Anwälte in deutschen Großkanzleien kommen überwiegend aus privilegierten Familien – so eine Studie der LSE und Juve. Selbst im Vergleich zu anderen Eliteberufen ist das soziale Gefälle in der Anwaltschaft auffällig.
Die (soziale) Herkunft beeinflusst die Chancen auf dem Arbeitsmarkt – maßgeblich. Besonders deutlich wird das, wenn man einen Blick in deutsche Großkanzleien wirft. Genau das hat die London School of Economics (LSE) in Kooperation mit dem Juve-Verlag getan: Mehr als 3.500 Anwältinnen und Anwälte aus den 100 umsatzstärksten Kanzleien in Deutschland haben an einer Befragung teilgenommen. Die gewonnenen Erkenntnisse beschreibt das Team um den Soziologen Dr. Asif Butt mit dem Begriff "soziale Exklusivität".
Neu sind die Zahlen nicht – die Umfrage stammt aus dem Jahr 2021, die Ergebnisse wurden 2022 schon einmal veröffentlicht – das Thema wird dadurch aber nicht weniger aktuell. Auf LTO-Anfrage teilt Juve mit, dass die damals erhobenen Daten statistisch weiter aufbereitet und um wissenschaftliche Auswertungen ergänzt wurden.
Oberschicht ist in Großkanzleien überproportional vertreten
85 Prozent der befragten Anwältinnen und Anwälte werden in der Studie Familien aus der oberen Gesellschaftsschicht zugeordnet. Die wird von LSE und Juve als Dienstklasse mit den Berufen Arzt, Jurist, Ingenieur, Professor, Geschäftsführer, Lehrer, mittlerer Manager, Beamter und IT-Fachkraft definiert. Die restlichen 15 Prozent teilen sich die Mittelschicht mit 8 Prozent und die Arbeiterklasse mit 7 Prozent – alle Klassen sind im Sinne des Erikson-Goldthorpe-Portocarero-Schemas kategorisiert. Zur Einordnung: in der gesamten deutschen Erwerbsbevölkerung ist die Oberschicht mit 24 Prozent, die Mittelschicht mit 59 Prozent und die Arbeiterklasse mit 17 Prozent vertreten.
Selbst im Vergleich mit anderen "Eliteberufen" ist das soziale Gefälle in den Großkanzleien auffällig. Der Anteil der Menschen aus Mittelschichtsfamilien unter Ärztinnen und Ärzten, Top-Managern und hohen Beamten liege bei 46 Prozent, heißt es in der Studie.
Je höher der Blick auf der Kanzlei-Karriereleiter wandert, desto offensichtlicher wird auch die Unwucht bei den Aufstiegschancen. Die Gruppe der Partner sei noch einmal sozial geschlossener als die anderen Karrierestufen Associate und Counsel, so LSE und Juve.
Neue Generation kommt mit anderen Erwartungen
Teil der Studie waren auch Einzelinterviews, die Butt mit seinem Team geführt hat. Der Blick richtete sich dabei nicht nur auf den Status Quo: Ein zentraler Rückschluss, der sich ziehen lasse, sei eine neue Erwartungshaltung des juristischen Nachwuchses an die Führung. Der "War for Talent“ entscheide sich längst nicht mehr allein über Gehälter oder Prestige, heißt es in einem Whitepaper, das zur Studie gereicht wird. Kanzleien stünden vor der Aufgabe, sozial breiter zu rekrutieren und die veränderten Erwartungen ernst zu nehmen.
Die Adressaten der Botschaft wissen um die Herausforderung und nehmen diese zumindest teilweise auch an. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mehrerer Wirtschaftskanzleien und der EBS Universität für Wirtschaft und Recht mit der gemeinnützigen Organisation Arbeiterkind. A&O Shearman, Linklaters und Kapellmann unterstützen die Initiative seit dem vergangenen Jahr dabei, Schülerinnen und Schülern aus Nichtakademiker-Familien den Zugang zu einem Studium und einen erfolgreichen Abschluss zu erleichtern.
Anwaltsstudie zeigt soziales Gefälle: . In: Legal Tribune Online, 16.09.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/58157 (abgerufen am: 12.03.2026 )
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