Juristische Arbeit und künstliche Intelligenz: Die KI als Spar­ring­s­partner und Lern­be­g­leiter

von Nico Kuhlmann

02.07.2025

Die KI kann nicht alles, was Juristen können – zumindest noch nicht. Aber sie kann uns bereits bei vielen Aufgaben in unserer täglichen Arbeit unterstützen. Nico Kuhlmann beschreibt die verschiedenen Rollen, die die KI dabei einnehmen kann.

Ein großer Teil der juristischen Arbeit umfasst die Verarbeitung von Sprache. Und dabei kann uns Künstliche Intelligenz (KI) in vielerlei Hinsicht unterstützen. 

Aber eines gleich vorweg: KI ist derzeit noch nicht in der Lage, komplexe juristische Dokumente wie Schriftsätze oder Verträge eigenständig zu erstellen – zumindest nicht auf dem Niveau, auf dem wir es in der Regel brauchen. Auch wenn sich das perspektivisch ändern mag, empfiehlt es sich aktuell noch, mit der KI schrittweise am Dokument zu arbeiten: Absatz für Absatz, stets mit klarer Anweisung und sorgfältiger Kontrolle. Die Verantwortung bleibt bei uns – wir behalten das Steuer in der Hand. 

Bevor es aber losgeht, muss als erstes das richtige KI-System für die anstehende Aufgabe ausgewählt werden. Die meisten nutzen in der Regel Claude von Anthropic, Gemini von Google oder eben das bekannte ChatGPT von OpenAI. Das sind alles leistungsstarke Tools, die für viele Aufgaben hervorragend geeignet sind. Welches konkrete Modell innerhalb dieser Tools dann am besten ausgewählt werden sollte, hängt von der einzelnen Aufgabe ab. Einige Modelle stechen durch ihre Wortgewandtheit hervor, andere eher durch das tiefgründige Durchdenken der gestellten Aufgabe. 

Da diese Tools auf allgemeinen, großen Sprachmodellen basieren, zeigen sie aber gerade bei der Beantwortung spezifischer Rechtsfragen oft Schwächen. Das liegt vor allem daran, dass sie nicht mit hochwertigen Daten aus dem juristischen Bereich trainiert wurden, die in der Regel hinter eine Paywall liegen. Dies beginnt sich allerdings zu ändern, da immer mehr juristische Verlage mit KI-Anbietern zusammenarbeiten (wie Harvey, Legora oder BRYTER) oder sogar selbst eigene KI-Tools entwickeln (wie Frag den Grüneberg oder den Beck-Chat). Aber selbst dann sollten KI-Antworten stets sorgfältig überprüft werden. Als Grundregel sollte man KI-Tools nie für rechtliche Fragen verwenden, bei denen man nicht in der Lage ist, die Antwort selbst zu kontrollieren. 

Die vielen Gesichter der KI: drei Rollen, viele Chancen 

Auch wenn das alles vielen längst bekannt ist: In der Praxis sitzen viele Juristinnen und Juristen dennoch regelmäßig vor dem Bildschirm und fragen sich, wie sie KI nun im Arbeitsalltag konkret und sinnvoll einsetzen können. Der Wille ist da – aber es fehlt an der Umsetzung, insbesondere am ersten Schritt. 

Eine erste Hilfe kann sein, sich zu überlegen, in welcher Rolle die KI einen unterstützen soll. Denkbar sind beispielsweise die Rollen als kreativer Sparringspartner, eifriger Kollege oder engagierter Lernbegleiter. 

Unterstützung als Ideengeber – aber nicht als Entscheider 

Die KI kann zuerst die Rolle eines kreativen Sparringspartners einnehmen. Entgegen einigen anderslautenden Meinungen wird die juristische Arbeit in hohem Maße von Kreativität geprägt, und KI kann uns dabei unterstützen, noch kreativer zu sein.

Die Vorgehensweise ist dabei unabhängig vom Rechtsbereich immer die gleiche: Man bittet die KI, eine Vielzahl von Vorschlägen für eine bestimmte Aufgabe zu generieren. Die generierten Vorschläge werden anschließend bewertet und weiter verfeinert.

Im Markenrecht spielt beispielsweise bei der Verwechslungsgefahr die Ähnlichkeit der sich gegenüberstehenden Marken eine wichtige Rolle. Um Argumente dafür zu finden, kann man einfach die KI bitten, zehn Gründe aufzulisten, warum sich die Marken ähnlich sind oder nicht – je nachdem was man argumentieren möchte.

Oder bei der Überarbeitung einer Klausel in einem Vertragsentwurf findet man einfach keine gute Formulierung, die die eigenen Interessen besser zum Ausdruck bringt. Auch hier liefert die KI Vorschläge auf Knopfdruck. 

Nicht alle Vorschläge der KI werden immer perfekt sein, aber die meisten sind in der Regel ausreichend nützlich. Die guten Vorschläge können dann weiter verbessert werden. Diese Vorgehensweise ist oft auch schneller, als sich alles selbst auszudenken – und die KI kommt möglicherweise sogar auf Ideen oder Vorschläge, auf die man selbst nicht gekommen wären. 

