13-Prozent-Edition: LTO Most Wanted mit Alex­andra Schluck-Amend

von Stefan Schmidbauer

04.12.2025

Alexandra Schluck-Amend über Jura auf den zweiten Blick, die Begeisterung an der Lösung existenzieller Situationen und fehlende Flexibilität im Arbeitszeitgesetz.

Dr. Alexandra Schluck-Amend ist Betriebswirtin, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Insolvenz- und Sanierungsrecht. Bei CMS Deutschland, wo sie seit 2002 tätig ist und 2008 in die Partnerschaft aufgenommen wurde, leitet sie den Geschäftsbereich Restrukturierung & Insolvenz.

Mein typischer Montag:

Start mit einem Espresso, Überblick über die Woche, Teambesprechung um 8.30 Uhr, erste Calls – und meist direkt rein in komplexe Restrukturierungsfragen.

Mein Getränk und meine Bar:

Am Samstagnachmittag ein Afogato im Straßencafé oder abends einen alkoholfreien Cocktail in einer der tollen Bars, die wir in Stuttgart haben, z.B. im Jigger&Spoon, einem ehemaligen Tresorraum einer Bank. Wenn es um einen Tipp geht, ist auch die Kessler-Sekt Bar direkt vor der Tür unseres Büros ein guter Platz für ein Treffen nach der Arbeit, ebenso wie der Stadtbesen, der neben gutem Wein auch Essen anbietet. Wichtiger als das Getränk oder die Bar sind für mich aber die Menschen, mit denen ich mich dort oder aber auch zuhause gerne zu tiefgründigen Gesprächen treffe.

Ein Song, ein Buch, ein Vorbild:

Der Song "What a Wonderful World" von Louis Armstrong hebt das Schöne und Bedeutende des Lebens hervor und macht deutlich, wie einzigartig jeder Moment und jeder Mensch ist.

Das Buch "Frau Komachi empfiehlt ein Buch" von Michiko Aoyama finde ich sehr berührend. Es zeigt, wie wichtig und wertvoll es ist, einen Sinn im Leben zu finden. Die Lektüre hat mich einmal mehr dankbar dafür gemacht, dass ich einen erfüllenden Beruf und sinnstiftende Freizeitbeschäftigungen habe.

Vorbild für mich ist mein Doktorvater Professor Hommelhoff, der mich zum Wirtschaftsrecht gebracht hat mit der Begründung, dass es in diesem Rechtsgebiet Menschen mit Haltung und einem klaren Wertekompass braucht.

Ich habe Jura studiert, weil:

Ich habe mit 18 Jahren danach gesucht, meine Talente zum Wohl der Menschen einzubringen. Anfangs dachte ich an die Unterstützung von Frauen und Kindern, die um Unterhaltszahlungen kämpfen müssen. Da mir damals ein Lehrer vom Jurastudium abgeraten hatte mit der Begründung, da müsse so viel auswendig gelernt und wenig verstanden werden und ich solle meine naturwissenschaftliche und mathematische Begabung doch nutzen, habe ich zuerst BWL studiert. Im BWL-Studium waren dann Jura und VWL meine Lieblingsfächer, sodass ich nach dem Abschluss des BWL-Studiums dann doch noch Jura studierte. Die Verbindung von Struktur, Argumentation und gesellschaftlicher Relevanz fasziniert mich bis heute.

Das größte Plus in meinem Job:

Mich begeistert die Möglichkeit, Unternehmen in existenziellen Situationen zu begleiten und echte Lösungen zu entwickeln. Schön dabei ist, dass ich hier mein ganzes Talent einbringen kann – es geht nicht nur um Jura, sondern auch um Empathie, Kommunikation, Struktur und Vertrauen.

Das größte Minus in meinem Job:

In der Regel ist kein Tag wirklich planbar. Jeden Tag gibt es eine Überraschung mit hoher Taktung und Komplexität – aber genau das macht den Reiz für mich aus.

Das Mandat, das mich bisher am meisten herausgefordert hat:

BMWK: Stabilisierung der Gasimporteure (Uniper und SEFE/Gazprom Germania) in 2022 – Anwendung meines gesamten betriebswirtschaftlichen und juristischen Wissens in kürzester Zeit, Beratung im politischen Umfeld und zudem hohe mediale/gesellschaftliche Erwartungshaltung– rechtlich, politisch und wirtschaftlich ein Ausnahmefall.

Meine härteste berufliche Entscheidung:

Die Mandate in der Energiekrise im Jahr 2022 unter enormem Zeitdruck und politischer Dynamik zu strukturieren – mit weitreichenden Folgen, so nah an der Politik und den Entscheidungsträgern dran zu sein und jeden Tag in den Nachrichten den eigenen Fall zu sehen, war schon sehr besonders und sicherlich auch mit einem hohen Druck verbunden, da Lösungen in einer sehr schwierigen Gemengelage effektiv gefunden werden mussten.

Ansonsten war persönlich die Entscheidung hart, zwischen der Wissenschaft und der Anwaltstätigkeit zu entscheiden. Ich habe mich für den Anwaltsberuf entschieden, da ich mir die Lösung von Rechtsfragen ohne Mandanten nicht mehr vorstellen konnte. Da mir Wissenschaft und Lehre aber sehr am Herzen liegen, versuche ich beides zu vereinen und freue mich immer, wenn ich junge Juristen (Studenten, Referendare und Kollegen) begleiten darf und ganz besonders, wenn ich an die Uni nach Heidelberg zum Unterrichten komme.

