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9. Herbsttagung des Bucerius CLP: Gar nicht mal so unge­müt­lich

von Dr. Anja Hall

18.11.2019

Das Auditorium der Bucerius Law School

© Tetra09, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons, Zuschnitt und Skalierung durch LTO

Die Herbsttagung des Bucerius CLP stand unter dem Motto "Ende der Gemütlichkeit" und befasste sich mit Managed Legal Services. Auch wenn nicht jedem klar war, was das genau ist, konnten sich die Veranstalter über ein volles Haus freuen.

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Einladend klang es nicht gerade. Für die diesjährige Herbsttagung des Bucerius CLP in Hamburg hatten sich die Veranstalter den Titel "Ende der Gemütlichkeit. Managed Legal Services auf dem Vormarsch" einfallen lassen. Doch ließ sich davon kaum jemand abschrecken: Die Tagung war nach Angaben der Veranstalter mit knapp 300 Gästen ausverkauft.

In Wirklichkeit ging es in Hamburg auch gar nicht ungemütlich zu, im Gegenteil: Auf der Bühne durften sich die Vortragenden auf ein klassisches Chesterfield-Ledersofa setzen, der Moderator machte es sich in einem Ohrensessel bequem und die Zuhörer im Auditorium hatten immerhin gepolsterte Stühle. Dr. Claudia Junker, Direktoriumsmitglied des Bucerius CLP, machte auch gleich bei der Begrüßung deutlich, dass es aus ihrer Sicht durchaus gemütlich bleiben könne. Aber Innovationen sollte man sich stellen, betonte sie.

Bevor es aber um Umbrüche und Neuerungen ging, erinnerte der US-Anwalt Mark A. Cohen, international bekannt als Beobachter des Rechtsmarktes, an die guten alten Zeiten: Früher bat ein Unternehmen eine Kanzlei um Rechtsrat in einer bestimmten Angelegenheit. Die Kanzlei erledigte alles, aber auch wirklich alles, was in diesem Zusammenhang anfiel – auch wenn das bedeutete, dass junge Associates damit beschäftigt wurden, Fotokopien zu machen. Am Ende stellte die Kanzlei die Rechnung, der Mandant zahlte, fertig.

Ist es Jura, nur weil es ein Jurist macht?

Etwa um das Jahr 2007 herum habe sich dies aber geändert, so Cohen. Die Rechtsabteilungen geben nicht mehr alles aus der Hand. Sie erledigen mehr Arbeit selbst und mandatieren differenzierter. Letztlich stellen sie sich – Stichwort Fotokopien - auch immer öfter die Frage: Ist es überhaupt juristische Arbeit, nur weil es ein Jurist macht?

Seit 2012 drängen, zumindest in den USA und den englischsprachigen Rechtsmärkten, außerdem verstärkt neue Anbieter auf dem Markt, die Dienstleistungen wie E-Discovery oder Vertragsmanagement anbieten. Auch mit ihnen müssen sich die Kanzleien auseinandersetzen.

Im Gespräch mit Dr. Hariolf Wenzler beleuchtete Cohen den deutschen Markt, der aus seiner Sicht etwas anderen Regeln folgt als der US-Markt. Hierzulande sei zu sehen, so Wenzler, dass Beratungsgesellschaften wie EY Law, PwC oder KPMG in den vergangenen Jahren ein starkes Wachstum an Berufsträgern verzeichneten. Diese Einheiten verstehen sich als Anbieter von "Managed Legal Services".

Warum beispielsweise EY Law auf diesen Bereich setzt, erläuterte wenig später Dr. Cornelius Grossmann, der dort die Position des "Global Law Leader" innehat. Aus Sicht von EY Law sind die Managed Legal Services ein Milliardenmarkt. Unternehmen müssen – nicht zuletzt wegen regulatorischer Anforderungen– ihre Verträge und Richtlinien mit hohem Aufwand auf dem jeweils aktuellen Stand halten. Kostendruck und die fortschreitende Digitalisierung tragen das Übrige dazu bei, dass der Bedarf an automatisierten oder teilautomatisierten Lösungen in diesem Bereich steigt.

Auch Großkanzleien wollen mitmischen

Auch Neville Eisenberg, der Chief Executive Officer (CEO) von BCLP Cubed, einem Anbieter von Rechtsdienstleistungen, der zur Großkanzlei Bryan Cave Leighton Paisner gehört, sagte, dass Routinearbeit und der Bereich Legal Operations stark wachsende Märkte seien. Den Mandanten zufolge gebe es ausreichend Kanzleien, die Rechtsberatung in komplexen Fragestellungen übernehmen wollen. Dagegen sei es sehr schwierig, Berater zu finden, die die Inhousejuristen auch im Alltagsgeschäft zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis unterstützten. Ebenso wünschten sich die Rechtsabteilungen Hilfe bei den Legal Operations, also etwa im Ressourcen- und Technologiemanagement.

Mit BCLP Cubed will die Kanzlei dieses Geschäft abschöpfen. Ähnliches hat auch Freshfields mit seinen "Hubs" im Sinn, wie deren Global Center Director Olivia Balson erläuterte. Die Kanzleien bieten damit nicht nur Rechtsberatung an, sondern – wie sie es selbst formulieren – "Lösungen" für ihre Kunden. Den Kunden würden die Managed Legal Services dabei helfen, Kosten zu sparen und Risiken zu reduzieren, die etwa entstehen, wenn veraltete Vertragsmuster verwendet werden, sagen sie. Nicht zuletzt bringe die automatisierte Auswertung von Dokumenten eine Menge an Daten hervor, die sich analysieren lassen – ein Element der Wertschöpfung, das von der Rechtsabteilung in die Unternehmensführung weitergegeben werden kann.

Was Legal Managed Services sind, wusste nicht jeder

Was genau man bei Freshfields, Bryan Cave, EY Law nun unter Managed Legal Services versteht, blieb etwas schwammig – nicht zuletzt, weil die Vortragenden ihre knappe Redezeit dazu verwendeten, ausführlich ihre Unternehmen vorzustellen, inklusive Zahl der Büros im In- und Ausland und Anzahl der Mitarbeiter.

Konkreter wurde es beim Vortrag von Dr. Andreas Seegers, Managing Partner der KSP Rechtsanwaltsgesellschaft. Die Sozietät bearbeitet juristische Mengenprozesse und betreibt gerichtlichen und außergerichtlichen Forderungseinzug. Unter den 550 Mitarbeitenden in der Kanzlei seien nur zwölf bis 15 Prozent Rechtsanwälte, aber etwa doppelt so viele IT-Experten, sagte Seegers. Er gab den Zuhörern Einblicke in die Arbeitsweise seiner Kanzlei und zeigte, wie weit die einzelnen Schritte in der Mandatsbearbeitung inzwischen automatisiert sind.

Dass tatsächlich oft nicht ganz klar war, worüber eigentlich gesprochen wird, zeigten die Fragen aus dem Publikum. Mit einer App konnten anonym Fragen gestellt werden. Eine der Fragen, deren Antwort die meisten Zuhörer interessierte, lautete: Was versteht man eigentlich unter Managed Legal Services? Diese Frage blieb allerdings unbeantwortet. Sei es, weil die Vortragenden dachten, die Antwort wisse doch ohnehin jeder, sei es, weil sie sich selbst schwer tun mit einer eindeutigen Definition.

Deutsche Inhousejuristen sind skeptisch

Nicht nur die Teilnehmer, auch deutsche Unternehmen fremdelten noch mit dem Begriff der Managed Legal Services. Das machten die Berichte von Telekom-Chefjuristin Claudia Junker und Dr. Christian Rau, Chief Compliance Officer (COO) des Kameraherstellers Olympus, deutlich. Während Chris Fowler, General Counsel der British Telecom, geradezu davon schwärmte, wie seine Abteilung mit der Kanzlei DWF zusammenarbeitet und einige Rechtsbereiche mit insgesamt 42 Vollzeitkräften ausgelagert hat, waren die beiden deutschen Inhousejuristen skeptisch.

Die Deutsche Telekom hatte überlegt, Managed Legal Services einzuführen. Denn die Abteilung, so Junker, müsse seit Jahren mit weniger Ressourcen auskommen. Nicht nur sei die Zahl der Mitarbeitenden um 40 Prozent geschrumpft, auch die Budgets für externe Rechtsberatung gingen zurück. Zugleich werde die Arbeit mehr und vor allem komplexer. Die Zusammenarbeit mit einem Dienstleister scheiterte aber letztlich aus mehreren Gründen. Unter anderem war das Arbeitsvolumen, das ausgelagert werden sollte, dem Anbieter zu gering. Offen sei auch die Haftungsfrage geblieben und was geschehe, wenn die Telekom später einmal zu einem anderen Dienstleister wechseln wolle.

Olympus-COO Rau konnte dem Thema ebenfalls wenig abgewinnen. Sein Unternehmen bewege sich in einem regulierten Markt, sodass viele Vorgänge nicht ohne weiteres automatisiert werden könnten, sagte er. Eindringlich gab er auch den anwesenden Kanzleivertretern mit, dass es "dumm" sei, einem Inhousejuristen anzubieten, die Arbeit zu einem 30 Prozent niedrigeren Honorar als der Wettbewerber anzubieten. Damit lösten sie einen Unterbietungswettbewerb aus, der ihnen letztlich selbst schade.

Die neunte Herbsttagung des Bucerius CLP war auch die erste ohne den Gründer und langjährigen Direktor des CLP Markus Hartung - er stand nicht wie gewohnt auf der Bühne, sondern nahm im Zuhörerraum Platz. Hartung war zum Mai dieses Jahres auf eigenen Wunsch aus dem Bucerius CLP ausgeschieden, um sich wieder vermehrt eigenen Projekten zu widmen. Das neue Direktorium besteht seither aus Prof. Dr. Klaus-Stefan Hohenstatt, Claudia Junker und Hariolf Wenzler. Für seine besonderen Dienste an der Spitze des Bucerius CLP wurde Hartung am Vorabend der Tagung von der Bucerius Law School die Ehrennadel verliehen.

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9. Herbsttagung des Bucerius CLP: . In: Legal Tribune Online, 18.11.2019 , https://www.lto.de/persistent/a_id/38747 (abgerufen am: 25.01.2026 )

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