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Nerven behalten im Homeoffice: "Vir­tu­elle Arbeit macht einsam"

Interview von Anja Hall 

14.04.2020

Mann verzweifelt am Computer

djoronimo - stock.adobe.com

Zwischen Kinderbetreuung und Anwaltsjob im Homeoffice – die Nerven liegen blank. Warum uns die virtuelle Arbeit derzeit so schwer fällt und wie sich Existenzängste im Zaum halten lassen, erklärt Carmen Schön im Interview. 

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LTO: Die wohl größte Schwierigkeit derzeit ist es, im Homeoffice zu arbeiten und "nebenbei" Kinder zu betreuen. Worauf sollten die Eltern unter den Anwälten achten? 

Carmen Schön: Es ist illusorisch, einen ganz "normalen Arbeitstag" im Homeoffice aufrechterhalten zu wollen, wenn Kinder im Haushalt sind und betreut werden müssen. Besser wäre es, wenn die Familie eine Gesamtstrategie entwickelt. Dazu könnte sie den Tag zunächst in einzelne Bestandteile aufteilen: Wer muss wann konzentriert arbeiten? Wann ist Zeit für Bewegung und soziales Leben, zum Beispiel ein gemeinsames Essen? So könnte die Familie für sich eine neue Tagesstruktur entwickeln.  

Wie einfach das Arbeiten von zu Hause ist, hängt natürlich auch von den Gegebenheiten vor Ort ab. Wer ein Arbeitszimmer hat, hat es oftmals leichter – dann hängt die Organisation weitgehend an einem selbst und es kommt auf die eigene Disziplin an. Anders sieht es aus, wenn am Küchentisch oder im Wohnzimmer gearbeitet werden muss, weil die Wohnung zu klein ist. Das ist häufig viel anspruchsvoller – hier geht es nicht ohne Regeln. Allerdings ist dabei die gesamte Familie gefragt. Es sollte nicht so sein, dass einer die Regeln aufstellt und die anderen sich daranhalten müssen. 

Warum empfinden wir die Zeit im Homeoffice als so anstrengend? 

Carmen SchönVirtuelle Arbeit macht viele Menschen einsam. Persönliche Treffen werden zwar auf Webinare und Videocalls verlagert, aber das ist sehr viel anstrengender. Für die Zuhörer, aber auch für diejenigen, die eine Präsentation halten: Sie müssen nebenbei die Chats prüfen, falls Fragen gestellt werden. Und wenn die Zuhörer ihre Kameras ausschalten – was meist der Fall ist -, reden sie wie in ein "schwarzes Loch". Sie können nicht erkennen, wo die Zuhörer stehen und wie sie auf das Gesagte reagieren. Videokonferenzen sollten daher nicht länger als maximal zwei Stunden dauern, manche Firmen haben sogar entsprechende Betriebsvereinbarungen.

Hinzu kommt, dass wir alle wegen der Coronakrise Sorgen und Ängste haben. Wir müssen jetzt also ganz besonders darauf achten, mental und körperlich gesund zu bleiben und unser Gefühlskorsett durch körperliche Tätigkeiten auszubalancieren. Etwa indem wir zu Randzeiten draußen joggen oder daheim mit Fitnessvideos trainieren.  

Viele Anwälte müssen im Moment eine große Flut von Mandantenanfragen bewältigen. Wie behalten sie einen kühlen Kopf?  

Indem sie ihre Struktur und Abläufe definieren und ihre Ressourcen genau planen. Dazu sollten sie regelmäßig, beispielsweise einmal täglich, vom Tagesgeschäft zurücktreten und die Prozesse und Aufgaben mit etwas Abstand betrachten. Für Anfragen, die ähnlich sind, könnten sie einzelne Schritte festlegen und im Team klären, wer jeweils dafür zuständig ist. Ähnlich läuft es ja derzeit in Krankenhäusern ab, wo konkrete Guidances entwickelt und eingeübt werden: Ein Patient mit Coronaverdacht kommt rein - was genau muss jetzt passieren? 

Diese Überlegungen betreffen zunächst das eigene Team, aber zu prüfen wäre auch, was an andere Dezernate gegeben werden kann. Wo lassen sich – Stichwort Solidarität - fachfremde Kollegen aus der Kanzlei einbeziehen, die vielleicht im Moment weniger zu tun haben? 

Wer gestresst ist, reagiert gegenüber Kollegen gerne mal gereizt. Haben Sie Tipps für eine achtsamere Kommunikation? 

Man sollte vor allem "der Hüter seiner Emotionen" bleiben, gleichmütig werden und sich nicht von der Situation und dem Stress überwältigen lassen. Dabei können Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen helfen. Aber auch über soziale Kontakte lässt sich ein Ausgleich schaffen: Das können ein Essen mit der Familie oder Videocalls mit den Freunden sein. 

Wichtig ist in jedem Fall, nicht unangemessen zu kommunizieren, denn im Homeoffice potenziert sich alles viel schneller. Und ein Streit lässt sich im Moment nicht so schnell dadurch bereinigen, dass man gemeinsam einen Kaffee trinkt. Wichtig also ist es, die Unstimmigkeiten nicht eskalieren zu lassen. 

Während die einen Anwälte vor lauter Arbeit gestresst sind, haben andere Juristen bereits Existenzängste und fürchten sich vor einem Jobverlust. Zu Recht? 

Es wird sicherlich in manchen Bereichen Umsatzeinbrüche geben, und es ist auch anzunehmen, dass einige Anwälte ihren Job verlieren werden. Wichtig ist aber, nicht in der Angst zu verharren. Es wird auch neuen Bedarf geben - und Juristen sind hochqualifiziert. Sie können sich flexibel in angrenzende Bereiche orientieren. Rechtsberatung wird immer nötig sein, und der drängende Nachwuchsmangel bleibt auch weiterhin bestehen.

Wie geht es meinem Mandanten? 

Ich kenne einige erfolgreiche Partner, die heute einen enormen Umsatz erzielen, dazu aber wie die Jungfrau zum Kind gekommen sind. Am Anfang stand die Anfrage eines Mandanten in der Krise, und der Anwalt hat sich in die Materie eingearbeitet, obwohl es nicht sein Spezialgebiet war.  

Und jetzt ist natürlich eine gute Zeit, mit den Mandanten in Kontakt zu treten. Warum nicht einfach anrufen und fragen: Wie geht es Ihnen? Nicht mit dem Ziel, Rechtsberatung zu verkaufen, sondern um von Mensch zu Mensch zu sprechen und das Vertrauen zu vertiefen. Vielleicht kann der Anwalt seinem Mandanten helfen, indem er Kontakte vermittelt.  

Über Social Media kann er einen großen Empfängerkreis unterstützen, indem er Informationen über neue Entwicklungen teilt oder einen kurzen Newsletter schreibt. So kann er übrigens auch an seiner Markenbildung arbeiten – etwas, wofür Anwälte ansonsten ja nie Zeit haben. Wer das tun will, sollte sich überlegen: Wie mache ich mich bekannt? Liegen mir vielleicht Podcasts und Social Media – oder ist das gar nicht mein Ding? Jetzt ist Zeit, es auszuprobieren. 

Ein vorausschauender Anwalt sollte jetzt auch an die Zeit nach der Coronakrise denken. Dazu könnte er etwa bei Forschungsinstituten recherchieren, welche Zukunftstrends es gibt und sich dann überlegen, was er daraus für seinen Beruf ableitet. Anwälte sind meist werteorientiert und halten an tradierten Mustern fest. Es fällt ihnen schwer, "out oft he box" zu denken, aber das wäre jetzt wichtig: Was brauchen die Menschen im Moment und was brauchen sie in einigen Monaten?  

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schön! 

Die Volljuristin und ehemalige Rechtsabteilungsleiterin Carmen Schön berät und coacht Juristen, Führungskräfte und Anwaltskanzleien zu Themen wie Geschäftsaufbau, Führung, Auftritt und Wirkung. 

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Nerven behalten im Homeoffice: . In: Legal Tribune Online, 14.04.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/41266 (abgerufen am: 17.10.2026 )

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