Bei Deutschlands Staatsanwaltschaften stapeln sich so viele unerledigte Ermittlungsverfahren wie nie: Binnen eines Jahres wuchs der Bestand um 13 Prozent. Der Richterbund warnt vor "Strafverfolgung nach Kassenlage".
Die Aktenberge bei Deutschlands Staatsanwaltschaften wachsen weiter: Zur Jahresmitte 2026 waren bundesweit erstmals mehr als 1,1 Millionen Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Beschuldigte unerledigt. Das sind rund 125.700 und damit 13 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie eine Umfrage der Deutschen Richterzeitung bei den Landesjustizverwaltungen zeigt.
Um das Ganze einordnen zu können: Zur Jahresmitte 2025 waren "nur" 981.633 Verfahren offen. Ende 2020 lagen bundesweit noch 709.367 offene Verfahren bei den Staatsanwaltschaften. Seitdem ist der Bestand um rund 56 Prozent gewachsen.
Der Deutsche Richterbund (DRB) sieht die Strafverfolger zunehmend am Limit. "Den Strafverfolgern steht die Verfahrensflut bis zum Hals", sagte DRB-Bundesgeschäftsführer Sven Rebehn. Die Landesregierungen müssten angesichts der Rekordeingangszahlen und immer höherer Bestände konsequent gegensteuern.
Immer neue Verfahren kommen nach
Allein im ersten Halbjahr 2026 landeten mehr als 2,7 Millionen neue Verfahren bei den Staatsanwaltschaften – rund 52.000 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Für das Gesamtjahr zeichnet sich damit erneut eine Zahl von deutlich mehr als fünf Millionen neuen Verfahren ab.
Nach Darstellung des Richterbundes wächst die Zahl der Verfahren schneller als die Zahl der Stellen. Zwar würden in einigen Ländern zusätzliche Stellen geschaffen. Das reiche bislang aber nicht aus.
Besonders stark wuchs der Bestand in Schleswig-Holstein: Dort waren Ende Juni 47.831 Verfahren offen, gut 43 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In Mecklenburg-Vorpommern betrug das Plus knapp 40 Prozent. Besonders groß ist der Aktenberg in Nordrhein-Westfalen: Dort waren zur Jahresmitte mehr als 300.000 Ermittlungsverfahren offen.
Rheinland-Pfalz baut als einziges Bundesland ab
Nur Rheinland-Pfalz konnte sich dem bundesweiten Trend entziehen: Dort sank die Zahl der offenen Verfahren binnen eines Jahres von 33.077 auf 32.165. An weniger Arbeit lag das nicht: Im ersten Halbjahr 2026 gingen dort rund 124.000 neue Verfahren ein – mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum mit 120.434 Fällen.
Der Rückgang lässt sich deshalb jedenfalls nicht mit sinkenden Eingangszahlen erklären. Einen konkreten organisatorischen Grund dafür, warum es ausgerechnet Rheinland-Pfalz gelang, den Bestand zu reduzieren, nennt die Erhebung allerdings nicht.
In anderen Ländern gelang ein Abbau selbst bei rückläufigen Eingängen nicht. So gingen etwa im Saarland und in Thüringen weniger neue Verfahren ein als im Vorjahreszeitraum, während die Zahl der unerledigten Fälle dennoch stieg.
Für den DRB ist der Rekordbestand vor allem ein Warnsignal für die personelle Ausstattung der Justiz. Zwar gebe es in einigen Ländern Neueinstellungen, die Verfahrenszahlen wüchsen aber deutlich schneller als die Stellenzahl. Rebehn warnte, die Politik werde weiteres Vertrauen bei der Bevölkerung verlieren, wenn sich der Eindruck einer "Strafverfolgung nach Kassenlage" verfestige.
dpa/vv/LTO-Redaktion
Nur Rheinland-Pfalz baut Rückstand ab: . In: Legal Tribune Online, 16.09.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60894 (abgerufen am: 12.10.2026 )
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