Zur Rechtsberatung geht man häufig in Krisensituationen. In vielen Fällen kommen Traumata, Diskriminierungen und Ängste dazu, die die Beratung aufleben lässt. Wie man sensibel damit umgeht, erklären Cristina Gilfrich und Konstantina Raptis.
Eine Mandantin trifft zum Erstgespräch ein. Sie möchte Unterhaltsfragen nach einer Trennung klären. Sie wirkt nervös – spricht sehr schnell und springt zwischen verschiedenen Episoden hin und her. Mehrfach entschuldigt sie sich dafür, "so unstrukturiert" zu erzählen. Erst im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass ihr ehemaliger Partner sie über Jahre abgewertet und ihr vermittelt hat, sie sei "zu emotional", um wichtige Entscheidungen zu treffen. Diese Vorerfahrungen prägen ihre Darstellung sichtbar.
Derartiges Verhalten von künftigen Mandant:innen oder Ratsuchenden ist alles andere als ungewöhnlich, wenn man tagtäglich Rechtsberatung macht. Doch wenn man nicht nur rechtlich das Beste rausholen, sondern auch dafür sorgen möchte, dass die Beratung selbst so angenehm, sensibel, und diskriminierungsfrei wie möglich abläuft, um der Person nicht noch mehr Unsicherheiten mitzugeben, kommt der Begriff der "Awareness" ins Spiel.
"Awareness" stammt aus der antirassistischen und feministischen Bewegung und bedeutet wörtlich übersetzt "Bewusstsein". Der Begriff beschreibt keine konkrete Situation, sondern vielmehr betroffenenzentrierte Handlungen und Haltungen. Ein Bewusstsein für Herrschaftsverhältnisse, für die Bedürfnisse marginalisierter Gruppen und dafür, dass nicht alle Menschen in jeder Situation gleich sicher sind, sondern Diskriminierungen und anderem grenzüberschreitenden Verhalten ausgesetzt sind. Als Diskriminierung bezeichnet man dabei die Benachteiligung von Menschen aufgrund individueller oder gruppenspezifischer Merkmale, die häufig in mehreren Formen gleichzeitig stattfindet und dadurch verstärkt wird.
Für jede Person mitdenken
Awareness-Konzepte dienen dem Ziel, diese Verhaltensweisen bei sich selbst und anderen zu erkennen und abzubauen - auch wenn man nicht selbst betroffen ist. Zudem soll Sensibilität für das Wohlbefinden einer Person geschaffen werden. Idealerweise sollte ein sicheres Umfeld und ein möglichst diskriminierungsfreier Raum entstehen: ein Raum, in dem für jede Person mitgedacht wird, unsichtbare Perspektiven sichtbar werden und marginalisierte Menschen gestärkt werden.
Doch gerade in der Rechtsberatung, wo Personen möglicherweise sogar aufgrund gewisser Diskriminierungserfahrungen um Hilfe bitten, spielt Awareness noch keine sehr große Rolle. Dabei herrschen hier vorwiegend asymmetrische Strukturen. Nicht nur der (Fach-)Wissensvorsprung, der in der Regel zwischen Berater:innen und Hilfesuchenden vorliegt, sondern auch der Fakt, dass Menschen oft in Krisenmomenten in die Beratung kommen, machen eine sensible, bewusste Umgangsweise unerlässlich. Durch Awareness kann auch in der Beratung ein Umfeld geschaffen werden, in dem sich Berater:innen und Hilfesuchende wohlfühlen.
Selbstbestimmung als notwendige Grundlage für solide Beratung
Rechtsberatung ist oft von persönlichen Belastungen geprägt. Ratsuchende kämpfen häufig mit Unsicherheit, Scham, Angst oder strukturellen Benachteiligungen. Awareness kann helfen, diese Faktoren früh zu erkennen und Beratungsgespräche so zu gestalten, dass eine vollständige und präzise rechtliche Bewertung möglich wird.
Wie das eingangs genannte Fallbeispiel zeigt, kann schon bei Mandatsaufnahme und dem Erstgespräch deutlich werden, wie sensibel die juristische Praxis eigentlich ablaufen müsste.
Rechtsberatung beginnt mit Vertrauen. Besonders bei Themen wie Unterhalt, Sorge-/Umgangsrecht, Selbstbestimmung oder sexualisierter Gewalt sind Ratsuchende häufig psychisch belastet, verunsichert oder durch frühere negative Erfahrungen vorsichtig. In solchen Situationen sowie im Beispiel oben können die Berater:innen der Person Zeit geben, die geschilderten Situationen gemeinsam einordnen und ruhig erklären, welche Informationen für die rechtliche Einordnung relevant sind. Erst dadurch gelingt es, den Sachverhalt vollständig zu erfassen und zu erkennen, dass möglicherweise nicht nur Unterhaltsfragen, sondern auch Aspekte emotionaler Abhängigkeit und struktureller Ungleichgewichte eine Rolle spielen.
Gerade solche Fälle zeigen: Awareness kann einen Raum für Sicherheit, Respekt und Selbstbestimmung schaffen, eine notwendige Grundlage für solide juristische Beratung.
Nicht unbewusst marginalisieren
Es kommt daneben immer darauf an, wie man etwas kommuniziert. Sprache formt Wahrnehmung, auch juristisch. Viele Fälle, die etwa an die Feminist Law Clinic herangetragen werden, betreffen Geschlecht, Partnerschaften, Familienformen und Identitäten, die im klassischen juristischen Alltag oft nicht adäquat abgebildet sind. Unreflektierte Formulierungen können daher Ausschlusssignale senden oder (unbewusst) Biografien marginalisieren.
Ein Beispiel: Eine trans*-Person sucht Beratung wegen einer gewünschten Änderung des Personenstands (Name und Geschlechtseintrag). Im Erstgespräch wirkt sie zurückhaltend, zögert, wechselt mehrfach das Thema. Die Berater:innen erkennen, dass es nicht um Unsicherheit geht, sondern um Schutzbedürfnis und Angst vor Diskriminierung. Durch eine behutsame Gesprächsführung und offene Sprache ("Wie möchten Sie angesprochen werden?"), ergänzt durch die explizite Zusicherung von Vertraulichkeit, entsteht ein Vertrauensraum. Ohne diese Sensibilität hätte die Person womöglich wichtige Vorinformationen zurückgehalten, mit Konsequenzen für die juristische Einschätzung und Begleitung.
Dieses Beispiel verdeutlicht: Sprache beeinflusst Mandatsklarheit und damit juristische Möglichkeiten. Awareness in der Wortwahl hilft, strukturelle Unsichtbarkeit von Geschlechtervielfalt oder Lebensrealitäten zu vermeiden.
Schon das Setting ist entscheidend
Nicht nur Sprache und Haltung, auch Rahmenbedingungen und Umgebung beeinflussen, ob Beratung gelingt.
Nimmt beispielsweise eine Betroffene häuslicher Gewalt erstmals Kontakt auf, gilt ihre Sorge vor allem der Sicherheit im Gespräch. Sie bittet darum, dass die Beratung nicht in einem gläsernen Büroraum stattfindet, an dem Außenstehende vorbeilaufen können. Erst als ihr ein abgeschlossener, ruhiger Raum angeboten wird und sie weiß, dass keine dritte Person ungefragt eintreten kann, beginnt sie, die Ereignisse strukturiert zu schildern. Für eine mögliche Gewaltschutzanordnung waren diese Details jedoch zentral.
Solche Rahmenbedingungen sind kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung, besonders bei vulnerablen Gruppen, bei Gesprächen über Gewalt, Diskriminierung oder Identität.
Pausen einbauen, offen formulieren
Awareness lässt sich ohne hohen Aufwand in jede Form der Rechtsberatung integrieren - entscheidend ist die Haltung im Umgang mit Ratsuchenden. Die folgenden Hinweise orientieren sich an typischen Strukturen aus Beratungsstellen und gewährleisten zugleich fachliche Professionalität – sie sind entsprechend genauso gut in Kanzleien umzusetzen.
Eine ruhige Gesprächsführung, Paraphrasieren und gezielte Nachfragen ermöglichen es, auch belastete oder unstrukturierte Schilderungen juristisch nutzbar zu machen. Pausen wirken häufig deeskalierend und geben ratsuchenden Personen die Möglichkeit, Gedanken zu ordnen, bevor sie zentrale Tatsachen schildern.
Ein kurzer gedanklicher Perspektivwechsel kann Beratungsfehler vermeiden. Welche Fragen könnten als beschämend wahrgenommen werden? Welche Themen könnten Ratsuchende aus Angst vor Bewertung zurückhalten? Dieser Blick schärft nicht nur die Emotionalität, sondern die Genauigkeit der juristischen Analyse.
Offene Formulierungen vermeiden Missverständnisse und bieten einen niedrigschwelligen Einstieg in sensible Themen. Dies betrifft Geschlecht, Herkunft, Identität, Beziehungsformen oder körperliche Einschränkungen. Für die juristische Arbeit bedeutet dies: weniger Fehlschlüsse, klare Informationen, präzisere Bewertung.
Juristische Beratung kann retraumatisieren, insbesondere in Konstellationen von Gewalt, Diskriminierung oder struktureller Abhängigkeit. Eine kurze Vorankündigung bestimmter Fragen oder Hinweise auf den Gesprächsablauf ermöglichen es Ratsuchenden, sich mental auf Inhalte einzustellen.
Letztlich ist Awareness ein wesentlicher Bestandteil guter Rechtsberatung. Sie schafft Sicherheit, erleichtert offene Gespräche und ermöglicht vollständige Sachverhaltsdarstellungen. Kleine Anpassungen im Gespräch oder im Setting entscheiden oft darüber, ob Ratsuchende ihre Anliegen klar formulieren können. So verbessert Awareness die Qualität der Arbeit und stärkt eine diskriminierungsfreie Beratungskultur.


Konstantina Raptis ist Vorstandsvorsitzende der Feminist Law Clinic und studiert Rechtswissenschaften in Innsbruck. Cristina Gilfrich absolviert nach ihrem ersten Staatsexamen derzeit ein LL.M.-Studium in Amsterdam. Beide engagieren sich ehrenamtlich als Rechtsberaterinnen in der Feminist Law Clinic und bieten dort kostenlose Rechtsberatung unter anderem im Unterhaltsrecht, im Sorge- und Umgangsrecht sowie im Bereich des Selbstbestimmungsgesetzes an.
Was heißt und wie geht "Awareness"?: . In: Legal Tribune Online, 21.01.2026 , https://www.lto.de/persistent/a_id/59102 (abgerufen am: 18.02.2026 )
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