Druckversion
Dienstag, 16.06.2026, 05:35 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/kanzleien-unternehmen/k/esports-world-cup-mandat-saudi-arabien-gaming-anwalt
Fenster schließen
Artikel drucken
55258

Mammutmandat aus Saudi-Arabien: "Früher hieß es: 'Mit E-Sport ver­dient doch keiner Geld!'"

Interview von Marcel Schneider

23.08.2024

Wenige Minuten vor der Eröffnungszeremonie des EWC 2024

Letzte Vorbereitungen vor der Eröffnung des Esports World Cup am 2. Juli 2024. Foto: picture alliance / Anadolu | Mohammed Saad

Der Esports World Cup in Riad ist der neue Superlativ in der Branche. Pietro Fringuelli hat mit seinem Team den Veranstalter beraten. Im Interview erzählt er von der Arbeit am Mandat und erklärt, warum er kein "Gaming-Anwalt" ist.

Anzeige

LTO: Herr Dr. Fringuelli, was ist Ihr Lieblingsvideospiel?

Dr. Pietro Fringuelli: Ich habe zwei Lieblingstitel. Der eine ist die “Assassin’s Creed”-Reihe, der andere “Red Dead Redemption 2”.

Sie sind also Fan von komplexen Open-World-Spielen.

Ja.

Beste Voraussetzungen, um Gaming-Anwalt zu werden.

Mit dem Begriff tue ich mich schwer.

Wieso?

Es gibt nicht den Gaming-Anwalt. Als Anwalt spezialisiert man sich auf bestimmte Rechtsgebiete und wird dann in einem bestimmten Industriesektor zu bestimmten rechtlichen Fragestellungen tätig. Das kann dann etwa mit Gaming zu tun haben.

Geben Sie bitte ein Beispiel.

Klassisch ist da etwa der Anwalt, der Spieleentwickler berät beziehungsweise deren Publisher, also das Unternehmen, das sich um Finanzierung, Marketing und Vertrieb kümmert. Welchen Jugendschutzregeln müssen die Spielinhalte gerecht werden? Wie muss die Webseite für den Vertrieb des Spiels aufgebaut sein? Solche Fragen sind etwa Teil klassischer E-Commerce-Beratung. Auf solche Themen konzentrieren wir uns nicht.

Sondern?

Wir beraten vorwiegend Veranstalter, die mit E-Sport ein Ökosystem aufbauen wollen, um damit Geld zu verdienen.

Das müssen Sie erklären.

Schauen Sie sich die Geschichte des Fußballs an. Als Sportart war der schon immer sehr beliebt, aber Geld verdienen die großen Ligabetreiber, etwa die Deutsche Fußball Liga oder die englische Premier League, erst seit wenigen Jahrzehnten im großen Stil damit. Dass heutzutage Spieler für Millionenbeträge verkauft werden, die Stadien voll sind und sich Fans für viel Geld das neueste Vereinstrikot der Saison kaufen und die Medienrechte in relevantem Umfang verkauft werden, hat sich erst mit der Zeit entwickelt.

So ein Ökosystem möchte die von Saudi-Arabien finanzierte Esports World Cup (EWC) Foundation im Bereich E-Sport errichten. Die rechtliche Beratung dazu übernimmt unser Team.

"Saudisches Recht ist gar nicht so exotisch"

Den Anfang für dieses Ökosystem soll der EWC 2024 machen, der seit Juli mehrere Wochen in Riad läuft, und dem Sie den rechtlichen Rahmen geben sollten. Wie bekommt man so ein Mammutmandat?

Durch einen Pitch. Die EWC Foundation hat uns angefragt und wir konnten überzeugen, weil wir nicht nur Erfahrung mit Ligaberatung im klassischen Sport, sondern schon seit 2014 Turnier- und Ligabetreiber in der E-Sport-Branche beraten haben, zum Beispiel die Electronic Sports League (ESL).

1.500 Profispieler aus 400 Teams spielen derzeit in 21 verschiedenen Games-Titeln um 60 Millionen Dollar Preisgeld. Welche Rechtsgebiete bilden da den Kern der anwaltlichen Arbeit?

