Druckversion
Dienstag, 11.08.2026, 14:18 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/justiz/j/pakt-fuer-den-rechtsstaat-beschlussvorlage-bund-kanzlerin-merkel-220-millionen
Fenster schließen
Artikel drucken
32527

Vorschlag zum Pakt für den Rechtsstaat: Bund bietet Län­dern 220 Mil­lionen Euro für die Justiz

von Hasso Suliak

04.12.2018

Durchbruch beim Pakt für den Rechtsstaat? Auf einer Sitzung am Mittwoch mit den Ministerpräsidenten will die Bundeskanzlerin den Ländern finanzielle Unterstützung für die Schaffung von 2.000 Stellen in der Justiz anbieten.  

Anzeige

Nach LTO-Informationen will die Bundesregierung den Ländern 220 Millionen Euro für den geplanten Ausbau der Justiz zur Verfügung stellen. Das geht aus einer Beschlussvorlage hervor, die Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch den Regierungschefs der Länder unterbreiten will. Mit der Sitzung am Mittwoch und der Beteiligung der Kanzlerin wird bereits seit längerem die Hoffnung verknüpft, dass der Stillstand beim Pakt für den Rechtsstaat, auf den sich die Koalition im Grundsatz verständigt hat, endlich beendet wird.

Laut dem Papier, das LTO mit Stand vom 29. November 2018 vorliegt, stellt der Bund den Ländern einmalig Mittel in Höhe von 220 Millionen Euro durch Festbeträge im Rahmen der Umsatzsteuerverteilung zur Verfügung. "Der Betrag wird gezahlt, sobald die Länder im Zuständigkeitsbereich der Justiz ihrer Selbstverpflichtung zur Schaffung und Besetzung von 2.000 Stellen (zuzüglich Stellen für den nicht-staatsanwaltschaftlichen und nicht-richterlichen Bereich) nach dem Königsteiner Schlüssel nachgekommen sind," heißt es im Beschlussvorschlag des Bundes.
Im sog. Königsteiner Schlüssel ist festgelegt, wie die einzelnen Länder der Bundesrepublik Deutschland an gemeinsamen Finanzierungen zu beteiligen sind. Der Anteil, den ein Land danach tragen muss, richtet sich zu zwei Dritteln nach dem Steueraufkommen und zu einem Drittel nach der Bevölkerungszahl.

Vom Tisch ist damit offenbar der ursprüngliche Plan von Bundesjustizministerin Katarina Barley, dass diese Summe den Ländern ausschließlich für die Bewältigung von Asylverfahren zur Verfügung gestellt werden solle.

2.000 neue Stellen

Die Umsetzung des Paktes gehöre "zu den zentralen gemeinsamen Gestaltungsaufgaben von Bund und Ländern in dieser Legislaturperiode, um den Rechtsstaat nachhaltig zu stärken" heißt es einleitend in der Vorlage der Bundesregierung. Sieben Maßnahmen werden in dem Papier genannt: Personalaufbau, Digitalisierung, Beschleunigung von Gerichtsverfahren, Opferschutz, Qualitätssicherung in der Rechtspflege, Öffentlichkeitsarbeit und eine Offensive für den Rechtsstaat.

Der Bund beabsichtigt, im Zeitraum 2018/2019 die Anzahl der Stellen beim Generalbundesanwalt um 71 (30,4 Prozent) zu erhöhen. Er schafft darüber hinaus beim Bundesgerichtshof 24 neue Stellen für einen Zivilsenat in Karlsruhe und einen Strafsenat in Leipzig sowie jeweils eine Planstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Bundesgerichtshof, Bundesfinanzhof und Bundesverwaltungsgericht.
Im Rahmen ihrer Personalhoheit würden die Ländern im Justizbereich in der Zeit vom 01.01.2018 – 31.12.2020 insgesamt 2.000 neue Stellen im Justizdienst schaffen und besetzen, wie das Papier vorsieht.

Für Polizeiaufgaben würden Bund und Länder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen je 7.500 neue Stellen in den Jahren 2018 bis 2021 in ihren Haushalten ausbringen.

Gerichtsverfahren sollen schneller werden

Aber nicht nur in Masse, sondern auch in Qualität soll investiert werden. Bund und Länder sollen „gemeinsam die weitere Spezialisierung innerhalb der Justiz voranbringen und Konzepte zur Vermittlung psychologischer Kompetenz (…) sowie digitaler und interkultureller Kompetenz entwickeln und verbessern", heißt es in der Beschlussvorlage. Ziel sei es, allen Justizbediensteten die Möglichkeit zur Teilnahme an Weiterqualifizierungsmaßnahmen zu eröffnen. Der Bund werde zudem die Regelungen zur Qualifizierung der rechtsberatenden Berufe fortentwickeln.

