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Frauen in der Equity-Partnerschaft: So selten wie ein Vege­ta­rier in einer Metz­gerei

Kommentar von Dr. Anja Hall

23.01.2019

Frauen bleiben in den Equity-Partnerschaften der großen Law Firms eine Minderheit. Weil sie zugunsten von Familie auf die Karriere verzichten, heißt es in den Sozietäten. Das ist aber wohl nur ein Teil der Wahrheit, meint Anja Hall.

Jedes Jahr das gleiche Spiel: Die heimischen Wirtschaftskanzleien verkünden stolz, dass sie neue Partner ernannt haben – und bei genauerer Betrachtung stellt man fest: Es sind fast nur Männer, die den Karrieresprung in die Equity-Partnerschaft geschafft haben. Wie kann das sein, in Deutschland im Jahr 2019?

Der Anteil der Partnerinnen in den größten deutschen Sozietäten stagniert bei sieben bis 16 Prozent. Verbesserungen sind über die Jahre hinweg allenfalls marginal. Die Kanzleien können froh sein, dass es für sie keine verbindliche Quote für Frauen in Führungspositionen gibt.

Fragt man in den Kanzleien nach, warum es so wenige Frauen unter den Partnern gibt, dann geht das Gedruckse los. Natürlich sind die Gründe, warum eine Anwältin nicht Partnerin wird, so vielfältig wie Menschen nun einmal sind. Mit dem Thema ließen sich ganze Bibliotheken füllen.

Ein Aspekt jedoch verdient es, genauer unter die Lupe genommen zu werden: Viele Kanzleien berichten, dass sich im Pool der Partnerkandidaten vor allem Männer tummeln, weil die Frauen längst die Kanzleien verlassen hätten, wenn dieser Karriereschritt anstehe. So ergebe sich ein Männerüberhang, der sich dann zwangsläufig auch in den Ernennungen widerspiegele.

Warum geben Frauen auf, bevor es richtig losgeht?

Abgesehen davon, dass diese These für Außenstehende schwer überprüfbar ist, stellt sich die nächste Frage: Warum geben die Frauen denn schon auf, bevor es richtig losgeht? Wegen der Familienplanung, sagt man in den Law Firms. Wenn Frauen vorhaben Kinder zu bekommen, dann scheine ihnen ein halbwegs geregeltes Familienleben mit einem Großkanzlei-Job nicht vereinbar. Sie wechselten lieber in ein Unternehmen, eine Behörde oder an ein Gericht, wo die Arbeitstage besser planbar seien. In den Kanzleien findet man das bedauerlich und verweist auf die zahllosen Möglichkeiten, flexibel von zu Hause aus zu arbeiten, die Arbeitszeiten nach Bedarf anzupassen, Sabbaticals zu nehmen usw.

Es stimmt ja auch: Die großen Sozietäten haben sich in den vergangenen Jahren viel einfallen lassen, um die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf zu verbessern – für Frauen wie für Männer. Und die Bekenntnisse, dass ihnen die Förderung von Frauenkarrieren am Herzen liegt, klingen glaubwürdig. Zumal es wirtschaftlich völlig unsinnig wäre, junge Associates kostspielig auszubilden, nur um sie nach drei oder vier Jahren wieder ziehen zu lassen.

Doch die vielen Förderprogramme sind das eine, die Realität in den Kanzleien das andere. Und die ändert sich nur im Schneckentempo. Womöglich ist es für Frauen gar nicht so attraktiv, eine Partnerkarriere einzuschlagen? Denn auch wenn das Management gute Gründe für Frauen- oder besser: Familienfreundlichkeit anführt und sie von oben herab verordnet, heißt das noch lange nicht, dass alle Partner ihre Associate freudestrahlend umarmen, wenn sie sagt, sie will Partnerin werden, aber bitte in Teilzeit. Denn diejenigen, die jetzt Partner sind, haben für ihre Karriere viel geopfert und sehen ihre Kinder bestenfalls am Wochenende. Wenn Frauen nun auch in die Partnerschaft wollen – nur zu! Aber warum sollen sie es leichter haben?

Frauen brauchen viel Mut in der männerdominierten Kanzleiwelt

Frauen brauchen viel Mut, wenn sie eine Partnerkarriere anstreben. Die Welt der Wirtschaftskanzleien ist männerdominiert, und das wird sich in den nächsten Jahren auch nicht ändern. Es gibt kaum weibliche Vorbilder, an denen sich junge Anwältinnen orientieren können. Schaffen sie es irgendwann in die Partnerschaft, müssen sie sich darauf einstellen, in der Partnerversammlung einer Minderheit anzugehören, bloß weil sie eine Frau sind. Das kann auf Dauer durchaus verdrießlich werden.

Bekommen die Frauen auch noch Kinder und wollen sie nicht in vorauseilendem Gehorsam auf ihre Karriere verzichten, zieht das nächste Dilemma herauf. Privat gelten sie als Rabenmütter, aber auch im Job müssen sie sich rechtfertigen: Ein Mann, der tagsüber die Kanzlei verlässt, weil er zum Schulauftritt seines Kindes geht, ist ein Super-Papa. Eine Frau, die das ebenso macht, ist eine Glucke, auf die man besser nicht zählt, wenn es darauf ankommt.

Eine Frau in einer Partnerrunde voller Männer mag sich fühlen wie ein Vegetarier in einer Metzgerei: Sie darf natürlich da sein, aber so richtig viel zu holen gibt es für sie nicht. Wundert es jemanden, dass vielen Anwältinnen bei solchen Aussichten die Lust auf die Partnerkarriere vergeht? Zumal noch lange nicht alle, die es wollen, den Sprung in die Partnerschaft auch schaffen – es ist also nicht einmal sicher, ob sich all die Mühe überhaupt lohnen wird. Da scheint der Wechsel in eine Unternehmensrechtsabteilung oder an ein Gericht nicht wie bittere Resignation angesichts unerfüllbarer Karrierewünsche. Sondern wie eine ziemlich rationale Entscheidung.

Zitiervorschlag

Frauen in der Equity-Partnerschaft: So selten wie ein Vegetarier in einer Metzgerei . In: Legal Tribune Online, 23.01.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/33403/ (abgerufen am: 26.06.2019 )

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