Zum einen das Vertragsrecht, denn für die EWC Foundation mussten wir zahlreiche Vereinbarungen mit teilnehmenden Sportlern, Teams, Sponsoren, Publishern, Agenturen und vielen mehr gestalten.

Eine andere große Baustelle im Mandat betreffen die Medienrechte: Welche Rechte muss man einkaufen, um sie anschließend zu vermarkten? Das umfasst auch Fragen im Hinblick auf die Spieler und deren Tätigkeiten außerhalb ihres Auftritts auf der Bühne, zum Beispiel beim Training.

Ebenso stellt es sich als herausfordernd dar, ein System zu entwickeln und zu strukturieren, das alle 21 Spieleentwickler und Publisher mittragen, etwa in den Bereichen Compliance und Vermarktung.

Welches Recht gilt bei all den Vereinbarungen?

Ganz überwiegend saudisches Recht.

Klingt exotisch.

Ja, aber so exotisch auch wieder nicht. Die wesentlichen Fragen, zum Beispiel wer welche Logos verwenden oder welche Spiele oder Interviews mit den Spielern übertragen darf, regelt das saudische Recht nicht fundamental anders als andere Rechtsordnungen. Außerdem haben wir saudische Anwaltskollegen, die die Besonderheiten kennen.

"Nur grobe Vorstellungen davon, was man wollte, aber man wollte es schnell"

Im Oktober 2023 gab die EWC Foundation mit viel Tamtam und prominenten Gästen auf einer Veranstaltung bekannt, dass "Mitte 2024" der erste EWC stattfinden soll. Konkret war da aber noch nichts. Ziemlich wenig Zeit für so ein großes Mandat, oder?

(c) Dr. Pietro Fringuelli

Operativ tätig wurden wir für das Mandat am 7. Januar dieses Jahres. Und ja, das war schon sehr sportlich. Das hängt auch mit der Mentalitätsfrage zusammen: Juristische Großprojekte im deutschen Raum werden in aller Regel längerfristig geplant und dann strikt dem Plan und den verfügbaren Ressourcen entsprechend angegangen.

Bei diesem Mandat läuft das anders: Es gab grobe Vorstellungen davon, was man wollte, und man wollte es schnell. Deshalb ging es los, obwohl der Plan im Detail noch gar nicht stand. Da sitzt einem die Zeit im Nacken.

Wie sieht die Lösung nach saudischer Mentalität dafür aus?

Man stellt einfach ein sehr großes Team auf.

Wie groß ist Ihr Team denn?

Es hat 33 Mitglieder, verteilt in Deutschland, Großbritannien und Saudi-Arabien.

Wie ist das Team organisiert?

Es gibt zwei Projektleiter, die die Anfragen der EWC Foundation aufnehmen und strukturieren, sowie ein Management-Team, das die gesamte Arbeit koordiniert.

Die Anfragen sind ähnlich wie in einem Ticketsystem gesammelt und organisiert. Das heißt, vom Eingang der Anfrage bis zur abgeschlossenen Anfrage kann man immer sehen, welches Anliegen der Mandant gerade hat, welcher Anwalt dafür verantwortlich ist und in welchem Bearbeitungsstatus es sich befindet.

Was war das Herausforderndste an diesem Mandat?

Definitiv die Synchronisation der verschiedenen Enden des Projekts. Dadurch, dass der Plan nicht im Detail feststand, mussten wir immer ein Auge darauf haben, was wo passiert.

Das ist wie eine Operation am offenen Herzen, bei der wir als Anwaltsteam nur ein Rädchen von mehreren waren. Insgesamt haben über 450 Beteiligte daran mitgearbeitet, dass der EWC pünktlich im Juli starten konnte.

Anzeige

"Heute verbringe ich hundert Prozent meiner Arbeitszeit in diesem Bereich"

Bis 2030 will die EWC Foundation einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag in die Branche buttern. Das ist eine neue finanzielle Dimension, aber auch eine sehr einsame: Bisher sind Investoren im Bereich E-Sport ja eher zurückhaltend.