Wie LTO bereits berichtete, sollen außerdem Gerichtsverfahren beschleunigt und vereinfacht werden. Vorschriften "insbesondere in der Strafprozessordnung, in der Zivilprozessordnung, im Verwaltungsverfahrensrecht" sollen "modernisiert und überprüft werden, ohne dabei die rechtsstaatlichen Verfahrensgarantien anzutasten".

Im Bereich der gerichtlichen Asylverfahren sollen – "unter Berücksichtigung von Beschlüssen der Fachministerkonferenzen Leitentscheidungen ermöglicht werden, um eine stärkere Vereinheitlichung der Rechtsprechung und eine schnellere Erledigung von ähnlich gelagerten Fällen zu erreichen."

Ein positives Image für die Justiz

Wie von Bundesjustizministerin Barley kürzlich im LTO-Interview bereits angekündigt, soll es außerdem Maßnahmen für eine verbesserte Öffentlichkeitsarbeit der Gerichte sowie ein besseres Image der Justiz geben: Voraussetzung für eine positive Wahrnehmung des Rechtsstaates sei, dass er erfahrbar und erfassbar werde, heißt es in der Vorlage.

Daher sei es wichtig, dass Entscheidungen der Gerichte transparent seien und verständlich erläutert würden. "Die Bundeskanzlerin und die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder sind sich einig, dass diese Aufgabe von dafür speziell ausgebildeten Pressesprechern wahrgenommen wird."

Anzeige

Kritik der Landesjustizminister

Mit der von Barley ausgearbeiteten "Offensive für den Rechtsstaat" wollen die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten darüber hinaus "ihre Anerkennung für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Polizei und Justiz zum Ausdruck bringen, die täglich dafür arbeiten, dass der Rechtsstaat funktioniert".  Geplant ist "eine Kampagne, die sich an die Bürgerinnen und Bürger mit dem Ziel wenden soll, den Rechtsstaat sichtbar und verständlicher zu machen". Zudem sollen Jobs in der Justiz attraktiver werden.

Ob den Ländern allerdings die versprochenen 220 Millionen Euro für die Maßnahmen des Paktes reichen werden, darf bezweifelt werden. Auf ihrer letzten Konferenz haben die Justizminister der Länder diese Summe als viel zu niedrig abgelehnt: Schließlich würden Stellen geschaffen, die "die 40 oder mehr Jahre finanziert werden müssen. Diese Folgekosten müssten dann die Länder schultern", beklagte etwa Thüringens Justizminister Dieter Lauinger. Die Landesjustizminister hatten bei ihrer Sitzung im November einhellig ihre Unzufriedenheit mit den Plänen von Bundesministerin Barley zum Ausdruck gebracht und sogar eine Sonder-JuMiKo erwogen.

Auch Teile der Opposition im Bundestag sehen für den Pakt des Rechtsstaates offenbar weiterhin schwarz: "Die Bundesregierung und die federführende Bundesjustizministerin führen Justiz und Öffentlichkeit an der Nase herum, wenn es nun heißt, dass alle bereits von den Ländern seit 2017 geschaffenen Richterstellen Teil des Paktes, sozusagen auf diesen anzurechnen seien. Die Ministerin schmückt sich mit fremden Federn und will die zeitlich vor ihrer Ministerzeit erfolgten Einstellungen - auf Kosten der Länder - als ihren Erfolg verkaufen“ kritisierte die rechtpolitische Sprecherin der Grünen, MdB Katja Keul, im Gespräch mit LTO.

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Vorschlag zum Pakt für den Rechtsstaat: . In: Legal Tribune Online, 04.12.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/32527 (abgerufen am: 12.08.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Strafrecht
    • Zivil- und Zivilverfahrensrecht
    • Asyl- und Ausländerrecht
    • Bundesjustizministerium
    • Gerichte
    • Justiz
    • Politik
    • Rechtsstaat
Nina Warken (CDU), Chefin des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben, und Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister, geben nach der Sitzung des Bundeskabinetts im Bundeskanzleramt ein Pressestatement 12.08.2026
Bundesnachrichtendienst

Kabinettsbeschluss:

Geheim­di­enste sollen mehr Befug­nisse bekommen

Die Bundesregierung will den Nachrichtendiensten mehr Spielraum bei ihrer Arbeit gewähren. Der BND soll in bestimmten Fällen sogar aktiv gegen ausländische Angriffe zurückschlagen dürfen. Gleichzeitig sind neue Kontrollmechanismen geplant.

