LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Väterfreundliche Kanzleien: "Familie ist kein Tabu­thema mehr"

von Désirée Balthasar

26.04.2016

Einen familienfreundlichen Arbeitgeber wünschen sich nicht nur junge Mütter. Diversity-Beraterin Anna Engers erzählt von den Sorgen junger Väter und davon, wie sich die Kultur in den Kanzleien allmählich wandelt.

LTO: Wissen Väter in Kanzleien eigentlich, dass auch sie Anspruch auf Elternzeit haben?

Anna Engers: Natürlich wissen sie das. Außerdem verweisen die Kanzleimanager gleich auf das Gleichbehandlungsgesetz, wenn man sie nach der Väterfreundlichkeit fragt. Und natürlich hat niemand etwas dagegen, wenn männliche Anwälte Elternzeit nehmen. Doch davon, dass sich zum Beispiel Eltern die Elternzeit gleichberechtigt aufteilen, sind wir in den Kanzleien noch meilenweit entfernt. Mehr als die typischen zwei Monate nehmen Väter kaum.

LTO: Woran liegt das?

Anna Engers: Es ist schlicht noch nicht akzeptiert. Möchte ein Anwalt sechs Monate Elternzeit nehmen, wird er auf kein Verständnis treffen. Die Kanzleien haben sich in den vergangenen fünf Jahren langsam an die zwei Monate herangearbeitet. Immerhin ist das bereits ein großer Fortschritt, wenn man bedenkt, dass bei Einführung des Elterngeldes zu Beginn des Jahres 2007 niemand im Traum daran gedacht hätte, als Anwalt in Elternzeit zu gehen.

Und ehrlicherweise muss man sagen, dass das Umfeld der Großkanzlei nicht für Familienzeit geschaffen ist. Wer sich dafür entscheidet, dem ist klar, dass er nicht viel Zeit für die Familie freischaufeln wird. In kleineren Einheiten ist das schon realistischer – auch wenn hier nicht notwendigerweise weniger gearbeitet wird. Hier sind die Strukturen häufig weniger starr,  was die Einteilung der Arbeitszeit flexibler gestalten lässt.

Führungsqualitäten bestimmen Elternfreundlichkeit

LTO: Was wäre Ihrer Meinung nach ein väterfreundlicher Arbeitgeber?

Anna Engers: Für mich ist es mehr als die bloße Abarbeitung von Diversity-Maßnahmen, wie etwa die Elternzeit. Es geht um die innere Haltung: 'Wie gehe ich mit meinem Team um? Wie begegne ich Menschen?'. Denn darauf basiert mein Handeln, wenn ich Probleme lösen muss. Es geht also um Führungsqualitäten, Kommunikation und Eigenverantwortung.

LTO: Nehmen wir an, ein Anwalt aus einem Team einer Kanzlei fordert Elternzeit ein. Wie ist die typische Reaktion darauf von Seiten des Managements?

Anna Engers: Da Juristen darauf gepolt sind, Probleme zu finden und zu lösen, sehen die allermeisten hier erst mal ein Problem. 'Was tun wir, während er weg ist? Wie organisieren wir die Arbeit?' Diese Herangehensweise, in der das Problem im Fokus steht, ist natürlich schwierig. Besser wäre es, die positiven Seiten zu betrachten. 'Wie kommt er nach dieser Zeit zurück? Welche Fähigkeiten wird er erlernt haben? Wie groß wird seine Motivation sein?' Sieht man nicht das Problem, sondern die Chance, dann ist man als Kanzlei elternfreundlich.

"Väterfreundlichkeit ist mehr als 2 Monate Elternzeit"

LTO: Viele Partner werden nun einwenden, dass die Arbeit doch irgendwie erledigt werden muss in der Abwesenheit.

Anna Engers: Ganz klar muss sie das. Doch Väterfreundlichkeit geht ja über die zwei Monate Elternzeit hinaus. Da kommen dann Maßnahmen wie Home Office, Sabbatical oder flexible Arbeitszeiten ins Spiel. Und auch hier entscheidet die Führungsqualität des verantwortlichen Partners. Denn wenn die Arbeit unter den Anwälten gut organisiert ist und diese eigenverantwortlich entscheiden, sollte es kein Problem darstellen. Immerhin sind Wirtschaftsanwälte prinzipiell sehr pflichtbewusst, klug und ehrgeizig. An der Einstellung zur Arbeit scheitert es also nicht. Sondern daran, wie grundsätzlich mit dem Thema Familie umgegangen wird.