Richtig. Das ist in meiner langjährigen Zeit als Anwalt in dem Bereich aber schon immer so gewesen. Selbst als E-Sport-Titel wie "Counter-Strike" vor zehn Jahren das erste Mal die Kölner Messehallen mit Zuschauern vollgemacht haben, hieß es noch: "Mit E-Sport verdient doch keiner Geld!" Das ändert sich aber, was ich auch an meiner anwaltlichen Tätigkeit merke: Während ich damals etwa zehn Prozent meiner Arbeitszeit in dem Bereich verbracht habe, sind es heute hundert Prozent.

Sie sehen also auch Potenzial?

Ja. Vergleichen wir noch einmal mit dem Fußball: In Deutschland gibt es zweieinhalb bis drei Millionen durchschnittliche Fußballzuschauer mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren.

Denen gegenüber stehen weltweit 450 Millionen Zuschauer monatlich, die sich – bisher noch vorwiegend online und ohne dafür zu bezahlen – E-Sport-Turniere anschauen. Etwa 85 Prozent davon sind 19 bis 31 Jahre alt. Das sind viel mehr und viel jüngere Leute. Dieses Potenzial zu monetarisieren, kann über Ökosysteme gelingen, wie die EWC Foundation jetzt eines aufbauen will.

2025 sollen die ersten E-Sport-Disziplinen auch bei Olympia laufen. Goldene Zeiten also für – ich bitte um Verzeihung – "Gaming-Anwälte"?

Ja und nein. Wer als spezialisierter Anwalt bereits etabliert ist, für den kann die Rechtsberatung im E-Sport lukrativ sein. Zahlenmäßig gibt es zurzeit aber nur eine Handvoll großer Investoren und damit auch nur eine begrenzte Anzahl Mandate. Aus Kanzleisicht sind da Rechtsbereiche wie Mergers & Acquisitions berechenbarer: Mit 400 bis 500 großen Deals im Jahr ist der Kuchen, den es dort zu verteilen gibt, größer.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Gesprächspartner Dr. Pietro Fringuelli ist Partner und Global Co-Head der Technology, Media and Communications Group bei CMS.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Mammutmandat aus Saudi-Arabien: . In: Legal Tribune Online, 23.08.2024 , https://www.lto.de/persistent/a_id/55258 (abgerufen am: 16.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Urheber- und Medienrecht
    • Anwaltsberuf
    • Computerspiele
    • Profisport
    • Sport
Ein Mann mit nachdenklichem Ausdruck vor einem Bildschirm, der auf eine E-Mail-Benachrichtigung hinweist. 15.06.2026
Medien

Der Spiegel und die Anwaltsmail des Christian Ulmen:

Dürfen Medien wir­k­lich ver­trau­liche Anwalts­mails ver­öf­f­ent­li­chen?

Christian Ulmen bat einen Strafverteidiger um Rat. Der Spiegel zitierte aus seiner “höchstpersönlichen” Mail. Das LG Hamburg hält das für zulässig, unterschätzt dabei aber den verfassungsrechtlichen Schutz der Verteidigerkommunikation.

Artikel lesen
Eine Profisportlerin zeigt beeindruckende Leistung, während sie das Publikum inspiriert, Grenzen zu überwinden und eigene Wege zu gehen. 13.06.2026
Jurastudium

Profisportlerin macht beide Staatsexamen:

"Hört auf, die Grenzen anderer Men­schen zu euren eigenen zu machen"

Spätestens fürs Examen müsse sie mit dem Profisport aufhören, sagte man ihr. Verena Blattner hörte nicht darauf – und merkte, dass viel möglich ist, wenn man den eigenen Weg geht. Ein Leben zwischen kollektiver Panikmache und Leidenschaft.

Artikel lesen
Drei Personen diskutieren in einem Podcast-Studio über die Auswirkungen von KI auf die Anwaltssituation in Deutschland. 13.06.2026
Podcast

Die LTO-Rechtslage Sonderfolge vom Deutschen Anwaltstag:

Bald 83 Mil­lionen Anwälte – wegen KI?

Macht KI Anwälte überflüssig? Auf dem Deutschen Anwaltstag sprechen wir mit Tom Braegelmann über KI und Anwaltschaft, mit Markus Beckedahl über US-Abhängigkeiten und feiern den Medienpreis für LTO. Außerdem suchen wir einen weißen Porsche.

