Druckversion
Dienstag, 8.09.2026, 11:04 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/justiz/j/dav-skeptisch-plaene-jumiko-erweiterung-zustaendigkeit-amtsgerichte
Fenster schließen
Artikel drucken
50586

Streitwertunabhängige Zuständigkeit für Verkehrsunfallsachen: DAV sieht Pläne der Jumiko teils skep­tisch

27.12.2022

Amts- und Landgericht in Köln

Auf der kommenden Jumiko soll darüber beraten werden, wie mehr Verfahren an die Amtsgerichte kommen können. Bild: gehapromo - stock.adobe.com

Die Justizminister wollen mehr Verfahren auf die Amtsgerichte verlagern. Neben der Erhöhung des Zuständigkeitsstreitwerts könnte das auch über weitere streitwertunabhängige Zuständigkeiten erfolgen. Letzteres sieht der DAV kritisch.

Anzeige

Mit Skepsis blickt der Deutsche Anwaltverein (DAV) auf die im kommenden Jahr anstehenden Beratungen der Justizministerinnen und Justizminister über eine erweiterte Zuständigkeit der Amtsgerichte. Dass sich die Justizministerinnen und Justizminister der Länder auf ihrer Herbstkonferenz (Jumiko) dafür ausgesprochen haben, die Streitwertgrenze anzuheben, ist dabei nicht Stein des Anstoßes. Vielmehr befürchtet der Anwaltverein, dass künftig sämtliche Verkehrsstreitigkeiten bei den Amtsgerichten landen könnten. 

Die Jumiko hatte empfohlen, "den Zuständigkeitsstreitwert für die Amtsgerichte anzuheben und darüber hinaus als weitere Maßnahme die Verlagerung streitwertunabhängiger Zuständigkeiten in Betracht zu ziehen". Derzeit sind in der Regel für Verfahren mit einem Streitwert bis 5.000 Euro die Amtsgerichte zuständig. Bei höheren Summen ist normalerweise das Landgericht als erste Instanz zuständig. 

Im internen Bericht einer Arbeitsgruppe der Justizministerkonferenz heißt es: "Eine Anhebung des Zuständigkeitsstreitwerts für die Amtsgerichte führt zu einem höheren Fallaufkommen und ist damit eine Möglichkeit zu einer Stärkung der Amtsgerichte insgesamt." In dem Bericht, der der dpa vorliegt, hält die Arbeitsgruppe zudem fest: "Eine andere Möglichkeit, die aufgrund des Auftrags der Arbeitsgruppe nicht betrachtet wurde, wäre die weitere streitwertunabhängige Verlagerung von Verfahren an die Amtsgerichte, zum Beispiel bei Verkehrsunfallsachen, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Miete von Gewerberaum." Bislang besteht eine streitwertunabhängige Zuständigkeit der Amtsgerichte unter anderem bei Streitigkeiten aus Wohnraummietverhältnissen und bestimmten Streitigkeiten aus dem Wohnungseigentumsgesetz. 

DAV: "Amtsgericht sind dafür überhaupt nicht ausgelegt"

Der DAV sieht diese Idee kritisch. Einige der Verfahren zu Verkehrsstreitigkeiten seien sehr komplex und zögen sich über Jahre hin, "wir reden von Querschnittslähmungen oder sogar Todesfällen", sagte Nicolas Eilers von der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des DAV der dpa. "Die Amtsgerichte sind dafür überhaupt nicht ausgelegt". Dass Verkehrssachen gesammelt behandelt werden, hält der DAV zwar grundsätzlich für richtig. Die Amtsgerichte seien dafür jedoch der falsche Ort. Besser wären aus seiner Sicht spezialisierte Kammern bei den Landgerichten.

Nach Informationen des Anwaltvereins wird seitens der Justizministerinnen und Justizminister außerdem überlegt, Verfahren, in denen es um Medizinrecht geht, grundsätzlich den Landgerichten zuzuweisen. DAV-Verkehrsrechtsexperte Michael Burmann sieht hier ein Problem. Er sagte: "Wie beispielsweise mit Personenschäden umgegangen werden soll, bei denen diese Rechtsgebiete eng miteinander verwoben sind, bleibt völlig unklar."

Im Bericht der Arbeitsgruppe der Jumiko, die sich formal nur mit der Frage der Streitwertgrenze befassen sollte, ist ein solcher Vorschlag nicht enthalten. Burmann sagte, er befürchte, in der Praxis werde die geplante Änderung insgesamt keine Verbesserung bringen, "sondern vieles unübersichtlicher machen".

Justizminister: Streitwertgrenze muss angehoben werden

Die Justizministerinnen sind sich einig, dass die seit Jahren unveränderte Streitwertgrenze angesichts der allgemeinen Preisentwicklung angehoben werden muss. Über die genaue Summe und über die Frage, welche weiteren Änderungen in der Verteilung der Zuständigkeiten angemessen sind, soll bei der Frühjahrskonferenz im kommenden Mai erneut beraten werden.

