KI im Arbeitsalltag einsetzen: Wie Juristen richtig prompten

von Nico Kuhlmann

07.07.2025

Die KI kann Juristen bereits bei vielen einzelnen Aufgaben ihrer täglichen Arbeit unterstützen. Nico Kuhlmann gibt Tipps fürs richtige "Prompten" und wie man KI im Alltag am besten einsetzt.

Als Juristen arbeiten wir mit einer Vielzahl von Texten. Und mittlerweile kann uns die Künstliche Intelligenz (KI) dabei wie ein eifriger Kollege unterstützen – sofern wir die richtigen Anweisungen geben.

Wie im beruflichen Alltag im Umgang mit anderen Kollegen gilt auch bei der KI: Vage Anweisungen führen zu unpassenden Ergebnissen. An dieser Stelle kommt das sogenannte Prompt Engineering ins Spiel. Ein "Prompt" ist nichts anderes als eine Eingabe, also eine Frage oder Anweisung an ein KI-System. Prompt Engineering bezeichnet dementsprechend die Fähigkeit, gezielte und strukturierte Prompts zu formulieren, um qualitativ hochwertige und verwertbare Resultate zu erhalten.

Ein KI-System – wie ChatGPT, Gemini oder MS Copilot – lässt sich am besten als neuer Kollege verstehen, der zwar über eine gewisse Berufserfahrung verfügt, aber weder die Arbeitsweise des Teams noch die konkreten Mandanten oder den spezifischen Kontext kennt. Um gute Ergebnisse zu erzielen, braucht es deshalb klare und durchdachte Anweisungen.

Technisch betrachtet basieren die meisten modernen KI-Systeme auf sogenannten großen Sprachmodellen. Diese Modelle arbeiten, vereinfacht gesagt, nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeitsvorhersage – sie berechnen, welches Wort oder Wortfragment mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die jeweilige Eingabe folgt. Im Kern handelt es sich also um eine besonders gute Autovervollständigungsfunktion.

Daraus ergibt sich ein typisches Phänomen: Viele Antworten wirken zunächst generisch oder schematisch. Der Grund liegt darin, dass Sprachmodelle dazu neigen, vertraute Muster aus den Trainingsdaten zu reproduzieren – also aus jenen Texten, auf denen das Modell ursprünglich trainiert wurde. Wer diese Muster gezielt durchbricht, indem er spezifische, kontextreiche und klar formulierte Prompts verwendet, erhält deutlich individuellere und praxisnähere Ergebnisse.

Gut gefragt ist halb gewonnen – Prompt Engineering für Juristen

Vor diesem Hintergrund lassen sich einige grundlegende Hinweise formulieren, wie sich bessere Prompts erstellen lassen.  

Zunächst gilt: Klarheit und Präzision sind entscheidend. Statt einer allgemeinen Anfrage wie "Erzähle mir etwas über Verträge" sollte die Fragestellung konkreter gefasst werden, etwa: "Erläutere die wesentlichen Elemente eines handelsrechtlichen Vertrags nach englischem Recht in einfachen Worten."

Ebenso wichtig ist der Kontext. KI-Systeme arbeiten zielgerichteter, wenn ihnen eine Rolle und ein Zweck vorgegeben werden. Ein Beispiel wäre: "Du bist Syndikusrechtsanwalt in einem internationalen Unternehmen. Verfasse eine kurze Zusammenfassung der beigefügten italienischen Gerichtsentscheidung für den Vorstand."

Auch das gewünschte Format lässt sich von Anfang an definieren. So kann etwa verlangt werden: "Bitte in Stichpunkten" oder "Erstelle eine Tabelle".

Schließlich spielt die Iteration eine zentrale Rolle. KI-Tools sind dialogfähige Werkzeuge. Wer mit der ersten Antwort nicht zufrieden ist, kann gezielt nachsteuern: "Formuliere es formeller", "Füge Beispiele hinzu" oder einfach: "Fasse dich kürzer." Auf diese Weise lässt sich die Qualität der Ergebnisse schrittweise verbessern.

KI als Prompt-Coach und ein wichtiger Warnhinweis

Ein letzter Hinweis zum Thema Prompts: Auch beim Erstellen guter Eingaben kann die KI selbst unterstützen. Wenn unklar ist, ob ein Prompt gut formuliert ist oder ob wesentliche Informationen fehlen, lässt sich dies direkt hinterfragen – die KI kann nämlich auch aufzeigen, wie der Prompt präzisiert oder verbessert werden kann. Man muss nur fragen.

Selbstverständlich versteht es sich von selbst: Vertrauliche Daten gehören nicht in öffentliche KI-Tools. Wenn ein KI-System nicht auf eigenen Servern oder in einer gesicherten, unternehmensinternen Cloud betrieben wird und nicht zweifelsfrei ausgeschlossen ist, dass Daten an Außenstehende übermittelt werden, dürfen keine vertraulichen Mandatsinformationen in Prompts eingegeben oder geheime Dokumente hochgeladen werden. Die datenschutzrechtlichen und berufsrechtlichen Anforderungen bleiben uneingeschränkt bestehen – auch im Umgang mit neuen Technologien.

