Digitale Transformation: Wie Anwälte KI für Schrift­sätze nutzen können

von Nico Kuhlmann

27.05.2026

Viele Juristen wollen KI im Alltag nutzen, wissen aber nicht immer, wie genau. Nico Kuhlmann gibt ein paar einfache Beispiele für den Einsatz von KI bei der Erstellung von Schriftsätzen.

Immer mehr Juristen haben eine Lizenz für ein oder sogar mehrere KI-Tools, die mit viel Mühe berufs- und datenschutzrechtskonform aufgesetzt wurden. Das ist ein guter Anfang, aber nützt natürlich nichts, wenn man danach nicht weiß, wann, wo und wie man das Tool sinnvoll einsetzen kann. 

Ein Kernprodukt, das man als Anwalt regelmäßig erstellen muss, ist ein Schriftsatz für ein streitiges Verfahren. Die aktuellen KI-Tools können einen solchen Schriftsatz (noch) nicht allein erstellen. Aber die KI kann bei vielen einzelnen Schritten unterstützen, sodass das finale Ergebnis hoffentlich nicht nur schneller erstellt, sondern inhaltlich sogar besser ist. 

Abhängig von dem Rechtsgebiet, der Verfahrensart und der Gerichtsbarkeit können sich viele Details bei der Erstellung der jeweiligen Schriftsätze unterscheiden. Aber es gibt auch wesentliche Gemeinsamkeiten: Unterm Strich muss man stets einen Sachverhalt zusammentragen und aufschreiben, die relevanten rechtlichen Normen identifizieren und subsumieren – und bei all diesen Schritten kann KI unterstützen. 

Mit Deep Research schneller zum Sachverhalt 

Viele der relevanten Angaben für den Sachverhalt liefert im Idealfall der Mandant, aber oft auch nicht alle. Wenn weitere Angaben benötigt werden, kann man danach bei geeigneten Fällen unter anderem im Internet suchen. 

Wenn man beispielsweise herausfinden möchte, wer eigentlich die Gegenseite ist, kann man den Namen in die Suchmaschine seiner Wahl eingeben und dann die Trefferliste händisch abarbeiten. Oder man bittet ein KI-Tool, direkt einen vollständigen Bericht über die in der Regel sogenannte Deep-Research-Funktion zu erstellen (dafür gibt es oft eine entsprechende Schaltfläche beim Eingabe-Fenster, die aktiviert werden muss). 

Die Deep-Research-Funktion erlaubt dem KI-Tool vereinfacht gesagt, mehr Zeit in die Frage zu investieren. Anstatt nur eine schnelle Antwort zu geben, arbeitet die KI hier wie ein digitaler Recherche-Assistent. Das KI-Tool zerlegt den Arbeitsauftrag selbstständig in mehrere Zwischenschritte, durchsucht minutenlang dutzende Webseiten im Internet, liest Dokumente und vergleicht Quellen. Am Ende filtert das KI-Tool die wichtigsten Fakten heraus und fasst die Ergebnisse in einem ausführlichen, sauber strukturierten Bericht mit direkten Quellenangaben zusammen. Das spart dem Nutzer die stundenlange eigene Sucharbeit. 

Der Prompt dafür könnte wie folgt lauten: „Ich interessiere mich für das Unternehmen XYZ. Bitte recherchiere umfassend zu folgenden Fragen: In welchen Geschäftsbereichen ist dieses Unternehmen aktuell tätig? Fasse zudem die Geschichte des Unternehmens kurz zusammen und liste die Namen des aktuellen Vorstands mit kurzem Lebenslauf auf. Zudem interessiert mich, in welchen nationalen Märkten das Unternehmen mit welchen Produkten den meisten Umsatz macht und welche Gesellschaftsstruktur es international gibt. Zum Abschluss nenne drei Nachrichten über dieses Unternehmen, die kürzlich in der internationalen Presse waren“. 

Dieser Ansatz funktioniert natürlich nicht nur bei der Recherche von Unternehmen. Man kann sich auch erklären lassen, wie Produkte oder Märkte eigentlich funktionieren. Auch jede andere für den Sachverhalt relevante Frage, bei der man glaubt, dass man im Internet genug sinnvolle Informationen findet, kann KI auf diese Weise bearbeiten. 

Ein anderes Beispiel aus dem Bereich des Sachverhalts ist die Übersetzung von Anlagen. Manchmal sind Textdokumente, die man vor Gericht vorlegen möchte, nicht auf Deutsch. In diesen Fällen kann man die Dokumente mittlerweile mit einem geeigneten KI-Tool einfach auf Knopfdruck übersetzen lassen und dann diese Übersetzung direkt mit einreichen. 

KI als Vorsortierer und Sparringspartner 

Darüber hinaus können KI-Tools auch bei der Recherche zur rechtlichen Würdigung im Rahmen eines Schriftsatzes unterstützen. Die Qualität der KI-Antworten hängt auch davon ab, auf welche Daten das Tool zugreifen kann. Spezielle KI-Tools für den Rechtsmarkt haben mittlerweile oft eine Datenbank mit deutschen Gesetzen und Urteilen angeschlossen. Diese Texte sind gemeinfrei und können ohne eine urheberrechtliche Beschränkung verwendet werden. Andere haben darüber hinaus eine direkte Schnittstelle zu den Datenbanken der juristischen Verlage, in denen sich dann auch Aufsätze, Urteilsbesprechungen, Kommentare und Handbücher befinden. 

