Urteil in Prozess gegen Staatsanwalt steht bevor: "Der cop will geld dann sagt er wei­tere Namen die Haft­be­fehl haben"

von Dr. Markus Sehl

18.03.2026

Der Hannoveraner Staatsanwalt G. hat im Prozess gestanden, Interna an Drogenkriminelle verkauft zu haben. Vor dem Urteil meldet er sich noch einmal zu Wort. Die entschlüsselten Chats müssen die Justiz beunruhigen. Bittere Fragen bleiben. 

Der 3. März 2021 soll ein großer Tag für Polizei und Staatsanwaltschaft in Niedersachsen werden. Sie sind einer international agierenden Drogenschmuggelbande auf die Spur gekommen, die von Hannover aus agiert. Einige Wochen zuvor hat der Zoll im Hamburger Hafen einen Rekordfund gemacht, 16 Tonnen Kokain aus Paraguay versteckt in Spachtelmassenbüchsen. Der größte Fall in ganz Europa. Auch einige der Hannoveraner Gangster sollen darin verwickelt gewesen sein, sie sollten den Weitertransport der Koks-Büchsen in LKW organisieren. 

Die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Bosse aus Hannover führt Yashar G., damals Mitte 30. Ein aufstrebender Staatsanwalt, von seinen Kollegen geschätzt, er gilt als hilfsbereit und kompetent. Vor allem als sehr engagierter Strafverfolger. Über Jahre hat er sich tief eingearbeitet in das Netzwerk der Drogenmafia. 

Kriminelle feiern Justiz-Maulwurf: "in ganz Deutschland hat keiner das, was wir haben hier mit den Typen"

Nur offenbar ist er dem Milieu viel näher gekommen, als seine Chefs, seine Kollegen bei Polizei und Staatsanwaltschaft es jemals gedacht hätten. Das zeigen Tausende entschlüsselte Chat-Nachrichten, die LTO vorliegen. Dort schreiben die Kriminellen begeistert über ihre Quelle in der Justiz. "Der SA hat mein Leben ... ey bravo … wir lieben ihn", oder "Guck, bei Gott, frage ich mich, in ganz Deutschland hat keiner das, was wir haben hier mit den Typen." Der Maulwurf wird in den Chats "SA", "Cop", und auch mal "schtadsanwald" genannt. 

Damals gehen die Kriminellen davon aus, dass aufgrund der Verschlüsselung niemand mitlesen kann. Entsprechend unverhohlen tauschen sie sich aus, schicken Namen, Fotos, Klartextnachrichten. Bis im Sommer 2021 die Systeme der Kryptomessenger Encrochat und Sky-ECC geknackt werden. Plötzlich können die Ermittler die Nachrichten lesen. 

Es ist nicht bekannt, dass G. selbst mit diesen Kriminellen gechattet hat, er ging offenbar sehr vorsichtig vor. Treffpunkt für Infos gegen Geld soll ein Kampfsportstudio im Norden Hannovers gewesen sein, gut eine Viertelstunde von G.s Büro entfernt. G. trainiert dort nach Feierabend. 

Mittlerweile ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, dass G. zwischen Sommer 2020 und Frühjahr 2021 Informationen gegen Geld an die Kriminellen verriet. Die CDU in Niedersachsen will in einem Untersuchungsausschuss aufklären lassen, wie es zu dem "Justizskandal" kommen konnte. Unklar ist nicht nur, warum G. unbemerkt zum Maulwurf wurde, sondern auch warum die Aufklärung so lange dauerte. Denn schon einmal waren die Ermittler dem Maulwurf nahegekommen, hatten ihn aber schließlich weiterarbeiten lassen. Erst im Herbst 2024 wird G. verhaftet. Politisch wird es um die Fragen gehen, wer hat wann, was gewusst und wie kam es zu folgenschweren Einschätzungen? 

Ermittler ahnen nicht, wie nah sie dem Maulwurf sind

Als am 3. März 2021 um 6 Uhr morgens die große Razzia startet, sind über 1000 Polizisten im Einsatz, sie durchsuchen fast 60 Adressen. Nicht nur in Niedersachsen, auch in Hamburg. Im Gepäck haben sie 31 Haftbefehle. Aber schnell stellt sich Ernüchterung ein. Die Beamten treffen nur noch elf der 31 Gesuchten an. Wer noch da ist, wirkt von dem Besuch der Polizei nicht überrascht. Wer nicht mehr da ist, hat Spuren eines fluchtartigen Aufbruchs hinterlassen. Auf einem zurückgelassenen Kryptotelefon machen die Ermittler eine beunruhigende Entdeckung. Dort ging am Vorabend eine Nachricht ein, die lautet: "Morgen Papieren große Razzia Bruder pack alles weg was wert ist habe eine sichere Info".

Nur wenige Ermittler waren vorab in die Razzia eingeweiht. Intern herrscht nach dem Einsatz Fassungslosigkeit, das lässt sich aus Mails ablesen. Schnell ist klar, die Razzia muss von jemandem aus der Justiz verraten worden sein. Der Durchstecher muss zu einem engen Kreis gehören. Und den Ermittlern dämmert auch, wer so eine wichtige Aktion verrät, hat womöglich noch mehr verraten. 

Die Ermittler machen sich auf die Suche nach dem Maulwurf. Sie halten die internen Nachforschungen zunächst im allerkleinsten Kreis. Sie müssen misstrauisch sein, tasten sich langsam voran. Nur eine Handvoll LKA-Beamte und Staatsanwälte bilden die kleine Runde, mit dabei: Yashar G. Ein LKA-Beamter schreibt wenige Tage nach dem Razzia-Desaster eine Mail an G.: "Nur bitte für Sie (...). Der Einsatz wurde verraten". Und: "Ich bin seit drei Tagen am Überlegen……..wer?????". Es wirkt nachträglich wie in einem Thriller.

Ein anderes Mal fragt das LKA Yashar G. nach Informationen zu den Hannoveraner Drogenbossen, die Ermittler suchen Spuren, wollen überprüfen, ob der "böse 'Cop'" mit den Millieugrößen zur Schule ging. Ausgerechnet G. soll bei der Suche helfen. Auch als die Ermittler bereits vermuten, dass sie eine undichte Stelle "in diesem Haus" bei sich haben. 

Hinzukommt, G. macht weiter seine Arbeit, er ermittelt gegen die Drogenschmuggler, erwirkt Haftbefehle, tritt als Staatsanwalt im Gerichtssaal auf. Er gehe doch "hart" gegen einen der Bosse vor, heißt es in einer Mail, als der erste Verdacht auf G. fällt. Niemand der Eingeweihten kann sich vorstellen, dass er der Maulwurf ist. Zumal G. einen beeindruckenden Aufstieg hingelegt hat. 

Warum der Verrat?

Er floh mit seiner Familie aus Iran, lebte zunächst in Deutschland in Flüchtlingsheimen, wie er im Prozess später sagt. Er wuchs in einem Hannoveraner Viertel auf, das als sozialer Brennpunkt gilt, schaffte ein 3,3er Abitur. Das Jurastudium schien ihm zu liegen, seine Staatsexamina absolvierte er mit Prädikat. Das Eintrittsticket in alle möglichen juristischen Berufe, Einstiegsgehälter von weit über 100.000 Euro winkten. Doch G. entschied sich für die Justiz. Zuerst arbeitete er 2014 in Berlin als Staatsanwalt bis er 2019 zurück nach Hannover kam. Zuständig bald für die richtig großen Fälle, eher Tonnen als Kilos, Gras und vor allem Koks, das Geschäft boomt seit Jahren, mit Kokain aus Südamerika werden in Europa Millionen verdient. G. arbeitete in der Zentralstelle für Betäubungsmittelstrafsachen. Er ist verheiratet, hat einen Sohn, keine finanziellen Sorgen. 

Warum sollte er also alles aufs Spiel setzen? Seine Karriere, seinen sicheren Beamtenposten samt Altersversorgung, seine Existenz? Und vor allem, alles für ein paar tausend Euro pro Tipp? Klar, es kommt über die Monate ein ordentlicher Nebenverdienst zusammen, die Staatsanwaltschaft hatte nach seiner Verhaftung 65.000 Euro einfrieren lassen. Aber das Risiko ist enorm hoch.

Warum konnte die Drogenmafia G. gewinnen? Liest man die Chatnachrichten rund um "Cop" drängt sich auf, dass die Warum-Frage vielleicht anders gestellt werden muss. Und die muss für die Justiz noch beunruhigender sein: Womöglich musste G. gar nicht angeworben werden, er hat sich mutmaßlich selbst angeboten. So ist die Rede von einem "Freiberufler", einer Anlaufstelle für Infos aus der Justiz. Die Chats legen nahe, dass der Maulwurf immer wieder interne Infos an verschiedene Empfänger gab. Auch schon in den Jahren vor 2020. 

Sein Anwalt will sich auf Anfrage bis zum Urteil nicht mehr auf Presseanfragen äußern. 

Wann hätte man den Staatsanwalt unter Verdacht abziehen müssen?

Nach der teils fehlgeschlagenen Razzia im März 2021 wird der Maulwurf offenbar noch vorsichtiger, der Informationsfluss an die Kriminellen gerät ins Stocken. Die zeigen sich unsicher, ob man G. noch trauen könne, fühlen sich hingehalten.

Es dauert rund ein Jahr nach dem Razzia-Debakel bis G. so richtig ins Zentrum der Suche rückt. Im Juni 2022 leitet die Staatsanwaltschaft Hannover gegen ihren Kollegen ein Ermittlungsverfahren ein. Im Oktober meldet sich der verhaftete Spediteur der Hannover-Bande, Jonas H., aus dem Gefängnis, er will auspacken und nennt zu "Cop", "SA" aus den Chats einen Namen: Yashar G. 

Im November 2022 durchsuchen Beamte sein Büro, seine Wohnung, Telefone. Aber G. durfte weitermachen. Die Staatsanwaltschaft bleibt skeptisch, für sie reichen die Hinweise nur für einen Anfangsverdacht. Auch die Durchsuchung geschieht vor allem in der Erwartung, dass ihre Ergebnisse G. entlasten werden, so heißt es in Justizdokumenten. Intern heißt es, die Informanten aus der Unterwelt könnten den Top-Ermittler G. nur diskreditieren und erreichen wollen, dass er aus den Verfahren abgezogen wird. So vermutet es eine Richterin, die befragt wurde. Der Verdacht gegen G. erhärtet sich nicht, Ende 2023 wird das Verfahren sogar eingestellt.

Und G.? Der arbeitet in seinem Büro der Staatsanwaltschaft weiter, und erzielt auch Erfolge. In der Zwischenzeit wird etwa der Spediteur Jonas H. zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Eine harte Strafe. 

Anfang 2024 setzt sich ein LKA-Beamter an den Fall und durchforstet noch einmal die Tausenden Chat-Nachrichten aus, er puzzelt aus Andeutungen, Querverweisen zu anderen Verfahren, ein Profil von "Cop" zusammen. Und jetzt wird den Beamten klar: Es passt auf Yashar G. Im Sommer 2024 werden die Ermittlungen gegen ihn wieder aufgenommen, Konten auf verdächtige Zahlungen geprüft, Zeugen vernommen. Im Oktober durchsuchen Polizei und Staatsanwaltschaft erneut bei G.; und dieses Mal verhaften sie ihn. Es besteht nun ein dringender Tatverdacht.

Angeklagter Staatsanwalt legt plötzlich Teilgeständnis ab

April 2025 beginnt der Prozess gegen G. beim Landgericht Hannover. Angeklagt ist er wegen Bestechlichkeit in einem besonders schweren Fall in Tateinheit mit Verletzung des Dienstgeheimnisses und dabei in zwei Fällen zudem tateinheitlich wegen Strafvereitelung im Amt. G. sitzt auf der Anklagebank einem jungen Staatsanwalt gegenüber. G. schüttelt lächelnd den Kopf, während die Anklage verlesen wird, als sei das alles abwegig. Er bestreitet die Vorwürfe und sieht sich als Opfer einer Intrige. Der Maulwurf sei in Wirklichkeit immer noch irgendwo da draußen auf freiem Fuß. Eins wolle er mal vorab klarstellen, so G. scharf in Richtung der beiden Vertreter der Staatsanwaltschaft. Für die beiden sei er immer noch "Herr" G. oder der "Angeklagte" – und nicht einfach nur G. 

Was genau in den Herbstmonaten an neuen Beweisen hinzugekommen ist, das ist nicht bekannt. Gut möglich, dass es sich um neu entschlüsselte und belastende Chatnachrichten handelt. Jedenfalls beginnt der Prozess im Jahr 2026 damit, dass G. mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ausgehandelt hat. Er gesteht im Prozess neun der angeklagten 14 Taten, für die Informationsweitergabe will er 2500 Euro erhalten haben. Ihn sollen im Gegenzug jedenfalls nicht mehr als acht Jahre und einige Monate Freiheitsstrafe erwarten. Das Teilgeständnis verliest einer seiner Strafverteidiger, G. schweigt nun. 

Am Mittwoch hielten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Schlussplädoyers. G. hat wieder Collegeblock und einen Stift vor sich, schaut auf, macht Notizen, wirkt als würde er im Gerichtssaal noch seinem Job nachgehen. Ganz am Ende ergreift er das Wort, wirkt beinahe erleichtert, dass der Prozess zum Ende kommt. Anstrengend seien diese letzten Monate gewesen. Und G. sagt, er übernehme alleine die Verantwortung, seine Vorgesetzten und das Justizministerium treffe keine Schuld. "Ich habe alles verloren, damit muss ich leben." Die Vorsitzende Richterin der 20. Großen Strafkammer Jana Bader hatte G. immer wieder nach dem "Warum" gefragt. 

Eine Antwort, die auch der Justiz helfen würde, diesen Fall einzuordnen. Strukturelle Unterwanderung durch die organisierte Kriminalität? Eher nein, aber wie schnell über gefährliche Kontakte ein wichtiger Mitarbeiter zum Risiko wird, das zeigt der Fall schon. Ein krasser Einzelfall? Wahrscheinlich ja. Und ein tragischer dazu. Von G. hat die Vorsitzende Richterin keine Antwort bekommen. Am Freitag wird das Gericht sein Urteil verkünden.

 

Mitarbeit: Jakob Becker

Zitiervorschlag

Urteil in Prozess gegen Staatsanwalt steht bevor: . In: Legal Tribune Online, 18.03.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59553 (abgerufen am: 19.04.2026 )

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