KI im Dokumentenalltag – So lassen sich Texte smarter bearbeiten

Um eine gute Anweisung zu geben, muss man natürlich auch wissen, was man eigentlich machen will. Dabei bieten sich einem unzählige Einsatzmöglichkeiten.

Ein erster Anwendungsbereich ist die Erstellung von Entwürfen. Wer etwa eine geschäftliche E-Mail formulieren möchte, aber nicht weiß, wie der Einstieg klingen soll, kann die KI um einen ersten Vorschlag bitten.  

Ein weiterer Anwendungsfall: Wenn ein Text bereits vorliegt, aber stilistisch oder strukturell noch nicht überzeugt, kann die KI dabei helfen, diesen zu überarbeiten und zu optimieren. So lässt sich beispielsweise eine rechtliche Einschätzung, die per E-Mail versendet werden soll, durch die KI kürzen, ohne dass wesentliche Argumente verloren gehen. Oder ein längeres Gutachten hat im Laufe der Bearbeitung an Klarheit eingebüßt: Die KI kann dabei helfen, den Text neu strukturieren, um Aufbau und Argumentationslogik zu verbessern.

Zudem kann die KI auch übersetzen, und das nicht nur zwischen verschiedenen Sprachen, sondern auch vom juristischen Fachjargon in allgemein verständliche Sprache. Wenn ein Mandant ohne juristischen Hintergrund um eine Erklärung zu einer komplexen Vertragsklausel bittet, kann diese Passage einfach mit der Bitte um eine verständliche Zusammenfassung in einfachen Worten in ein KI-Tool eingegeben werden.  

Von der schnellen Übersicht bis zur Vertragsprüfung

Ein zusätzlicher Anwendungsfall ist die Zusammenfassung umfangreicher oder komplexer juristischer Texte. Ein klassisches Szenario: Eine ältere Akte eines anderen Kollegen landet auf dem eigenen Schreibtisch. Die KI kann die vollständige Korrespondenz zusammenfassen und idealerweise eine chronologische Übersicht der wesentlichen Ereignisse erstellen. So lässt sich schnell erfassen, worum es bei dem Fall eigentlich geht.

Ein weiteres Einsatzfeld liegt schließlich in der Analyse juristischer Dokumente. Wer sich fragt, ob beim eigenen Vertragsentwurf relevante Punkte möglicherweise übersehen wurden, kann die KI bitten, den Entwurf auf fehlende Regelungsbereiche hin zu analysieren. Oder wenn ein Vertragsentwurf von der Gegenseite vorliegt und einzelne Klauseln als einseitig vorteilhaft erscheinen, kann die KI gebeten werden, alternative Formulierungen vorzuschlagen, insbesondere solche, die die eigenen Interessen besser wiedergeben.

Vertrauen ist nicht gut – Kontrolle ist wichtig

Zum Schluss – und das gilt unabhängig vom konkreten Anwendungsfall: Die Ergebnisse der KI sollten stets sorgfältig geprüft werden. KI ist schnell, aber kein Jurist. Sie formuliert oft mit großer Selbstsicherheit. Dies aber auch dann, wenn die Inhalte sachlich unzutreffend sind. Deshalb bleibt die Verantwortung beim Menschen: Die KI macht nur Vorschläge, die Entscheidung liegt am Ende bei uns.

Die KI kann den juristischen Alltag somit leichter machen. Sie spart Zeit, hilft beim Schreiben und bringt einen manchmal sogar auf neue Ideen. Wer einmal angefangen hat, will oft nicht mehr zurück. Aber es braucht am Anfang eben auch Neugier, Lernbereitschaft und ein bisschen Experimentierfreude.  

Wer klein anfängt, ausprobiert und offen bleibt, wird aber schnell feststellen, wie vielseitig KI im juristischen Alltag nutzbar ist.

Autor Nico Kuhlmann ist Rechtsanwalt und Senior Associate bei Hogan Lovells Int. LLP in Hamburg. Er beschäftigt sich mit Geistigem Eigentum, digitalen Geschäftsmodellen und dem Einsatz von Legal Tech und KI im Kanzleialltag. Auf LinkedIn und YouTube teilt er regelmäßig Einblicke in die digitale Transformation des Rechts.

Am 2. Juli veröffentlichte er bereits auf LTO einen ersten Text zu den diversen Rollen von KI bei der juristischen Arbeit.

Zitiervorschlag

KI im Arbeitsalltag einsetzen: . In: Legal Tribune Online, 07.07.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57587 (abgerufen am: 21.01.2026 )

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