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Innovationsbremse Tagesgeschäft: Ein amou­röses Ver­hältnis zur Pro­kras­ti­na­tion

2/2 Schritt 3: Die Amnesie

Dazu folgende Definition bei Wikipedia: "Bei der retrograden (rückwirkenden) Amnesie tritt ein Gedächtnisverlust für den Zeitraum vor Eintreten des schädigenden Ereignisses auf (im Gedächtnis gespeicherte Bilder oder Zusammenhänge können nicht in das Bewusstsein geholt werden)."

Konkret ist als "Zeitraum vor Eintreten des schädigenden Ereignisses" die Zeit vor dem Strategiemeeting zu verstehen. Das "schädigende Ereignis" ist die konkrete Nachfrage nach der Umsetzung. Regelmäßig erlebe ich, dass Juristen aus Strategiemeetings gehen – hochdotierte, kluge Menschen – und unmittelbar mit dem Schließen der Tür des Besprechungsraumes die 'Reset-Taste' gedrückt wird. Fast könnte man eine Challenge veranstalten: "Wer verdrängt am schnellsten".

Ein Protokoll wird noch gefertigt und versandt, gelesen wird es schon häufig nicht mehr. Die Inhalte des Meetings, der Grund der Zusammenkunft, das Feuer der Begeisterung für neue Ideen - weg. Alles weg. Aufgefressen vom Tagesgeschäft.

Das leidige Tagesgeschäft – und die Rettung 

Ich bin mir sicher, es gibt keine andere Branche, in der "das Tagesgeschäft" so intensiv bemüht wird, um den eigenen Bewegungsmangel zu rechtfertigen wie die Rechtsbranche. Das ist wahrscheinlich u.a. dem Umstand geschuldet, dass in Unternehmen ein Projekt-Management die Regel ist, bei Juristen aber eher als ein exotischer Hauch unternehmerischen Handelns wahrgenommen wird. Sprich, sie sind nicht geübt. 

Wenn Strategiegespräche tatsächlich protokolliert werden, wird häufig die Sekretärin mit dem Nachhalten beauftragt. Spätestens, wenn sie zweimal abgeblitzt ist, weil hinter einem großen Monitor ein blasser, mürrisch dreinschauender Berufsträger das Wort "Tagesgeschäft" herausgepresst hat, hat es sich erledigt. Keiner fragt mehr, nichts bewegt sich und das Strategiemeeting im nächsten Jahr wird als noch lästiger empfunden. Weil ja eh nichts passiert. 

Die Rettung aus der Tagesgeschäft-Falle ist möglich und fast schon trivial. Planen Sie – so gut wie möglich – Ihre Tätigkeit und vermeiden Sie Prokrastination. Wenn Sie es ernst meinen mit Steuerung des Unternehmens Kanzlei, strategischer Vertriebsaktivität und Produktentwicklung, dann entziehen Sie sich dem "Tagesgeschäft" temporär. 

Stürzen Sie sich ins Denkvergnügen

Räumen Sie sich einen Tag im Monat frei. Trinken Sie am Abend vorher keinen Wein, stehen Sie morgens auf, schalten Sie Ihr Telefon aus, gehen Sie an der Isar joggen oder atmen Sie die Morgentau-geschwängerte Berliner Luft. Verweigern Sie jedwede Ablenkung und stürzen Sie sich ins Denkvergnügen. Das geht auch in der Gruppe.

Schreiben Sie Ihre Ideen auf, und wenn Sie Starthilfe bei der Ideenentwicklung benötigen, lassen Sie sich durch Ihr Strategiemeeting moderieren. Beauftragen Sie nach dem Meeting die Sekretärin zum Nachhalten und nehmen Sie sich eine Stunde Zeit in der Woche, um Ihre Strategie umzusetzen, Mandanten anzuschreiben, eine Pressemitteilung zu verfassen oder Konkurrenzbeobachtung vorzunehmen. 