Laut dem Bericht der Arbeitsgruppe müsste der Zuständigkeitsstreitwert für die Amtsgerichte von 5.000 Euro auf mehr als 8.400 Euro angehoben werden, um die 1993 geschaffene Geschäftsverteilung zwischen Amts- und Landgerichten wiederherzustellen. In der Zeit von 1993 bis 2020 seien die Eingänge an erstinstanzlichen Zivilverfahren bei den Amtsgerichten um rund 41 Prozent zurückgegangen, heißt es in dem Bericht weiter. Und: "Eine Anhebung des Zuständigkeitsstreitwerts für die Amtsgerichte würde die Amtsgerichte stärken und damit einen Beitrag zu mehr Bürgernähe der Justiz leisten."

dpa/acr/LTO-Redaktion

Anzeige
  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Streitwertunabhängige Zuständigkeit für Verkehrsunfallsachen: . In: Legal Tribune Online, 27.12.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/50586 (abgerufen am: 08.09.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Zivil- und Zivilverfahrensrecht
    • DAV
    • Gerichte
    • Justiz
Symbolbild einer Abschiebung: Beamte der Bundespolizei und von Frontex eskortieren einen Mann in einem Flugzeug. 04.09.2026
Gerichte

Abschiebung trotz Hängebeschlusses:

Aus­län­der­be­hörde mis­sachtet Ver­wal­tungs­ge­richt – und ver­s­trickt sich in Wider­sprüche

Eine Ausländerbehörde in Schleswig-Holstein schob einen Mann ab, obwohl das dortige VG dies untersagt hatte. Der Landkreis teilt mit, man habe das Gericht nicht missachten wollen – doch zeigt die Antwort, dass man genau das bewusst tat.

Artikel lesen
Eingang zu einem Gebäude mit der Aufschrift "Amtsgericht" 03.09.2026
Praktika

Pflichtpraktikum im Jurastudium:

Welche Mög­lich­keiten gibt es?

Die meisten Bundesländer schreiben für ihr Jurastudium Pflichtpraktika vor. So mancher Student findet das lästig, doch wer sich die Mühe macht, vorab die Angebote in seiner Region zu prüfen, kann richtig etwas mitnehmen.

Artikel lesen
Ein Gerichtssaal am Landgericht Bielefeld, man wirft einen Blick durch die fast geschlossene Tür auf verschwommene Personen 02.09.2026
Skurriles

Wende in Bielefelder Prozess:

Frei­spruch für Richter, der als "Anwalt" auf­trat

Mehrere Strafgerichte verurteilten einen Richter, der "Anwaltsschreiben" verschickt haben soll. Nun aber die überraschende Wende: Das LG Bielefeld sprach den Familienrichter frei. Ein Ende findet der rätselhafte Fall damit aber noch nicht.

Artikel lesen
Karin Angerer steht in einem Treppenhaus des Bamberger Oberlandesgerichts 01.09.2026
Personalien

Ernennung durch den Bundespräsidenten:

Karin Angerer tritt Amt als Prä­si­dentin des BGH an

Wechsel an der BGH-Spitze: Dr. Karin Angerer hat das Amt als Präsidentin des Bundesgerichtshofs angetreten. Sie folgt auf Bettina Limperg.

Artikel lesen
Ulrich Siegmund (AfD) 01.09.2026
AfD

Umfrage zur Arbeit im Staatsdienst in Sachsen-Anhalt:

AfD-Regie­rung absch­re­ckend für Nach­wuchs­ju­risten

Welchen Effekt hätte eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt auf die Nachwuchsgewinnung der Justiz? Damit hat sich eine Umfrage befasst – die Ergebnisse sind deutlich.

Artikel lesen
Prof. Dr. Jürgen Ellenberger 31.08.2026
BGH

Vizepräsident des BGH:

Jürgen Ellen­berger geht in den Ruhe­stand

Der Vizepräsident des Bundesgerichtshofs, Jürgen Ellenberger, tritt in den Ruhestand. Er war Vorsitzender des XI. Zivilsenats und über 20 Jahre am BGH tätig.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von Hogan Lovells Cadwalader International LLP
Rechts­an­wäl­tin/Rechts­an­walt (w/m/d) Cor­po­ra­te/M&A

Hogan Lovells Cadwalader International LLP, Mün­chen

Logo von Gleiss Lutz
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­beit (m/w/d) Ar­beits­recht

Gleiss Lutz, Ber­lin

Logo von PwC Legal AG
Se­nior Rechts­an­walt Öf­f­ent­li­ches Wirt­schafts­recht (w/m/d)

PwC Legal AG, Frank­furt am Main

Logo von Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen
Rich­ter/Rich­te­rin (m/w/d) in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit des Lan­des...

Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Müns­ter

Logo von ADVANT Beiten
Re­fe­ren­da­re (w/m/d) – Brüs­sel

ADVANT Beiten, Brüs­sel

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Rechts­an­walt (m/w/d) Cor­po­ra­te / M&A

Flick Gocke Schaumburg, Bonn

Logo von McDermott Will & Schulte
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ten­de (m/w/d) Li­ti­ga­ti­on

McDermott Will & Schulte, Düs­sel­dorf und 1 wei­te­re

Logo von PwC Legal AG
Rechts­an­walt Kar­tell-, Ver­ga­be-, Bei­hil­fe­recht (w/m/d)

PwC Legal AG, Ber­lin

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Logo von Technische Hochschule Köln
Digitale Informationsveranstaltung Masterstudiengang Versicherungsrecht (LL.M.)

08.09.2026

Voraussetzungen und (Kappungs-)grenzen bei der Mieterhöhung

08.09.2026

Autokaufrecht

08.09.2026

Fallstricke im Einstellungsverfahren: Entgelttransparenz, Fragerecht und Entschädigung

08.09.2026

Gestaltung und Anwendung der Vorsorgevollmacht

08.09.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH