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Zeitforscher zum Arbeiten als Anwalt: "Wir haben nicht zu wenig Zeit, son­dern zu viel zu tun"

Interview von Désirée Balthasar

21.01.2016

2/2: LTO: Das dürfte nicht in allen Fällen möglich sein.

Geißler: Nun, das liegt auch daran, dass Pausen in der Arbeitswelt häufig als störende Unterbrechungen betrachtet werden. Pausen aber sind produktiv, keine 'Zeitfresser', wie in der Wirtschaftswelt oft unterstellt wird. Denken Sie nur an die vielen Emails, die Sie sparen, weil Sie am Mittagstisch oder auf dem Flur mit Ihren Kollegen sprechen! Ganz abgesehen von dem Erholungseffekt, der Ihrer Arbeitsfähigkeit zugutekommt.

Ich würde außerdem raten, für Übergangszeiten zwischen Terminen zu sorgen. Sie helfen , wirklich präsent zu sein. Menschen brauchen, wie Autos früher ja auch, "Warmlaufzeiten" und "Abkühlzeiten." In denen man sich mental auf das Kommende vorbereiten , bzw. von diesem wieder verabschieden kann.  Hilfreich sind hierbei Rituale. Ich zum Beispiel bereite mir morgens, nachdem ich in die Zeitung geschaut habe, bevor ich mich zum Schreibtisch begebe, relativ aufwendig einen Espresso. Das ist meine Art Anlauf zur Arbeit

LTO: Könnte man Termindruck nicht einfach mit dem richtigen Zeitmanagement begegnen?

Geißler: Gemanaget wird m.E. zu viel, nicht zu wenig. Das Zeitmanagement führt nicht zu weniger sondern eher zu mehr Stress. Es orientiert sich an der Uhrzeit und nicht an den Zeiten, die der arbeitende Körper benötigt. Wer für den Erfolg und nicht die abgesessene Zeit bezahlt wird, ist gut beraten, nicht auf die Uhr, sondern seine Arbeitsfähigkeit zu achten – und die verläuft rhythmisch und nicht getaktet wie die Uhr.

LTO: Die Anwälte, die nach Stunden abrechnen, können gar nicht anders, als Uhrzeit-orientiert zu arbeiten.

Geißler: Klar, Zeit ist Geld, das hat der Kapitalismus von der Uhr gelernt und dadurch sehr viel Wohlstand erzeugt. Unser Wohlergehen bzw. unsere Zufriedenheit lässt sich aber nicht über die Verrechnung von Zeit in Geld herstellen – und unsere sozialen Beziehungen ebenso wenig. Vertrauen entwickeln,  das wissen Anwälte, ist keine Frage der Uhrzeit

LTO: Was halten Sie von technischer Unterstützung in Form von Apps oder anderen 'Zeitspar'-Programmen?

Geißler: Viele Zeitmanagement-Tipps versprechen Stressreduktion, wenn man nur die richtige Technik nutzt. Doch die meisten technischen Geräte fordern einen entweder zum Handeln oder zum Verzicht auf. Verzicht ist aber mit Verzichtserlebnissen verbunden, die belasten. Oft entlastet die Technik uns nicht, wie versprochen, sondern sorgt für Stress und weiteren Zeitdruck. Schlagendes Beispiel ist der E-Mail Verkehr. Mails produzieren keine Informationsentlastung. Zusätzlich kommt der Zeitdruck hinzu, auf eine Mail schnell reagieren zu müssen. Die Erwartung an eine sofortige Antwort hat sich deutlich erhöht, seitdem jeder ein Smartphone in seiner Tasche trägt. Und wenn ich mich durch die unendlich vielen Funktionen eines Smartphones arbeite, dann kann auch das sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Die meisten Menschen machen sich Illusionen, sie sehen nur den Entlastungsaspekt, nicht aber den Aufwand, den die Technik von den Nutzern verlangt. Die vielen Freiheiten, die vielen Möglichkeiten, die uns die Technik glücklicherweise liefert haben den Preis, mehr entscheiden und auf immer mehr verzichten zu müssen. Sie sind ohne zusätzliche Belastung nicht zu bekommen.

LTO: Sie sprachen zuvor von Zeit und Uhrzeit. Was ist der Unterschied?

Geißler: Seit der Erfindung der Uhr – vor 600 Jahren – haben die  Menschen bei Zeitentscheidungen stes die Wahl zwischen der Orientierung an Zeiten, die ihnen die Natur oder ihr Körper vorgibt, und solchen, die die Uhr vorgibt. Die Uhr vertaktet, die Natur rhythmisiert die Menschen. Uhrzeit ist starr, unflexibel und nimmt keine Rücksicht auf den menschlichen Zustand und die Gefühle. Die Zeit der Natur ist rhythmisch und flexibel. Es ist immer genug von ihr vorhanden, da stets neue nachkommt - soviel wie vergeht.   Es kommt auf die Balance zwischen Uhrzeitorientierung und Orientierung an den Naturzeiten an. Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun. Und daran, dass wir zuviel zu tun haben, lässt sich etwas ändern. 

LTO: Ein paar Tipps zum Schluss für stressgeplagte Menschen?

Geißler: Organisieren Sie Ihren Tag rhythmisch, mit Pausen und Übergängen zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten. Erstellen Sie nicht nur To-do-Listen sondern auch Let-it-be-Listen auf denen steht, was Sie auch mal sein lassen können – zumindest probeweise.  Lassen Sie in Ihrem Terminkalender Raum für Unerwartetes, verplanen Sie nicht jede Minute. Organisieren Sie den Tag wie einen Emmentaler-Käse: Mit festen Strukturen und unorganisierten "Zeitlöchern". Und beobachten Sie Ihre eigenen Zeitrhythmen und nehmen Sie diese zur Grundlage Ihrer Tagesorganisation.

Prof. Dr. Karlheinz Geißler, schreibt, lehrt und lebt in München. Er hat mehrere Werke zum Thema "Zeit" veröffentlicht, zuletzt Karlheinz Geißler/Jonas Geißler: "Time is Honey: Vom klugen Umgang mit Zeit", Oekom Verlag München 2015.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Zeitforscher zum Arbeiten als Anwalt: "Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun" . In: Legal Tribune Online, 21.01.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18218/ (abgerufen am: 19.09.2020 )

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