"Rechtsreport" eingestellt: Woher wissen wir noch, wer der Justiz ver­traut?

von Dr. Markus Sehl

06.05.2026

Jahr für Jahr ermittelte eine repräsentative Studie die Einstellung der Deutschen gegenüber Justiz und Rechtsstaat. Nun ist Schluss – und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem viel vor Vertrauensverlust der dritten Gewalt gewarnt wird.

Mit so etwas wie wohligem Gruseln konnte man in der Justiz, bei Gerichten und in der Rechtspolitik jedes Jahr den Frühling erwarten. Denn alljährlich erschien dann ein Report, der Einblick gab, wie hoch das Vertrauen der Deutschen in die Gerichte, die Justiz und den Rechtsstaat ist. Erstellt wurde er vom renommierten Allensbach Institut, herausgegeben vom Rechtsschutzversicherer Roland Rechtsschutzversicherungen. Es waren stets Zahlen, auf die Justizminister, Justizverbände und Medien gerne Bezug nahmen. 

Nur: Dieses Jahr ist bis Ende März nichts passiert, es gibt keinen Rechtsreport mehr. Keine Ankündigung. Sang- und klanglos, einfach weg. Der Rechtsreport "pausiert auf unbestimmte Zeit", wie eine Sprecherin auf LTO-Anfrage erklärte. "In absehbarer Zeit ist keine Neuauflage geplant." Die Prioritäten lägen derzeit anders.

Eine "Langzeit"-Studie bricht weg

Der Report erschien seit 2010, befragt wurden jedes Jahr gut 1.000 Bürgerinnen und Bürger. Nach LTO-Informationen wurde die Entscheidung, den Report einzustellen, schon vor zwei Jahren getroffen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Erforschung von Justizvertrauen eher ein Nebengeschäft des Rechtsschutzversicherers war, ein freundlicher Service für Medien, Justiz und Rechtspolitik. Vor allem interessiert die Versicherer, wie klagebereit Menschen sind und was sie vom Gang zu Gericht abschreckt.

Mit der Einstellung des jährlichen Reports geht eine kontinuierliche "Langzeit"-Studie über 15 Jahre zum Vertrauen in Justiz und Rechtsstaat zu Ende. Das Allensbach Institut wird die Befragung offenbar auch nicht für einen anderen Auftraggeber fortführen. Es erhebe keine Daten mehr für den Rechtsreport, wie die Leiterin auf LTO-Anfrage knapp mitteilte. 

Im Jahr 2025 startete die ARAG Rechtsschutzversicherung eine neue Studie mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos zum Vertrauen in den Rechtsstaat, sie ist aber etwas anders ausgerichtet und stellt den europäischen Ländervergleich in den Fokus. Befragt wurden 2025 mehr als 7.000 Menschen in sieben EU‑Staaten. Nach der ARAG-Studie haben 62 Prozent der Deutschen starkes Vertrauen in den Rechtsstaat.

Justizvertrauen erstaunlich stabil – wenn auch kritisch

Die letzte Ausgabe des Roland Rechtsreports hatte dagegen 67 Prozent verzeichnet, die der Justiz hohes Vertrauen aussprechen. Das ist ein gutes Ergebnis: Vor dem Rechtsstaat liegen im Vertrauensranking nämlich nur noch kleine und mittlere Unternehmen sowie die Polizei. Mit deutlichem Abstand kommen auf den hinteren Plätzen Medien, Gewerkschaften, Kirchen. Ganz am Ende irgendwann die Bundesregierung.

Auch wenn derzeit viel vor Vertrauensverlust gewarnt wird: Über die vergangenen 15 Jahre sind die Vertrauenswerte laut dem Rechtsreport erstaunlich stabil geblieben. Der Wert schwankte stets zwischen ordentlichen 60 und 70 Prozent, lag in den Jahren 2008 bis 2019 eher um die 65 Prozent, hatte in den jüngsten Jahren sogar zugelegt.

Ob sich zuletzt tatsächlich ein Abwärtstrend einstellt, gilt es aufmerksam zu beobachten. Ob sich der Rechtsstaat in einer derart wichtigen Einschätzung von den Prioritäten großer Rechtsschutzversicherer abhängig machen sollte, wäre dann die nächste Frage.

Zitiervorschlag

"Rechtsreport" eingestellt: . In: Legal Tribune Online, 06.05.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59903 (abgerufen am: 20.05.2026 )

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