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Studie zum Einfluss von Medien auf Strafjustiz: Sind Richter auch nur Über­men­schen?

von Dr. Markus Sehl

26.06.2018

Kamera im Gerichtssaal

© dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Eine Studie untersucht den Einfluss von Medien auf das Strafverfahren, befragt wurden Richter und Staatsanwälte. Gut schneiden dabei ab: Richter und Staatsanwälte.

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Wie sehr die Medien Strafrichter und Staatsanwälte beeinflussen, will eine neue Studie ergründen. Und sie sieht einen großen Einfluss: So verfolgten 44 Prozent der befragten Richter und 58 Prozent der Staatsanwälte gezielt die Medienberichterstattung zu ihren Fällen. Ungefähr die andere Hälfte gibt jeweils an, "Ich verfolge sie zwar nicht gezielt, vermeide sie aber auch nicht."

An der Studie der Berliner PR-Beratungsagentur Consilium in Kooperation mit einem emeritierten Professor für Kommunikationsforschung von der Universität Mainz nahmen 415 Richter und 165 Staatsanwälte aus elf Bundesländern teil. Nach aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Justiz sind in Deutschland zur Zeit über 15.000 Richterstellen an den ordentlichen Gerichten (also inklusive Zivilrichtern) in den Bundesländern besetzt, 5.300 Staatsanwälte stehen im Dienst der Länder.

Die Studie trägt den Titel "Richter sind auch nur Menschen". Wenn man sie sich genauer anschaut, könnte man auch zu einem ganz anderen Ergebnis kommen. Die meisten der Antworten der Juristen auf die 20 Fragen zeugen von einer beinahe übermenschlichen Distanz, Gefasstheit und Selbstbeherrschung - zumindest in der Selbstwahrnehmung der Juristen. Auf die Frage "Wie haben Sie spontan auf die kritischen Medienberichte reagiert?" gibt die Hälfte der Richter und über die Hälfte der Staatsanwälte an an, sich geärgert zu haben. Auch hatten viele das Gefühl, sich "nicht richtig wehren zu können." Wütend waren nach eigenen Angaben nur 17 Prozent; deprimiert, beschämt oder ängstlich: so gut wie niemand.

Aufmerksamkeit ja – aber Einfluss auch?

Als zentrale Aussage bleibt, zum Beispiel auch für den Spiegel, "Staatsanwälte und Richter lassen sich von Medien beeinflussen". Aber was heißt denn Einfluss? Dass in einem Prozess, über den die Medien intensiv berichten, die Hälfte der Richter und über 60 Prozent der Staatsanwälte schon während des Verfahrens an das Echo der Öffentlichkeit gedacht haben, überrascht nicht wirklich.

Aber hat die Berichterstattung Einfluss auf die Richter und Staatsanwälte selbst oder auf ihre Arbeit? Nein. Oder jedenfalls gibt die Studie dieses Ergebnis nicht her. Wenn die Richter, die die Fragen beantwortet haben, Medieneinfluss wahrnehmen, dann wirkt dieser sich nach ihren Angaben vor allem auf "die Atmosphäre im Gerichtssaal" aus. Aber auf die Entscheidung des Gerichts - also auch die eigene - , die Schuldfrage oder die Strafhöhe? Fehlanzeige.

Aus Sicht der befragten Staatsanwälte und Richter beeinflussen die Medien nicht sie, sondern vor allem die Öffentlichkeit - andere Journalisten, die Angeklagten, die Opfer, die Verteidiger, die Zeugen; also so ziemlich alle im Gerichtssaal; nur nicht sie selbst.

Wie gehen dann Richter und Staatsanwälte mit kritischen Berichten zu "ihren" Verfahren um? "Ich habe das Ganze auf sich beruhen lassen", gaben über 80 Prozent der Richter und Staatsanwälte an. Jeder dritte Richter und jeder zweite Staatsanwalt glauben, dass Journalisten mit ihrer Berichterstattung "das Urteil beeinflussen wollten."

Neuauflage einer Studie aus 2009

Eine ganz ähnliche Studie wurde bereits 2009 veröffentlicht. Durchgeführt hat auch sie der zwischenzeitlich emeritierte Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger vom Institut für Publizistik an der Uni Mainz,  die Datengrundlage war vergleichbar und was den Medien-Einfluss im Sinne der Aufmerksamkeit für die eigenen Prozesse angeht, kommt sie zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Auch benennt die damalige Studie klar eine der methodischen Hürden: "Richter und Staatsanwälte werden eher einen Einfluss der Medienberichterstattung auf andere Verfahrensbeteiligte und auf ihre eigenen Emotionen konstatieren als auf ihr eigenes Verhalten im Gerichtssaal. Sie werden deshalb einen derartigen Einfluss vermutlich nur dann einräumen, wenn man sich dem Sachverhalt durch die Art der Fragestellung behutsam nähert."

In der acht Jahre alten Studie spielte das Internet noch so gut wie gar keine Rolle. Allerdings fragt auch die neue Studie nicht gezielt nach dem Einfluss von Online-Medien, sondern beschränkt sich auf die Aufzählung von Zeitungen, Magazinen, TV und Radio.

Online-Medien kommen dagegen nur in Form von Nutzerkommentaren vor. Die Richter und Staatsanwälte wurden lediglich dazu befragt, ob sie Leserkommentare zu ihren Fällen beobachten. Ergebnis: kaum bis nie. Richter und Staatsanwälte klicken sich nicht durch die Leserkommentare – oder sie geben es zumindest nicht gerne zu. Bemerkenswert ist, dass für die Strafverfolger wie auch für die Rechtsprechenden innerhalb des Medienangebots die Regionalmedien am Sitz des Gerichts besonders wichtig sind. Dort liest auch immerhin mehr als jeder zehnte Richter und Staatsanwalt die Online-Leserkommentare häufig bis sehr häufig.

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Richter und Staatsanwälte nutzen die Medien

Spannend sind die Antworten dazu, ob Richter und Staatsanwälte die Medien aktiv nutzen, um Informationspolitik zu betreiben oder sogar als Gegenstrategien für "Kampagnen" von Verteidigern.  Nur sehr wenige Richter, aber immerhin fast jeder fünfte Staatsanwalt hat dafür schon häufig die Pressestelle eingeschaltet.

Fast die Hälfte der Richter nutzt gelegentlich "die Medien, um aktive Informationspolitik zu betreiben". Was das genau heißt, bleibt unklar. Zu einer anderen Frage geben die Befragten an, dass jeder vierte Richter und Staatsanwalt im Laufe der Zeit eine Informationsbeziehung zu Journalisten aufgebaut hat, jeder fünfte Richter und sogar jeder dritte Staatsanwalt kennen regelmäßige Pressegespräche.

Das bestätigt einen zu beobachtenden Trend: Nachdem zunächst die Anwälte die sog. Litigation-PR für sich entdeckt hatten, werden sich zunehmend auch Anklage und Richterbank der Möglichkeiten bewusst, die Pressearbeit bietet. So hatte etwa auch der 2. Bundesweite Strafkammertag im Herbst 2017 eine Professionalisierung der Pressearbeit an den Gerichten durch "erfahrene, entsprechend geschulte und ausreichend freigestellte Mitarbeiter" gefordert.

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Markus Sehl, Studie zum Einfluss von Medien auf Strafjustiz: . In: Legal Tribune Online, 26.06.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/29373 (abgerufen am: 06.06.2026 )

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