Unterstützung im juristischen Arbeitsalltag – aber mit klarer Aufgabenverteilung 

Zweitens kann man sich KI als einen eifrigen Kollegen vorstellen. Derzeit kann KI noch keinen juristischen Job vollständig selbst übernehmen. Die KI kann jedoch bei vielen kleinen Aufgaben, die Teil der Arbeit sind, behilflich sein. Die Frage lautet daher: Welche Aufgaben sollten wir stets selbst erledigen? Welche Aufgaben sollten wir gemeinsam mit KI bewältigen? Und welche Aufgaben können wir vollständig der KI überlassen? 

Die derzeit wahrscheinlich größte Kategorie sind delegierte Aufgaben. Das sind Aufgaben, die wir der KI überlassen, deren Ergebnisse wir aber anschließend kritisch überprüfen. Diese Aufgaben sind oft zeitaufwendig oder monoton. Die KI kann diese Aufgaben aber oft schneller und einfacher erledigen als wir. Ein gutes Beispiel ist das Zusammenfassen oder Auswerten von Dokumenten.  

Zudem gibt es automatisierte Aufgaben. Das sind Aufgaben, die wir vollständig an die KI übergeben, ohne die Ergebnisse zu überprüfen. Dies dürfte zumindest derzeit eine eher kleine Kategorie sein. Aber es gibt auch bereits unzählige Tools im Internet, die eine rechtliche Ersteinschätzung eines Problems liefern – und das alles ohne menschliche Aufsicht. 

In Zukunft werden sich die Grenzen zwischen diesen Kategorien verschieben und immer mehr Aufgaben werden delegiert und sogar automatisiert werden. Und am Ende wird alles, was automatisiert werden kann, auch automatisiert werden. Auch oder insbesondere im rechtlichen Bereich. 

Unterstützung beim kontinuierlichen Wissensaufbau – von Studium bis Beruf 

Drittens kann KI als engagierter Lernbegleiter fungieren. Das Lernen hört nie wirklich auf – egal, ob man noch an der Universität oder im Referendariat ist oder bereits im Berufsleben steht. KI kann dabei helfen, besser und schneller zu lernen.

Die KI-Tools können zum Beispiel komplexe Sachverhalte in einfachen Worten erklären, Fragen beantworten, Übungen individuell anpassen und sogar Feedback geben. Einige KI-Tools sind bereits in der Lage, Falllösungen von Jurastudierenden zu überprüfen und Verbesserungsvorschläge für ihre Argumentation zu unterbreiten (wie Legal Writer oder Deep Write). 

Beim Umgang mit umfangreichen Fachtexten – etwa juristischen Fachartikeln, neuen Gesetzestexten oder komplexen Gerichtsentscheidungen – kann KI zudem dabei unterstützen, den Einstieg zu erleichtern. Die KI erstellt auf Anfrage Zusammenfassungen oder Zeitachsen, die einen schnellen Überblick ermöglichen, noch bevor man sich vertieft mit dem Originaltext auseinandersetzt. Während der Lektüre lassen sich bei Verständnisfragen darüber hinaus gezielte Rückfragen formulieren. Tools wie NotebookLM von Google gehen noch einen Schritt weiter und bieten sogar die Möglichkeit an, aus umfangreichen Dokumenten automatisch einen kurzen Podcast zu machen, um die Inhalte unterwegs anhören zu können, etwa auf dem Arbeitsweg. 

Zusammengefasst lässt sich sagen: Künstliche Intelligenz kann Juristinnen und Juristen auf vielfältige Weise unterstützen – wenn man weiß, in welcher Rolle man sie richtig einsetzt.  

Wer KI mit Bedacht nutzt, klein anfängt, experimentiert und offen für neue Möglichkeiten bleibt, wird den Mehrwert schnell erkennen. Man muss kein Technikexperte sein, um KI im Alltag zu nutzen – Neugierde genügt. 

(c) Nico Kuhlmann

Der Autor Nico Kuhlmann ist Rechtsanwalt und Senior Associate bei Hogan Lovells Int. LLP in Hamburg. Er beschäftigt sich mit Geistigem Eigentum, digitalen Geschäftsmodellen und dem Einsatz von Legal Tech und KI im Kanzleialltag. Auf LinkedIn und YouTube teilt er regelmäßig Einblicke in die digitale Transformation des Rechts.

Zitiervorschlag

Juristische Arbeit und künstliche Intelligenz: . In: Legal Tribune Online, 02.07.2025 , https://www.lto.de/persistent/a_id/57558 (abgerufen am: 16.12.2025 )

Infos zum Zitiervorschlag
ads lto paragraph
ads Transfermarkt people

Ihre Personalie. Unsere Reichweite. Maximale Wirkung.

Jetzt Pushnachrichten aktivieren

Pushverwaltung

Sie haben die Pushnachrichten abonniert.
Durch zusätzliche Filter können Sie Ihr Pushabo einschränken.

Filter öffnen
Rubriken
oder
Rechtsgebiete
Abbestellen