutschen Markt liegt der Frauenanteil in den Equity-Partnerschaften bei 16 Prozent (Bericht der AllBright Stiftung), bei den Top 100 sind es 13 Prozent (Studie London School of Economics & Juve).
Gestützt auf Empfehlungen aus der Branche widmet LTO Vertreterinnen dieser seltenen Art ein Most Wanted Spezial. Bereits erschienen sind die Ausgaben mit Ana Bruder (Mayer Brown), Verena Nosch (Freshfields), Laura Zentner (Greenberg Traurig), Alexandra Schluck-Amend (CMS) und Anne Grewlich (Ashurst). Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben von LTO Most Wanted finden Sie hier.
13-Prozent-Edition: . In: Legal Tribune Online, 10.12.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58608 (abgerufen am: 19.02.2026 )
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