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Assistenten in einer Großkanzlei: "Ein Mana­ge­ment-Tandem kommt nur vor­wärts, wenn beide treten"

von Désirée Balthasar

03.12.2015

Schreibkraft, Tippse – für Assistenten gibt es viele, wenig schmeichelhafte Namen. Marc Schlichtmann, seit vielen Jahren Assistent in einer Großkanzlei, spricht mit LTO über gegenseitige Wertschätzung und Hierarchien in Kanzleien.

LTO: Wie sah der Berufsalltag am Anfang Ihrer Karriere aus?

Marc Schlichtmann: Als ich 2001 zum ersten Mal in einer Großkanzlei gearbeitet habe, sind die Anwälte bei einer Transaktion in einen Datenraum gefahren, haben flüsternd etwas abdiktiert und kamen mit etlichen Kassetten wieder, die die Assistentinnen dann abgetippt haben. Heute gibt es elektronische Datenräume, das ist kein Vergleich. Oder nehmen wir den Bandsalat, weil eine Kassette zu oft verwendet wurde. Heute werden alle Diktate elektronisch an die Sekretariate überliefert. Auch Steno gehört seit vielen Jahren der Vergangenheit an.

LTO: Inwiefern hat sich das Berufsbild seit Ihrem Berufseinstieg verändert?

Schlichtmann: Die Anforderungen sind definitiv komplexer geworden. Man muss mehr können als damals in den Neunzigern. Wichtig sind Fremdsprachenkenntnisse. Außerdem muss man stressresistenter, belastbarer und flexibler als früher sein. Die Arbeit insgesamt ist schnelllebiger geworden. Das ist sicher in jedem Bereich so, aber bei international agierenden Unternehmen von einer gewissen Größe ist die Taktung nochmal etwas höher.

Außerdem muss man sich kontinuierlich mit neuen Computerprogrammen auseinandersetzen und mit Veränderungen umgehen lernen. Das Berufsbild wandelt sich ständig und wer sich nicht weiterentwickeln will, wird irgendwann den Anschluss verpassen.

"Mit gegenseitiger Wertschätzung würde vieles besser funktionieren"

LTO: Gibt es typische Missverständnisse zwischen Assistenz und Chef oder Chefin?

Schlichtmann: Weit verbreitet ist leider die Annahme, dass Assistenz heute ja eigentlich jeder kann. Fragen wie 'Braucht man dafür überhaupt eine Ausbildung?' sind keine Seltenheit. Das zeigt, wie wenig respektiert dieser Beruf noch immer ist. Respekt ist auch genau das Stichwort. Vieles würde besser funktionieren, wenn man sich gegenseitig wertschätzt.

Das Management-Tandem kann nur vorwärts kommen, wenn beide treten. Das bedeutet: Wenn nur einer arbeitet, dann funktioniert das nicht – wie in einer Beziehung. Auch ein Chef oder eine Chefin darf nicht bremsen, es braucht vereinte Kräfte auf beiden Seiten.

LTO: Was ist die Besonderheit an der Arbeit in einer Kanzlei?

Schlichtmann: Die Strukturen von Kanzleien sind im Gegensatz zu Unternehmen viel hierarchischer. In Unternehmen gibt es Fachabteilungen mit Abteilungsleitern und zwei oder drei Geschäftsführern. In einer Kanzlei gibt es sozusagen so viele Geschäftsführer wie es Partner gibt, also von ganz wenigen bis immens vielen wie in den Großkanzleien. Und alle Partner haben ihre Dezernate und Anwälte, die ihnen zuarbeiten.

Marc Schlichtmann

Die Hierarchie richtet sich vor allem nach der Länge der Zugehörigkeit: Je länger man als Anwalt dabei ist, desto weiter klettert man die Leiter nach oben. Für die Assistenzen, die nicht von Anfang an für einen Partner arbeiten, bedeutet das, dass es auch auf diese Weise möglich ist, sich mit ihren Vorgesetzten weiterzuentwickeln. In Unternehmen gibt es aufgrund der unterschiedlichen Fachabteilungen mehr Möglichkeiten für Assistenzen, quer zu wechseln. Man hat also mehr Spielräume, den eigenen Werdegang zu gestalten.

 

Überstunden ja, Ausbeutung nein

LTO: Muss man als Assistenz genauso viel arbeiten, wie als Anwalt?

Schlichtmann: Nein! Obwohl die Auslastung sicherlich auch vom Rechtsbereich und der Position abhängig ist. Im Transaktionsbereich gibt es ja ganz klar Stoßzeiten. Wenn Transaktionen laufen, machen auch die Assistentinnen mal Überstunden, um Verträge zu überarbeiten oder weitere Dokumente vorzubereiten. Ansonsten ist es nicht anders als in jedem anderen Job. Mal bleibt man länger, wenn es halt notwendig ist. Ich fühle mich in keiner Weise ausgebeutet.

LTO: Wie sieht Ihre aktuelle Position aus?

Schlichtmann: Ich bin seit 2010 bei einer internationalen Großkanzlei. Am Anfang habe ich für den Office Managing Partner in Hamburg gearbeitet. Seit 2013 bin ich für den Regional Managing Partner Deutschland und Österreich tätig. Die Arbeit ist eine andere, denn es gibt weniger Mandatsarbeit und wesentlich mehr Management-Aufgaben und Dinge zu koordinieren. Das ist sehr abwechslungsreich und spannend. Seit 2012 habe ich meine Arbeitszeit auf vier Tage die Woche reduziert. Der ‘freie‘ Tag ist reserviert für Vorträge, Workshops, Seminare und Coachings.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Assistenten in einer Großkanzlei: "Ein Management-Tandem kommt nur vorwärts, wenn beide treten" . In: Legal Tribune Online, 03.12.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17743/ (abgerufen am: 16.09.2019 )

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Kommentare
  • 07.12.2015 12:00, So so

    Wer viel weiß, kann mitreden? In welchen Belangen redet denn Herr Schlichtmann in seiner Großkanzlei mit? Akquise? Kanzleiausrichtung?
    Und wie weit kann man denn nun als eine Assistenzkraft kommen? Grundsätzlich bleibt man nun mal Assistenz. Vorstellbar wäre nur noch ein "Aufstieg" in den Verwaltungs- bzw. Office Management Bereich. Assistenzkräfte sind unersetzlich und, in meinen Augen, leider oftmals zu gering geschätzt. Mitreden und "weit kommen" können sie aber in dem Konstrukt einer Großkanzlei eher kaum. Hierfür wäre dann doch eher ein juristisches Studium oder zB. nebenberufliches Wirtschaftsrechtsstudium nötig. Das "Kastendenken" der (Voll-)Juristen ist durchaus sehr ausgeprägt.