Ein gängiges Vorurteil zur Arbeit in Großkanzleien, das voll zutrifft:

Als Anwalt ist man voll und ganz gefordert – eine Großkanzlei ist aber auch voller spannender Inhalte und kluger Köpfe.

Anwalts- und Kanzleirankings finde ich:

Relevant, wenn sie auf Substanz beruhen, oft aber auch nicht wirklich nachvollziehbar. Über Auszeichnungen, die auf fundierten Recherchen beruhen freue ich mich, es ist aber nicht so, dass ich danach strebe. Positives direktes Feedback von Mandanten und gute Ergebnisse im Mandat oder die Fortentwicklung des Rechts – das ist das, was mir wichtig ist.

Die größte Hürde auf meinem Weg zur Partnerin:

Gesellschaftliche Konventionen und Vorurteile gegenüber Frauen, die beruflich klar ihren Weg gehen wollen. Nicht ständig verfügbar zu sein, sondern planen zu müssen, um die Prioritäten für die Familie und den Beruf richtig setzen zu können. Ich hatte dabei das große Glück mit meinem Mann einen echten Partner an der Seite zu haben, mit dem ich mir die Verantwortung für unsere Kinder fair geteilt habe.

Was sich ändern muss, damit der Anteil der Equity-Partnerinnen in Großkanzleien steigt:

Mehr echte Förderung, weniger symbolische Programme und klare strukturelle Veränderungen. Erst wenn es in unserer Gesellschaft selbstverständlich ist, dass Eltern sich gemeinsam um Kinder kümmern, wird das auch in Großkanzleien wirklich ankommen. Bei CMS sind wir bereits auf einem sehr guten Weg.

Künstliche Intelligenz ist für die Rechtsberatung:

Ein leistungsstarkes Werkzeug, das meine Arbeit sinnvoll ergänzt – aber nicht ersetzt. Sie kann Prozesse beschleunigen, Informationen strukturieren und wertvolle Denkanstöße liefern. In meinem Alltag geht es jedoch vor allem darum, zunächst das eigentliche Problem klar herauszuarbeiten und die passende Strategie zu entwickeln. Gerade bei dieser ganzheitlichen und verantwortungsvollen Herangehensweise kann Künstliche Intelligenz unterstützen – die letztliche Einordnung, Bewertung und Entscheidung bleibt aber beim Menschen.

Ein Gesetz oder Paragraf, das/der dringend überarbeitet werden sollte:

Die Strafbarkeit wegen Überschuldung sollte abgeschafft werden, da es für Geschäftsführer schwer ist, den genauen Zeitpunkt des Eintritts der Überschuldung festzustellen.

Außerdem müsste dringend das Arbeitszeitgesetz geändert werden. Die gesetzlich geforderten Ruhezeiten verbieten Familien kompatible Arbeitszeiten, wie etwa Arbeit am Vormittag, dann eine lange Pause am Nachmittag und wieder Arbeit am Abend. 

Eine Idee zur Reform der juristischen Ausbildung:

Aufgrund meiner umfangreichen Erfahrungen in verschiedenen Mandaten, bei denen nicht nur spezifisches Fachwissen, sondern auch ein umfassender Ansatz erforderlich ist, bin ich ein großer Befürworter des sogenannten Einheitsjuristen. Meiner Meinung nach ist nicht so sehr das Spezialwissen entscheidend, sondern vielmehr die Fähigkeit, Probleme ganzheitlich zu betrachten und zu lösen. Diese Herangehensweise ermöglicht es, komplexe Sachverhalte besser zu verstehen und fundierte, praktische Lösungen zu erarbeiten. Das sollte in der Ausbildung schwerpunktmäßig trainiert werden. Die anwaltsorientierte Juristenausbildung – wie sie in Heidelberg seit 30 Jahren praktiziert wird – ist hierfür m.E. der richtige Ansatz, der ausgerollt werden sollte. Verschiedene Perspektiven, Lösungsansätze und kritisches Denken sowie Softskills zu trainieren, macht auch fit vor dem Hintergrund der Herausforderungen, die KI mit sich bringt.

 

Frauen sind auf der Partnerebene in Großkanzleien unterrepräsentiert. In den 20 umsatzstärksten Kanzleien am deutschen Markt liegt der Frauenanteil in den Equity-Partnerschaften bei 16 Prozent (Bericht der AllBright Stiftung), bei den Top 100 sind es 13 Prozent (Studie London School of Economics & Juve). 

Gestützt auf Empfehlungen aus der Branche widmet LTO Vertreterinnen dieser seltenen Art ein Most Wanted Spezial. Bereits erschienen sind die Ausgaben mit Ana Bruder (Mayer Brown), Verena Nosch (Freshfields), Laura Zentner (Greenberg Traurig), Chloé Lignier (Morgan Lewis & Bockius) und Anne Grewlich (Ashurst). Die Übersicht mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben von LTO Most Wanted finden Sie hier.

Beteiligte Kanzleien

Zitiervorschlag

13-Prozent-Edition: . In: Legal Tribune Online, 04.12.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58597 (abgerufen am: 15.01.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
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