LTO: Welchen Stellenwert hat die Familie heutzutage in den Kanzleien?

Anna Engers: Wir befinden uns glücklicherweise nicht mehr in Zeiten, als die Familie totgeschwiegen wurde. Kinder werden sichtbarer, sie werden mitgebracht und man hört ihre Stimmen in den Fluren. Manche Kanzleien haben sogar Kinderbüros eingerichtet. Früher hatte man natürlich auch eine Familie und präsentierte sie auf dem Sommerfest. Aber das restliche Jahr sah und hörte man nichts von ihr. Heute ist die Familie kein Tabuthema mehr. Das ist der eigentliche, tiefgreifende Wechsel, der gerade stattfindet.

"Es zählt nicht mehr nur die reine Arbeitskraft"

LTO: Können Sie diesen Wandel genauer erklären?

Anna Engers: Bevor dieser Wechsel eingesetzt hat, war es üblich, nur das Geld, den Beruf und die Arbeitsleistung zu sehen. Alles andere hatte in Kanzleien nichts zu suchen. Derartige Sozietäten gibt es sicher heute auch noch. Aber die meisten haben begonnen, den Menschen hinter dem Anwaltsprofil wahrzunehmen.

Es zählt nicht mehr nur die reine Arbeitskraft, sondern der ganze Mensch wird mit eingekauft. Und dieser Mensch hat Bedürfnisse. Zum Beispiel kommt man heute auch mal später ins Büro, weil das Kind krank ist oder geht früher, weil ein Sportturnier ansteht. Und wenn die Familie einen höheren Stellenwert bekommt, machen auch Frauen Karriere.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Väterfreundliche Kanzleien: "Familie ist kein Tabuthema mehr" . In: Legal Tribune Online, 26.04.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19205/ (abgerufen am: 20.09.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 26.04.2016 15:46, GrafLukas

    > Die Ausbildung in den ersten Berufsjahren von Anwälten kostet
    > schon mal einen sechsstelligen Betrag.
    Man hört so etwas gelegentlich, ich frage mich nur: Wie kommt man darauf? In den meisten Kanzleien billt doch ein 1-year-Associate von Tag 1 an. Er braucht vielleicht länger als ein erfahrener Kollege, aber dieses "Lehrgeld" zahlt doch im Zweifel der Mandant, oder es werden Stunden eben teilweise abgeschrieben. Trotzdem ist doch jeder Anfänger in der Großkanzlei mehr als kostendeckend.

    Woher kommt deshalb diese Zahl? Ist das die Differenz zu dem Betrag, den der Associate mit denselben Aufgaben 2 Jahre später hätte erwirtschaften können? Sind da Arbeitszeiten von Partner und anderen Kollegen eingestellt, die "zur Ausbildung" draufgehen?

  • 27.04.2016 08:38, Max

    Frau Engers eiert in bemerkenswerter Länge um die Kernaussage herum: Junge Väter haben überhaupt keine Ambitionen 60+h / Woche zu arbeiten (genau so wie junge Mütter, mittelalte Väter und Mütter, Hedonisten...).

    Die Entwicklung ist, unabhängig davon ob es Teilzeitmodelle sind oder gesetzlich flankierte Auszeiten wie die Elternzeit, die, dass man für dieselbe Arbeitslast in Kanzleien in Zukunft mehr Mitarbeiter zu jeweils geringeren Arbeitsanteilen (und geringeren Löhnen) anstellen wird.

    Denn die Rechnung ist simpel: Ein gut qualifizierter Jurist kann entweder in einem starren Arbeitsumfeld 80-110k brutto verdienen, dafür auf seine Familie verzichten und eine private Altersvorsorge aufbauen. Oder aber 45k brutto verdienen, verbeamtet, mit flexiblen Teilzeitmodellen wenn nötig / gewünscht, und einer sicheren Pension, deren Ansprüche selbst während der Teilzeit erworben werden.