Um sich der rechtlichen Durchdringung des Falls anzunähern, kann man beispielsweise das KI-Tool fragen, welche Anspruchsgrundlagen für das Mandantenbegehren infrage kommen, welche rechtlichen Probleme bestehen oder auf welche Ausnahmeregelungen man achten sollte. 

Wenn die bestehende Rechtsprechung und Literatur nicht genug Anknüpfungspunkte liefern, kann man das KI-Tool auch bitten, bei der Suche nach neuen Argumenten zu unterstützen. Wer sich beispielsweise im Wettbewerbsrecht fragt, ob eine geschäftliche Handlung irreführend ist, oder im Markenrecht, ob sich zwei Marken ähnlich sind, kann einfach das KI-Tool bitten, jeweils zehn Argumente aufzuführen, die für die Meinung sprechen, die man selbst vertreten möchte. Nicht alle zehn Vorschläge werden perfekt sein. Aber man sortiert die schlechten einfach aus und schärft die guten bei Bedarf noch einmal nach (und danach fragt man das KI-Tool dann natürlich nach zehn Gegenargumenten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Gegenseite vortragen könnte, um darauf gegebenenfalls bereits proaktiv eingehen zu können).

Einmal auffüllen und bunt machen, bitte! 

Ein anderer Ansatz ist, bestimmte Teile der rechtlichen Begründung selbst herunterzuschreiben und ein geeignetes KI-Tool mit entsprechendem Datenbankzugang zu bitten, für die noch leeren Fußnoten passende Fundstellen vorzuschlagen. 

Nicht bei allen Rechtsgebieten relevant, aber trotzdem manchmal sinnvoll, kann es sein, Grafiken oder sonstige Abbildungen in Schriftsätze einzubinden. Dies kann dazu dienen, komplexe Zusammenhänge oder abstrakte Argumente zu visualisieren. Solche Abbildungen muss man nun nicht mehr lange suchen, sondern kann diese einfach durch ein geeignetes KI-Tools erstellen lassen. Man sollte dann natürlich im Schriftsatz offenlegen, dass es eine KI-generierte Abbildung ist. 

Wenn man beispielsweise herausgefunden hat, wie die Gesellschaftsstruktur der Gegenseite ist und welche Gesellschaften in welchen Ländern für welche streitgegenständlichen Produkte verantwortlich sind, kann man mit diesen Informationen eine anschauliche Übersicht erstellen lassen und diese dann in den Schriftsatz einfügen. 

Das digitale Vier-Augen-Prinzip 

Wenn der Entwurf des Schriftsatzes steht, können KI-Tools auch bei der Endkontrolle helfen. Offensichtlich ist die Möglichkeit, dass das KI-Tool den Text noch einmal auf korrekte Rechtschreibung und Grammatik prüft. 

Bei größeren Kanzleien gibt es zudem in der Regel auch bestimmte Richtlinien, die bei der Erstellung von Schriftsätzen zu beachten sind. Diese Richtlinien kann man zusammen mit dem Entwurf dem KI-Tool geben und es prüfen lassen, ob diese Richtlinien eingehalten wurden oder ob es konkrete Änderungsvorschläge gibt. 

Noch einen Schritt weiter geht der Ansatz, den gesamten Entwurf von dem KI-Tool auch inhaltlich gegenprüfen zu lassen. Man kann beispielsweise den vollständigen Entwurf vom KI-Tool gegenlesen lassen und fragen, ob alles verständlich ist, rechtliche Aspekte übersehen wurden oder vorgetragene Argumente widersprüchlich sind. 

Wenn es sich um eine Klageerwiderung handelt, könnte man zudem darüber nachdenken, die Klage der Gegenseite zusammen mit dem eigenen Entwurf der Klageerwiderung vom KI-Tool analysieren und prüfen zu lassen, ob man auf alle relevanten Aspekte eingegangen ist oder es noch weitere gute Argumente gibt, die man bisher übersehen hat. Dabei sollte man allerdings beachten, dass der Schriftsatz der Gegenseite gegebenenfalls urheberrechtlich geschützt ist

Wenn also gerade kein menschlicher Kollege zur Verfügung steht, kann man auch ein KI-Tool nutzen, um Feedback zum eigenen Entwurf zu bekommen. 

KI und Mensch gemeinsam für ein besseres Ergebnis 

Alles, was die KI-Tools schreiben, sind selbstverständlich immer nur Vorschläge. Juristen müssen sie selbst bewerten und die Angaben kontrollieren. Die Endverantwortung liegt natürlich beim menschlichen Berufsträger. 

Doch wer die zur Verfügung stehenden KI-Tools sinnvoll einsetzt und ein wenig experimentiert, kann im Ergebnis nicht nur manche Arbeitsschritte deutlich beschleunigen, sondern am Ende oft auch ein besseres Arbeitsergebnis erzielen, als wenn nur menschliche Intelligenz zum Einsatz kommt.

Nico Kuhlmann ist Rechtsanwalt bei Hogan Lovells International LLP in Hamburg. Er beschäftigt sich mit Geistigem Eigentum, digitalen Geschäftsmodellen und dem Einsatz von Legal Tech und KI im Kanzleialltag und in Rechtsabteilungen. Auf LTO, LinkedIn und YouTube teilt er regelmäßig Einblicke in die digitale Transformation des Rechts.

Zitiervorschlag

Digitale Transformation: . In: Legal Tribune Online, 27.05.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/60054 (abgerufen am: 09.06.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
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