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Frankfurter Kanzlei mit neuem Raumkonzept: Abschied vom Eck­büro

von Dr. Anja Hall

19.09.2018

Latham & Watkins will innovativ sein und siedelt die Frankfurter Anwälte in Großraumbüros um. Doch ein Vorbild für andere Kanzleien wird das wohl nicht werden. Zumindest vorläufig nicht.

Schick wie die Lobby in einem Designhotel ist sie, die Working Lounge im Frankfurter Büro von Latham & Watkins: Es gibt Cafétische, Sofas, daneben eine kleine Besprechungsecke mit Polstersesseln und Glas-Couchtisch. Und einen langen Tisch aus Holz, an dem man zusammensitzen, plaudern und essen kann. Die Teppiche sind weich, das Parkett dunkel. Die Lampen aus edel getöntem Glas, und die Sesselbezüge in gedeckten Farben wie Petrol und dunkelbraun gehalten. Nüchterner Kantine-Charme mit Neonröhren und harten Plastikstühlen? Fehlanzeige.

Die Lounge ist sicherlich das Aushängeschild des neuen Büros, das sich Latham & Watkins in Frankfurt gönnt. Ein Rundgang mit Managing Partner Oliver Felsenstein durch die Etagen – teils noch im Umbau – zeigt: Hier ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Trennende Innenwände gibt es nicht mehr, stattdessen Glasscheiben. Associates, Referendare und Sekretärinnen sitzen in Teams zusammen, die Schreibtische zu Vierergruppen angeordnet, bloß ein kleiner Sicht- und Schallschutz zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen.

Tabubruch Großraumbüro

Das sieht nach einem Tabubruch aus: Anwälte werden aus ihren Einzelbüros vertrieben und müssen wie Callcenter-Mitarbeiter im Großraumbüro sitzen. Allerdings, so weit ist es nicht gekommen: Partner, Counsel und "seniorige Associates", wie es bei Latham heißt, haben weiterhin ihre Einzelbüros - und damit immer noch genug Platz, um ihre "Tombstones" auszustellen: ihre kleinen Trophäen, die sie für abgeschlossene Transaktionen erhalten haben. Doch auch diese Einzelbüros haben Glaswände. Jeder, der will, kann dem Partner oder der Partnerin beim Telefonieren oder Akten wälzen zusehen.

Aber es nimmt sich niemand die Zeit, um mal zu sehen, was der Chef so treibt. Die Schreibtische im sogenannten Multi Space sind fast voll besetzt, Associates und Referendare arbeiten konzentriert. Diejenigen, die ungestört telefonieren oder sich besprechen wollen, haben sich in einen der "Fokusräume" zurückgezogen, die es auf der Etage ebenfalls gibt: vollverglaste und schallgeschützte, teils nur wenige Quadratmeter große Kabuffe mit internetfähigem Arbeitsplatz und Bildschirm für Videokonferenzen.

Der Büroumbau bei Latham & Watkins läuft schon einige Zeit, aber er ist immer wieder Gesprächsstoff in den anderen Frankfurter Sozietäten, zumal einige von ihnen in nächster Zeit andere Gebäude beziehen werden und sich auch da die Frage stellt, wie die neuen Räume aussehen sollen.

Baker McKenzie: Einzelbüros, aber in Standardgröße

Axel Metzger, Managing Director bei Baker McKenzie, hat sich in letzter Zeit viel mit der Frage befasst, wie in seiner Kanzlei künftig gearbeitet werden soll. Denn Baker wird das Frankfurter Büro voraussichtlich im Jahr 2022 in das Hochhaus-Ensemble "Four" verlegen. Dort wollen rund 280 Mitarbeiter auf 7.800 Quadratmetern untergebracht werden.

"Wir haben im Vorfeld mit allen Praxisgruppen, Partnern, Associates und den Professional Services darüber gesprochen, was sie sich für den neuen Arbeitsplatz wünschen", sagt Metzger. Das Ergebnis war seinen Worten nach "sehr eindeutig": "Die Einzelbüros für die Anwälte sollen bleiben, ebenso für Teile der Verwaltung, etwa die Personalabteilung."

Die klassisch-hierarchische Anordnung mit dem Partner im großen Eckbüro, den Associates in etwas kleineren Büros und dann dem Sekretariat werde allerdings aufgelöst: "Jeder Anwalt, ob Partner oder Associate, bekommt ein Büro in Standardgröße", sagt Metzger. Auf den einzelnen Etagen werden Flächen für Teamarbeit eingerichtet: Hier können sich Gruppen unterschiedlicher Größe besprechen und zusammenarbeiten oder auch nur einen Kaffee gemeinsam trinken. Dazu gibt es "Arbeitsplätze mit umfangreicher IT-Ausstattung", so Metzger.

Die Partner könnten sich auch einen Schreibtisch teilen

Ein ganz ähnliches Konzept wird Clifford Chance umsetzen, wenn die Kanzlei Ende kommenden Jahres in Räumlichkeiten des neuen Frankfurter Büro-, Hotel- und Retailkomplexes "Junghof Plaza" zieht. Dr. Christian Keilich, Office Managing Partner in Frankfurt, sagt, dass die Anwälte ihre Einzelbüros behalten –  aber auch hier wird es künftig keinen Unterschied mehr geben zwischen dem Büro eines Partners und dem eines Junganwalts. Auf jeder Etage werden eine Kücheneinheit, variable Rückzugs- und Besprechungsorte und eine Lounge eingerichtet, zudem "War Rooms": Räume für große Teams, die gemeinsam in Ruhe an einem Projekt arbeiten wollen.

Bei Clifford Chance hat man verschiedene Büroraum-Konzepte durchgeplant. "Eigentlich könnten gerade die Partner sogar Desk-Sharing machen", sinniert Keilich – ein Modell also, bei dem sich mehrere Mitarbeiter einen Schreibtisch teilen. Denn sie seien ohnehin ständig unterwegs und ihre Büros stünden deshalb oft leer. Verschiedene Gründe hätten letztlich aber dafür gesprochen, eine differenzierte Lösung und kein radikales Multi-Space- oder Desk-Sharing-Konzept umzusetzen, so Keilich. Vor allem wollte man die Mitarbeiter nicht vor den Kopf stoßen, die sich eindeutig dafür ausgesprochen hatten, ihre festen Arbeitsplätze zu behalten.

Und was ist mit der Vertraulichkeit?

Bei einigen Mandanten dürften ohnehin die Alarmglocken schrillen, wenn sie sich vorstellen, dass ihre vertraulichen Unterlagen offen auf Schreibtischen im Großraumbüro herumliegen. Und ein Anwalt, der an einer großen Due Diligence-Angelegenheit arbeitet, möchte vielleicht nicht jeden Abend alle Unterlagen verstauen, um sie am nächsten Morgen wieder hervorzuholen.

Für Baker und Clifford ist die Vertraulichkeit deshalb auch ein gewichtiges Argument dafür, nicht auf Einzelbüros zu verzichten. Clifford-Partner Keilich sagt, es sei der Kanzlei "sehr wichtig, gegenüber den Mandanten nicht den Eindruck zu erwecken, dass das Thema Vertraulichkeit nicht ernst genommen wird".

Nun ist es nicht so, dass Latham das Thema locker sehen würde. Als Argument für ein Einzelbüro zieht es aber nicht: Für Telefonate und Konferenzen, die nicht jeder mithören soll, gibt es die schallgeschützten Fokusräume, und vertrauliche Dokumente dürfen ohnehin nicht offen liegen gelassen werden – ob im Einzelbüro oder im Großraum. In Situationen, in denen es zu Interessenskonflikten zwischen einzelnen Teams oder zum Austausch von Insiderwissen kommen könnte, achtet die Kanzlei zudem sehr genau darauf, dass die Anwälte nicht zusammensitzen.

Schicke Büros für die Nachwuchsjuristen

Aber es gibt noch einen weiteren Hintergedanken für die Umbauaktion bei Latham in Frankfurt: Die Sozietät hat sich zum Ziel gesetzt, an die deutsche Marktspitze vorzurücken und will sich zudem als besonders innovativ präsentieren. Das hatte Felsenstein kurz nach seiner Wahl zum Managing Partner angekündigt. Dazu gehören für ihn auch Arbeitsplätze, die auf dem neuesten Stand sind. Damit will die Kanzlei nicht zuletzt auch Nachwuchsjuristen auf sich aufmerksam machen. Folgerichtig stellt Latham das neue Büro- und Arbeitskonzept in den Mittelpunkt seiner neuen Recruiting-Videos.

Zwar habe ein Bewerber explizit wegen des in der Branche ungewöhnlichen Raumkonzeptes abgesagt, aber es gebe viele andere, die sich davon angesprochen fühlten, berichtet Felsenstein. "Es ist mir ohnehin unverständlich, wenn jemand jahrelang studiert hat und dann unbedingt in ein Einzelbüro ziehen will – und sei es noch so klein", sagt er.

Auch Clifford Chance hat an künftige Anwaltsgenerationen gedacht, als die Pläne für den neuen Standort ausgetüftelt wurden. "Ich halte es für brutal gefährlich, Flächenkonzepte zu entwickeln, die die nächste Generation nicht ansprechen", sagt Keilich. Clifford hatte dazu E-Fellows-Stipendiaten befragt, wie sie gerne arbeiten möchten. Demnach sei den künftigen Kollegen vor allem ein ruhiger Arbeitsplatz wichtig. Einen solchen können sie sich aber offenbar sowohl im Einzelbüro als auch auf einer Fläche mit anderen vorstellen.

Tatsächlich ist es auch bei Latham & Watkins mucksmäuschenstill auf der Etage. Und doch habe sich die Kommunikation verbessert, berichtet Felsenstein. "Die Associates lernen viel mehr, seit sie im Multi Space sind." Etwa, wenn sie für ein und denselben Mandanten an einem Deal die M&A- und die Finanzierungsseite betreuten und sich darüber austauschen könnten. Auch die Referendare seien viel näher am Geschehen als zuvor. Insgesamt seien die Rückmeldungen viel besser als erwartet.

Wie agil werden Anwälte?

Felsenstein ist sicher, dass Teamwork und agiles Arbeiten die Zukunft sein werden. "Und wir versuchen das nicht aufzuhalten, sondern wollen an der Spitze der Entwicklung stehen". Er glaubt – und ist sich hier mit Arbeitsforschern einig –, dass Anwälte künftig nur noch die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Büro sein werden, denn generell lässt es sich überall arbeiten, sofern es einen Internetzugang gibt. Aber wenn die Anwälte schon einmal am Standort sind, sei es wichtig, dass sie dann auch engen Kontakt zu ihren Kollegen bekommen, um sich abzusprechen. Felsenstein ist deshalb überzeugt, dass in fünf Jahren viele andere Kanzleien ebenfalls Multi-Space-Büros haben werden.

Für die Kanzlei-Welt wäre das eine Revolution. Denn bislang drückt sich der Rang eines Anwalts auch darüber aus, wie viel Fläche er in der Kanzlei belegt: Je größer das Büro, desto einflussreicher. Wenn es bei Baker McKenzie und Clifford Chance in Zukunft für jeden Anwalt gleich große Büros gibt, fällt dieser Hierarchie-Faktor jedenfalls weg. Bei Latham & Watkins dagegen gibt es zwar nach wie vor eine Unterscheidung - junge Associate und Referendare sitzen auf der Fläche, die erfahrenen Anwälte haben ein eigenes Zimmer. Aber das ist nicht in Stein gemeißelt: "Jedes Team kann die Plätze verteilen, wie es will", berichtet Felsenstein. Und es gibt Partner, die ihr Büro zeitweise den Mitarbeitern überlassen und sich in den Open Space setzen".

Agiles Arbeiten zu Ende gedacht würde allerdings bedeuten, die Hierarchien in einem Team weitgehend aufzulösen. Dann sitzt der Associate im ersten Berufsjahr neben der Sekretärin, die wiederum ihren Platz neben dem Partner hat. Für eine Kanzlei stellt sich die Frage: Wollen wir das wirklich, mit allen Konsequenzen? Modern wäre es zweifellos.

Zitiervorschlag

Frankfurter Kanzlei mit neuem Raumkonzept: Abschied vom Eckbüro . In: Legal Tribune Online, 19.09.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/30991/ (abgerufen am: 16.06.2019 )

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