Bedanken Sie sich bei Ihrer Sekretärin für ihre Zähigkeit und betrachten Sie den Prozess zum Umsetzen einer Strategie als konstruktiven Akt der Persönlichkeitspflege und eine Erinnerung daran nicht als Schuldzuweisung. Wenn Sie Wettbewerb lieben, lassen Sie sich eine Tabelle anlegen und stellen Sie die Aufgaben und die Fortschritte öffentlich in der Kaffee-Küche dar.

Wenn Sie das nächste Mal argumentieren, Ihr "Tagesgeschäft" erschlage Sie, hinterfragen Sie bitte, was Sie eigentlich damit meinen (ich habe keine Lust, ich glaube nicht daran, ich will hier ohnehin schnellstmöglichst die Segel streichen). Und denken Sie vielleicht an folgendes: Wenn Sie heute Bewegung verweigern mit dem Argument des Tagesgeschäftes, werden Sie vielleicht schon morgen kein Tagesgeschäft mehr haben, das Sie angemessen ernährt.

Zitiervorschlag

Liane Allmann, Innovationsbremse Tagesgeschäft: Ein amouröses Verhältnis zur Prokrastination . In: Legal Tribune Online, 27.09.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20692/ (abgerufen am: 16.06.2021 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 28.09.2016 08:02, Ilona Cosack

    Gut gebrüllt, Löwe. Es gibt immer eine Frist, die wichtiger ist. Mein Tipp;: Legen Sie eine Akte an und betrachten sich selbst als wichtigsten Mandanten. Dann klappts auch mit der Umsetzung. Frist notieren nicht vergessen!

  • 30.09.2016 10:29, Dr. Tutschka

    Frau Allmann hält uns Anwälten auf Ihre kluge und pfiffige Art mal wieder den Spiegel vor. "Motivation und Nachhaltigkeit" sind die beiden Zauberworte - eben wie in der Kindererziehung, die Frau Allmann so treffend als Vergleich heranzog (erinnert doch so manches Strategiemeeting nicht nur in Kanzleien oft an den viel zitierten Kindergarten). Und noch ein Schlagwort aus dieser Rubrik "mit gutem Beispiel vorangehen": Denn es gibt sie wirklich - Anwälte und Kanzleien, die sich aus der Komfortzone "Tagesgeschäft" heraus in das Abenteuer "Strategieentwicklung und -umsetzung" gestürzt haben (zu finden beispielsweise im JurCoach-Blog). Spannend.
    Mein Tipp: Statt Strategie zum Tagesgeschäft zu degradieren und eine Akte dafür anzulegen (denn anwaltliches Herzblut fließt auch dort nicht wirklich) lieber Strategie-Routinen einführen und diese lieben lernen (wie in "Der Rechtsanwalt als Unternehmer" beschrieben)

  • 30.09.2016 12:21, It's not all about the idea - it's about making them happen

    Der Inhalt des Artikels gilt nicht nur fuer Anwaltskanzleien, sondern auch fuer Unternehmer und Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Was nuetzt es, wenn in Meetings die Strategien fuer 2025 oder neue Produkte beschlossen werden, aber dann die Umsetzung mangels Strategie und Vision fehlt. Etwas amerikanischer Esprit hiltft dabei. Was versteckt sich dahinter? Haeufig werden Strategien auch zu stark ueberdacht. Alles soll sicher und geplant sein. Aber es kann sicherlich fuer die Zukunft vorgedacht werden, aber eine spaetere Detailplanung im Laufe der Projektentwicklung hilft ueberhaupt erstmal anzufangen und nicht wieder zu ueberdenken, zu verfeinern, Risiken auszuschalten und wieder in die Prokastination zurueck zufallen, Apple, Amazon, Uber, Google, Tesla... sind mit starken Visionen, neuen Ideen und "Just do it - Mentalitaet entstanden. Danke fuer diesen anregenden Artikel. Birgit Kuschel - Make ideas happen! Collaboration - Creativity- Innovation - USA Iwww.theconnectconcept.com