Artikel lesen
Von links: Christian Duve, Özge Inan, Ronen Steinke, Felix Zimmermann, Stephanie Walter 11.06.2026
In eigener Sache

Deutscher Anwaltstag in Freiburg:

LTO mit Medi­en­preis aus­ge­zeichnet

Der Deutsche Anwaltverein hat LTO mit dem Sonderpreis des Medienpreises 2026 geehrt. Die Jury würdigte die "kontinuierlich hohe Qualität der Berichterstattung sowie die zentrale Rolle als Leitmedium für Recht und Anwaltschaft".

Artikel lesen
Gebäude des Europarats in Straßburg 02.06.2026
Anwaltsberuf

BRAK "verärgert", DAV "bedauert":

EU-Kom­mis­sion bremst völ­ker­recht­li­chen Schutz für Anwälte

Anwälte sollen durch eine Europarats-Konvention besser vor Angriffen und staatlicher Repression geschützt werden. Ein Inkrafttreten des von der Bundesregierung bereits vor Monaten unterzeichneten Regelwerks ist jedoch so bald nicht in Sicht.

Artikel lesen
Das Bild zeigt eine Podcast-Episode mit Florian Wegmann, die Themen wie Unternehmenskrisen und rechtliche Herausforderungen behandelt. 29.05.2026
Irgendwas mit Recht

Jura-Karriere-Podcast:

Anwalt für Unter­nehmen in der Krise

Leonard Szabó begleitet Restrukturierungen und Insolvenzen. Bei "Irgendwas mit Recht" gibt er Einblicke in seinen Berufsalltag und erklärt, warum ein Hubschraubertransport wirtschaftlicher als ein Bandabriss in der Produktion sein kann.

Artikel lesen
ads lto paragraph
ads Transfermarkt people
lto karriere transfermarkt logo

Ihre Transfermeldung – Sichtbar. Relevant. Reichweitenstark.

Jetzt eintragen!
ads lto paragraph
ads lto arrow
lto karriere transfermarkt logo

Den nächsten Karriereschritt feiern – mit einer Meldung im LTO Transfermarkt.

Jetzt eintragen!
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Aulinger Rechtsanwälte und Notare
Rechts­an­walt (m/w/d) Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge / Stif­tungs­recht / Er­b­recht /...

Aulinger Rechtsanwälte und Notare, Bochum

Logo von McDermott Will & Schulte
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (m/w/d) im Be­reich Cy­berse­cu­ri­ty, AI &...

McDermott Will & Schulte, Düs­sel­dorf

Logo von ADVANT Beiten
Re­fe­ren­da­re / Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (w/m/d) – Pu­b­lic Sec­tor

ADVANT Beiten, Mün­chen

Logo von McDermott Will & Schulte
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (m/w/d) Kar­tell­recht

McDermott Will & Schulte, Düs­sel­dorf

Logo von Aulinger Rechtsanwälte und Notare
Rechts­an­walt (m/w/d) für Ar­beits­recht

Aulinger Rechtsanwälte und Notare, Bochum

Logo von BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB
RECHTS­AN­WALT (W/M/D) FÜR VER­KEHRS­RECHT

BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft mbB, Mün­chen

Logo von Flick Gocke Schaumburg
As­sis­tenz / Tea­mas­sis­tenz (m/w/d)

Flick Gocke Schaumburg, Mün­chen

Logo von Wolters Kluwer
Ju­rist als Pro­dukt­ma­na­ger im Be­reich Con­tent - In­sol­venz­recht /...

Wolters Kluwer, Hürth

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Taktik und Stolperfallen im familiengerichtlichen Verfahren – Update Verfahrensrecht

25.06.2026

Der Wohnraummietvertrag – verkanntes Instrument zur Durchsetzung von Interessen

25.06.2026

RVG 2026: Abrechnung in Mietsachen – Gebührenpotentiale nutzen!

25.06.2026

Geldwäsche und Compliance – Herausforderungen für Anwälte

25.06.2026

Aktuelle Rechtsprechung des II. Zivilsenats des BGH zum Recht der Personen- & Kapitalgesellschaften

25.06.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH