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"Lawyer Well-being" bei der ersten Veranstaltung des BWD: Wirt­schafts­an­wälte spre­chen über ihre Ver­wund­bar­keit

Gastbeitrag von Pia Lorenz

17.06.2022

Einsam im Job

Einsamkeit und Leistungsdruck im Job sind Faktoren, die zur mentalen Gesundheit beitragen können. Bei einer Veranstaltung des BWD stand "Lawyer Well-being" im Fokus. Foto: Bethany Legg/unsplash.com

Anwältinnen und Anwälte haben überdurchschnittlich viel mit psychischen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Darüber redet in Deutschland aber bislang niemand. Der neue Bundesverband der Wirtschaftskanzleien will das offenbar ändern.

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Just another Transformation-des-Rechtsmarkts-Event? Wer das Programm der ersten Veranstaltung des Bundesverbands der Wirtschaftskanzleien in Deutschland (BWD) nicht allzu genau gelesen hatte, mag am Dienstag überrascht gewesen sein. Natürlich ging es auch um die Themen, mit denen sich die Branche im Wandel beschäftigt: um Digitalisierung, um kleine oder große technische Lösungen und um die Zusammenarbeit zwischen Kanzleien und Mandantinnen, den Rechtsabteilungen von Unternehmen. Schließlich muss der noch neue Verband, der sich nach eigenen Angaben weder als bloße Lobbyvereinigung der Wirtschaftskanzleien noch als Konkurrenz zum Deutschen Anwaltverein positionieren will, die Themen bedienen, die seine Mitglieder umtreiben.

Im Vordergrund der Netzwerkveranstaltung, die der BWD gemeinsam mit der Fachpublikation für Wirtschaftsanwältinnen und Anwälte, Deutscher Anwaltspiegel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, veranstaltete, stand aber etwas anderes. Der erste Programmpunkt, der unter den nach Veranstalterangaben rund 175 Teilnehmenden lebhafte Diskussionen auslöste, betraf einen Aspekt, über den die deutsche Rechtsbranche erst ganz langsam spricht: das "Lawyer Well-being".

Den Anlass für die Wahl des Hauptprogrammpunktes lieferte eine vor kurzem veröffentlichte Studie "Lawyer Well-being – The Silent Pandemic" des Liquid Legal Instituts (LLI). Die Antworten von 135 (Unternehmens-)Anwältinnen und Anwälten zeigen, dass die mentale Gesundheit in der deutschen Anwaltschaft – nicht nur vernachlässigt wird. Psychische Probleme werden vielmehr immer noch quasi totgeschwiegen. Dabei sind Juristinnen und Juristen überdurchschnittlich stark mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert, die ihre Ursachen auch in ihrem Job, ihrem Umfeld und ihrer Mentalität haben.

"Darauf gedrillt, Fehler zu vermeiden – nicht zu verzeihen"

Fast 70 Prozent der befragten Juristinnen und Juristen aus Kanzleien und Rechtsabteilungen gaben an, bereits beruflich bedingte psychische Probleme gehabt zu haben. Sie leiden stärker als die Durchschnittsbevölkerung unter Stress, Angstzuständen, Depressionen und psychischen Störungen. Auch für Burnout und Sucht sind sie anfälliger, stellte Jutta Löwe, eine der beim LLI Verantwortlichen für die Studie, am Dienstagnachmittag in der Frankfurt School of Finance & Management, die Ergebnisse vor. Selbst bei den Antworten auf die gestellten Fragen habe man gesehen, wie gründlich Anwältinnen und Anwälte arbeiten, heißt es im Whitepaper zur Studie: "Egal was sie tun: Sie geben immer 100 Prozent".

Dieses Mindset von Juristinnen und Juristen macht die Studie als einen der Gründe für die Ergebnisse aus, die Löwe als alarmierend bezeichnete. "Wir sind darauf gedrillt worden, Fehler zu finden - nicht darauf, Fehler zu verzeihen", so Löwe, die selbst als Unternehmensjuristin in leitender Funktion tätig ist. Juristinnen und Juristen seien perfektionistisch und hätten extrem hohe Ansprüche an sich selbst, konstatiert die Studie. Bereits im Jurastudium mit seinem erheblichen Lernpensum begönnen auch der hohe Leistungsdruck ebenso wie das ausgeprägte Konkurrenzdenken, das in juristischen Berufen zur Normalität gehört. Sehr viel und unter großem Druck zu arbeiten, werde ebenfalls als normal empfunden.

Der zweite Grund, den die Teilnehmenden angaben: Eine allgemein zu hohe Arbeitsbelastung, hierarchische Strukturen und, dies führten ebenfalls vor allem die Anwältinnen und Anwälte in Kanzleien an, die Abrechnung auf Stundenbasis, das "Billing". Auffällig war ein weiteres Ergebnis, das die Projektjuristinnen und Juristen betraf, die sich an der Studie beteiligt haben. Die Juristinnen und Juristen, die nicht dauerhaft festangestellt für eine Kanzlei oder ein Unternehmen tätig, sondern projektbezogen in der Regel in Rechtsabteilungen im Einsatz sind, gaben an, nur halb so oft von psychischen Problemen betroffen zu sein wie ihre festangestellten Kolleginnen und Kollegen.

"Nur wer seine Leute nicht verbrennt, kann im Markt bestehen"

Während das Thema in den USA längst als Problem identifiziert und angegangen wird, ist es in Deutschlands Rechtslandschaft, nicht zuletzt auch der besonders leistungsorientierten Welt der Wirtschaftskanzleien, noch immer praktisch ein Tabu. Fast alle Teilnehmenden der Studie bestätigten, dass gesundheitliche Probleme psychischer Art in der Rechtsbranche stigmatisiert seien und niemand darüber sprechen wolle. Auch das Publikum beim BWD-Event am Dienstag zeigte sich geradezu begeistert darüber, dass Dr. Roger Strathausen, Unternehmensberater und Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des LLI, offen von seiner eigenen Burnout-Erfahrung vor einigen Jahren berichtete.

Dabei herrschte - wie auch unter den Teilnehmenden der Studie - im hochkarätig besetzten Auditorium aus Anwältinnen und Anwälten sowie Syndizi Einigkeit darüber, dass sich mentale gesundheitliche Probleme negativ auf die Performance der gesamten Kanzlei oder des Unternehmens auswirken. Das Thema müsse als Teil der anstehenden Transformation des Rechtsmarkts und als Aspekt nachhaltigen unternehmerischen Handels verstanden werden, erklärte Berater Strathausen. "Nur wer seine Leute nicht verbrennt und damit eher kurz- als mittelfristig verliert, wird überhaupt im Markt bestehen können", fasste Löwe zusammen.

Das gelte, spiegelte das Publikum sofort zurück, gerade auch mit Blick auf die Personalgewinnung im Kampf um die rar gewordenen hochqualifizierten Bewerberinnen und Bewerber: "Die künftigen Mitarbeitenden erwarten schlicht von uns, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen", erklärte ein Teilnehmer. Ein noch sehr junger Jurist wies darauf hin, dass die jungen Talente untereinander zudem sehr gut vernetzt seien – es spreche sich schnell herum, wo die mentale Gesundheit von Anwältinnen und Anwälten eher ein Employer-Branding-Aspekt auf der Webseite, als wahrhaft gelebte Unternehmenskultur sei.

"Es braucht auch die Weisheit und die Klugheit der Älteren, zu gönnen"

Doch wie die Arbeitsbelastung minimieren, obwohl schon jetzt die alte Balance nicht mehr funktioniert? Dass zunehmend Partnerinnen und Partner abends und nachts arbeiten, weil die junge Generation dazu nicht bereit ist, gilt mittlerweile in der Branche nicht mehr als anekdotisch.

Ein Teilnehmer sprach von einem "zerstörten Generationenvertrag in den Sozietäten", ein anderer erläuterte: Die Partnerriege von heute, die jahrzehntelang mit Blick auf die Zukunft sehr hart gearbeitet habe, wolle nun auch die Früchte dieser Arbeit ernten. Die nachrückende Generation hingegen wisse nicht einmal, ob ihre Welt von heute in 30 Jahren überhaupt noch existiere. "Es braucht auch die Weisheit und die Klugheit, zu gönnen. Man muss den Menschen die Zeit geben, sich darauf einzustellen."

Viele Anwesende, die sich bei der ersten Veranstaltung des BWD offenbar in einem geschützten Raum fühlten, fassten sich an die eigenen Nasen: Ein Syndikusanwalt überlegte laut, dass es wohl sinnvoll wäre, wenn man nicht erst freitags den Auftrag an die Kanzlei herausgebe mit der Erwartungshaltung, dass dieser bis Montag fertig bearbeitet sein müsse. Ein Kollege aus einer Kanzlei konstatierte, dass es "an uns ist, uns besser zu strukturieren und zum Beispiel darauf zu achten, wann wir wem etwas zur weiteren Bearbeitung geben." Beispielhaft nannte er den gerade diktierten Schriftsatz an die Assistenz um 16 Uhr mit der berüchtigten Bitte "muss heute noch raus".

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Führungskräfte: "Nicht länger so tun, als seien gute Anwälte unverwundbar"

Reichen wird das nicht, um die Strukturen in der Hochleistungsindustrie der Wirtschaftskanzleien zu verändern. Laut Expertinnen und Experten, die im Whitepaper zur LLI-Studie zu Wort kommen, muss das Ziel ein Umfeld sein, in dem sich Mitarbeitende sicher genug fühlen, um über psychische Gesundheit und Wohlbefinden offen zu sprechen.

Alles beginne mit einer offenen Kommunikation – über psychische Gesundheit, aber auch über die so sehr gefürchteten Fehler. Nur so könnten Ängste abgebaut und Diskussionen über Well-being angestoßen werden. Neben Angeboten zur Stressbewältigung für Mitarbeitende empfehlen die Expertinnen und Experten vor allem Coachings für Führungskräfte zu wertschätzender Führung und zum Umgang mit Stressbewältigung.

Ein weiterer wichtiger Schritt laut den Expertinnen und Experten vom LLI-Institut: Talente nicht mehr nur danach fördern, wie viel unmittelbar "billable" Beratungsumsatz sie einbringen. Für eine zukunftsfähige Kanzlei sei das ohnehin nötig. "Ein Managing Partner, der richtig viel Umsatz ranbringt, kann noch lange nicht mit der Digitalisierung umgehen", sagte LLI-Mitglied Zoe Andreae. Mit Blick auf die anstehende Transformation des Rechtsmarkts, dessen Leistung in Zukunft nur noch teilweise in hoch bezahlter Beratung auf Stundenbasis bestehen wird, würden andere Skills ohnehin wichtiger.

Ein radikaler Kulturwandel würde nötig, und Kultur wird von oben gemacht. Die oberste Management-Ebene und Führungskräfte müssten ihre Haltung zum künftigen Umgang mit der psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden klar kommunizieren und auch vorleben, heißt es von den Expertinnen und Experten zur Studie.

In der Rechtsbranche sind die Führungskräfte traditionell Juristinnen und Juristen ohne Managementausbildung, dafür mit dem typischen juristischen Mindset. "Nicht länger so zu tun, als seien gute Anwältinnen und Anwälte unverwundbar“, wie die Psychologin Diane Manz es im Whitepaper zur LLI-Studie ausdrückt, könnte die größte Herausforderung für die Wirtschaftsanwältinnen und -anwälte werden.

Viele Teilnehmende der BWD-Konferenz am Dienstag zeigten allerdings ein großes Interesse daran, diese Herausforderung anzunehmen. Wenn auch nur einige von ihnen dieses Bewusstsein in ihren Alltag mitnehmen, dann war der erste Event ihres neuen Interessenverbands mehr als just another Transformation-des-Rechtsmarkts-Veranstaltung.

Pia Lorenz ist freie Journalistin, Rechtsanwältin und Wirtschaftsjuristin. Als Geschäftsführerin verantwortet sie das Redaktionsbüro der Lawgentur in Köln.

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"Lawyer Well-being" bei der ersten Veranstaltung des BWD: . In: Legal Tribune Online, 17.06.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/48781 (abgerufen am: 06.06.2026 )

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