Artikel lesen
Zäune versperren die Sicht auf die umfunktionierte Reitanlage, die als provisorischer Gerichtssaal des Landgerichts Verden genutzt wurde. 12.08.2026
Justiz

Nach dem Klette-Prozess in Verden:

Gerichts­saal sucht neue Auf­gabe

Das Urteil gegen Daniela Klette ist gefallen. Der eigens für den Prozess für 3,6 Millionen Euro umgebaute Gerichtssaal steht leer, jetzt denkt das Justizministerium über anderweitige Nutzung nach. Klette droht derweil ein weiteres Verfahren.

Artikel lesen
Gebäude von Landgericht und Staatsanwaltschaft in Hannover 05.08.2026
Kinderpornografie

Panne bei Staatsanwaltschaft nach Kinderpornografie-Verdacht:

Dienst­herr wusste lange nichts von Ermitt­lungen gegen Richter

Ein Richter soll über eine Million kinder- und jugendpornografische Dateien besessen haben. Der Dienstherr wusste davon lange nichts: Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte ein Mitteilungsschreiben gefertigt, es aber versehentlich nicht abgeschickt.

Artikel lesen
Prozess Justizskandal bei Stuttgarter Staatsanwaltschaft 04.08.2026
Staatsanwaltschaft

Mögliche Verbindungen zu versuchtem Auftragsmord:

Mehr­jäh­rige Haft­strafen in Stutt­garter Jus­tizskandal

Das LG Stuttgart hat im Prozess um ein Datenleck in der Justiz Freiheits-, Bewährungs- und Geldstrafen verhängt. Über Jahre sollen interne Ermittlungsdaten verkauft worden sein – mit Verbindungen zu einem versuchten Auftragsmord.

Artikel lesen
Ein Schild vor dem LG Gera, dass Unterstützer der Ex-Richterin Anna K. aufgestellt hatten 03.08.2026
Rechtsbeugung

BGH sieht keine Rechtsbeugung in Corona-Fall:

Frei­spruch für Ex-Probe­rich­terin aus Thüringen

Überraschung aus Karlsruhe: Der BGH hat eine Ex-Proberichterin vom Vorwurf der Rechtsbeugung freigesprochen. Sie hatte ihrem Vater während der Corona-Pandemie Zugang zu einer Palliativpatientin in einem Pflegeheim verschafft.

Artikel lesen
Menschen versammeln sich nach dem gescheiterten Militärputsch am 16.07.2016 an der Bosporus-Brücke in Istanbul. 01.08.2026
Türkei

Zehn Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei:

Wie der Aus­nah­me­zu­stand die Ver­fas­sungs­ord­nung ver­än­derte

Staatspräsident Erdoğan nutzte den gescheiterten Militärputsch, um die Justiz umzubauen. Politische Gegner werden verfolgt, Grundrechte ausgehöhlt, Urteile nicht befolgt. Was man aus dem Fall der Türkei lernen kann, erläutert Yağmur Özkan.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Düs­sel­dorf

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP
As­so­cia­te (m/w/d) Ca­pi­tal Mar­kets

Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, Frank­furt am Main

Logo von PwC Legal AG
Ju­ris­ti­scher Mit­ar­bei­ter Tax & Le­gal (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) Health­ca­re/Öf­f­ent­li­ches Recht

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von TowaRA:Arbeitsrecht
Rechts­an­walt (m/w/d) im Ar­beits­recht mit und oh­ne Be­ruf­s­er­fah­rung

TowaRA:Arbeitsrecht, Köln

Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Re­fe­ren­da­rin/Re­fe­ren­dar (w/m/d) Kar­tell­recht

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Düs­sel­dorf

Logo von Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen
Voll­ju­rist (m/w/d) Bau- und Im­mo­bi­li­en­recht

Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen, Wies­ba­den

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Der Vergleich im Zivilrecht – Taktik / Inhalte / Abrechnung

12.08.2026

Logo von Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
DAIvent: Aktuelles Arbeitsrecht an der Ostsee - Die aktuellen Top 20 Entscheidungen im Arbeitsrecht

12.08.2026, Lübeck

Strafverteidigung für „Anfänger*innen“

12.08.2026

Das Arbeitsrechtsmandat – Verfahrensführung und Verhandlung

12.08.2026

Nachlasssicherung durch lebzeitige Vermögensübertragung–Auswirkungen auf erb- und sozialrechtl Anspr

12.08.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH