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Wirtschaftsjuristen vs. Volljuristen: Konkurrenz oder Kooperation?

Melanie Haack

15.10.2010

Der Wirtschaftsjurist ist für viele klassische Volljuristen ein rätselhaftes Wesen. Was kann er? Wo ist er einsetzbar? Ist er eine ernst zu nehmende Konkurrenz oder kann er gar eine sinnvolle Ergänzung zum Berufsbild des Volljuristen sein? Melanie Haack über Ausbildung und Perspektiven eines Wirtschaftsjuristen.

"Ich könnte ein viel besserer Anwalt sein, als jeder 'Einfachjurist'" - so die wortneuschöpfende Aussage eines Wirtschaftsjuristen bei "Jungle out there", einem Blog für nichtanwaltliche Kanzleimitarbeiter, zu der Frage, ob Wirtschaftsjuristen echte Konkurrenten für Volljuristen sein können. Es wird heftig diskutiert, gestritten, verglichen. Wer weiß mehr, wer kann mehr, wer hat die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Belastbare Zahlen gibt es kaum und so beäugen sich Volljuristen und Wirtschaftsjuristen gegenseitig mit kritischer Vorsicht.

"Dipl. - Wi.Jur. (FH)", so oder ähnlich lautet der Titel, den ein Student der Fachhochschule seit 1993 am Ende seines rechts- und wirtschaftswissenschaftlich kombinierten Studiums erwirbt. Im Zuge des Bologna-Prozesses wurde der Diplomstudiengang sukzessive durch den Bachelor und Master ersetzt. Seit 2005 kann an der Universität in einer Regelstudienzeit von acht Semestern nebst Praxis- und Diplomarbeitssemester der Bachelor of Laws (LL.B.), der Bachelor of Business Law (BBL) oder der Bachelor of Science (B.Sc.) erworben werden; alles Abschlüsse, an die der Absolvent bei Interesse weitere ca. zwei Jahre für den Master of Laws (LL.M.), den Master of Business Law (MBL) oder den Master of Science (M.Sc.) anschließen kann.

Zwischen den Welten

Wirtschaftsjuristen leben fachlich zwischen den Welten. Sie haben kein komplettes Jurastudium mit erstem Staatsexamen, Referendariat und zweitem Staatsexamen, aber auch kein klassisches volks- oder betriebswirtschaftliches Studium. Der Wirtschaftsjurist hat Wirtschaftsrecht studiert, einen interdisziplinären Studiengang, zu dessen Kanon je nach Angebot der Fachhochschule oder Universität eine Vielzahl rechts- und wirtschaftswissenschaftlicher Fächer gehören.

Laut der wirtschaftsjuristischen Hochschulvereinigung WHV muss mindestens die Hälfte aller belegten Kurse mit juristischen Themen abgedeckt werden, die restliche Zeit wird mit einem Viertel wirtschaftswissenschaftlichen Fächern ausgefüllt, weitere 25% sind für den Erwerb von Zusatzqualifikationen reserviert, wie z.B. Fremdsprachen oder Präsentationstechniken.

So beschäftigt sich der Wirtschaftsjurist im Laufe seines Studiums mit juristischen Kernthemen wie dem Schuldrecht, aber auch mit Speziellerem wie Kartellrecht, Gesellschafts- oder Immaterialgüterrecht. Darüber hinaus erlernt er die Grundlagen der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre; betriebswirtschaftliche Teilbereiche, wie Personalwesen, Controlling oder Marketing runden das Bild ab. Wirtschaft und Jura werden mit sogenannten "Soft Skills", wie Verhandlungsführung, Mediation oder Fremdsprachen aufgefüllt. Weiter gibt es dann Vertiefungsrichtungen an typischen wirtschaftsrechtlichen Schnittstellen wie Steuerrecht und Wirtschaftsprüfung oder Insolvenzrecht und Sanierungsmanagement.

Ein Mix, der einerseits eine auf wirtschaftliche Belange ausgerichtete juristische Ausbildung bietet, in der jedoch Grundlagenfächer wie Methodenlehre oder Rechtsgeschichte meist fehlen; auch vertiefte Kenntnisse des Prozessrechts werden nicht verlangt. Andererseits besitzt der Wirtschaftsjurist fundiertes Wissen in den Wirtschaftswissenschaften und vor allem an den Schnittstellen zum Recht, wie etwa bei Arbeitsrecht und Personalmanagement.

Klassische Berufe bleiben dem Wirtschaftsjuristen verschlossen

Ein Wirtschaftsjurist ist, je nach Schwerpunkt im Studium, fähig, sämtliche Arbeitsbereiche der Wirtschaft zu bedienen. Klassische juristische Berufe wie Anwalt oder Richter bleiben ihm jedoch verschlossen. So gesehen ist die Ausbildung zum Wirtschaftsjuristen kein Gegenprogramm zum Volljuristen, da ihm die Befähigung zum Richteramt fehlt. Die herkömmlichen, geregelten Juristenberufe (Justiz, Verwaltung, Anwaltschaft) bleiben für den Volljuristen reserviert.

Die Überschneidung - und damit auch der Streit um die guten Positionen - entsteht an der Schnittstelle, wo sowohl der Wirtschaftsjurist als auch der Volljurist  -mit betriebswirtschaftlicher Zusatzqualifikation - einsetzbar wäre, wie etwa in den großen Wirtschaftskanzleien und Unternehmensberatungen oder in der Insolvenzabwicklung.

In den Medien und diversen Foren gibt es daher einen heftigen Schlagabtausch darüber, ob der Wirtschaftsjurist denn nun "besser"“ sei als der Volljurist oder umgekehrt. "Natürlich wird viel gelästert", so Alexander Vogelsang, der noch den ursprünglichen Titel des Diplom-Wirtschaftsjuristen führt. Er sieht seine eigene Ausbildung kritisch und betrachtet sich als "den Volljuristen weit unterlegen", was die juristische Qualifikation angeht. "Niemand stellt einen Wirtschaftsjuristen ein, wenn er einen Volljuristen bekommen kann", so seine Meinung. Die eigenen Erfahrungen auf dem Bewerbermarkt haben ihn darin bestärkt.

Aber es gibt auch die anderen Stimmen, wie die von Frau Professor Dr. Barbara Völzmann-Stickelbrock, Inhaberin des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht, Gewerblichen Rechtsschutz, Urheberrecht und Zivilprozessrecht an der Fernuniversität Hagen sowie Bologna-Beauftragte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät in einem Interview mit StudJUR. Sie ist der Ansicht, dass Banken, Versicherungen und mittelständische Unternehmen lieber einen deutlich jüngeren Bachelor mit gutem Abschluss einstellen würden als einen Volljuristen mit zwei schwachen Examina. Wer Recht hat, kann nicht belegt werden.

Große Abstriche im Gehalt

Aber Personalleiter sind längst auf den Wirtschaftsjuristen aufmerksam geworden. Mit Top-Noten gibt es für ihn, der in der Regel den Abschluss viel früher in der Tasche hat als ein Volljurist, den Einstieg in das große Geschäft zum Beispiel der Firmenübernahmen, bei denen betriebswirtschaftliche Kenntnisse zentral sind. Namhafte Kanzleien wie Clifford Chance, Gleiss Lutz, White and Case, aber auch viele kleinere Insolvenzverwalter beschäftigen inzwischen mit großem Erfolg neben ihrem Anwaltsstab auch Wirtschaftsjuristen, die dann als "Transaction Lawyer", "Knowledge Manager" oder "Sachbearbeiter in der Insolvenzabwicklung" eingesetzt werden.

Allerdings muss der Wirtschaftsjurist beim Einstiegsgehalt im Vergleich zum top ausgebildeten Volljuristen Abstriche machen, wasunter anderem dem jüngeren Alter beim Einstieg geschuldet ist. Dennoch: Es gibt Kanzleien wie Lovells, die Diplom - Wirtschaftsjuristen mit sehr guten Noten gleich zu Beginn 50.000 Euro brutto pro Jahr anbieten. Auch besteht die Möglichkeit, dass man dem Diplom-Wirtschaftsjuristen variable Gehaltsanteile zusagt, die das Gehalt später weiter steigern können. Zudem stehen ihm Fortbildungen offen, die die Kanzleien ihren Anwälten und den Diplom-Wirtschaftsjuristen gleichermaßen anbieten.

Eine Partnerschaft in der jeweiligen Kanzlei ist aber nicht möglich, dafür wird der Volljurist verlangt. Insgesamt kann ein ehrgeiziger Wirtschaftsjurist sich aber mit 40.000 bis 50.000 brutto pro Jahr eine Gehaltsstufe erarbeiten, die mit derjenigen vieler Volljuristen außerhalb der Großkanzleien durchaus konkurrieren kann.

Die juristische Ausbildung des Wirtschaftsjuristen geht wegen der breiten fachlichen Varianz naturgemäß nicht so in die Tiefe, wie es beim Volljuristen die Regel ist, dafür ist er bei Abschluss des Studiums von vorneherein wirtschaftlich vorgebildet und muss nicht erst noch eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzqualifikation erwerben, was die ohnehin schon quälend lange Ausbildung für den Volljuristen meist noch verlängert.

Ob nun der Wirtschaftsjurist oder der Volljurist erstrebenswerter und damit "besser" ist, darüber kann keine eindeutige Aussage gemacht werden. Beide Ausbildungswege bergen Risiken und Chancen, beide haben ihre Existenzberechtigung. Letztlich wird eine  Entscheidung wohl davon abhängen, ob man sich die grundsätzliche Möglichkeit erarbeiten will, in die Justiz oder den höheren Verwaltungsdienst zu gelangen oder ob man lieber zügig, aber nicht oberflächlich an eine Position in der freien Wirtschaft kommen will. Mit Fleiß, Einsatz und Leidenschaft ist eine erfolgreiche Karriere bei beiden möglich.

Zitiervorschlag

Melanie Haack, Wirtschaftsjuristen vs. Volljuristen: Konkurrenz oder Kooperation? . In: Legal Tribune Online, 15.10.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1733/ (abgerufen am: 14.08.2020 )

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Kommentare
  • 10.08.2012 03:44, borrniufeu

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  • 19.11.2012 00:35, Hans b.Jahn

    Noten kein Zeichen für das intelligent eher für ehrgeiz, mann kann alles lernnen, aber intelligent und schlauheit kann mam nicht lernnen, der Fuchs hat auch nicht Gelernt

  • 18.01.2013 00:26, christijano b

    Bei den Ausbildungen zum klassischen Juristen einerseits und Dipl.-Wirtschaftsjuristen anderseits muss gesehen werden, dass die Ausbildung von zwei unterschiedlichen Perspektiven ausgeht: Das klassische Jura-Studium dient im Wesentlichen immer noch der Ausbildung zum Richteramt, d.h. das Ziel der Ausbildung ist es über Ansprüche zu entscheiden als Folge ungelöster Konflikte. Man könnte auch sagen, es ist der Blick in die Vergangenheit. Die Ausbildung des Wirtschaftsjuristen ist dagegen darauf angelegt in die Zukunft zu blicken, er soll in der Lage sein mögliche Konflikte voraus zu sehen und anhand dieser vorausschauenden Einschätzung das rechtlich relevante Handeln so gestalten, dass, Konflikte so weit wie möglich vermieden werden.

    Konfliktvermeidung hat in meinem klassischen Studium so gut wie keine Rolle gespielt, dort war der bestehende Fall und die sich daraus ergebenden Ansprüche, die alles entscheidende Frage. Während im Diplom/Master -Studiengang die zentrale Frage war, wie muss/darf ich mich verhalten, was kann gestaltet werden, dass es erst gar nicht zum Konflikt kommt.

    Auf Konflikte aus der Vergangenheitsperspektive oder aus der Zukunftsperspektive zu blicken macht in der Ausbildung und Denkweise sehr wohl einen wesentlichen Unterschied und dementsprechend handelt es sich um zwei unterschiedliche Kompetenzen die in den Ausbildungen erworben werden, die nur bedingt vergleichbar sind. Insofern sollte hier die Frage der Kooperation und nicht Konkurrenz im Focus stehen.

    • 02.02.2013 18:25, Der Rentner

      Ein intelligenter Mensch ohne Noten mit befriedigen auch Richter Werden

  • 28.09.2014 20:32, Dr. med. Izin

    Realität und Quintessenz des Artikels:

    "Niemand stellt einen Wirtschaftsjuristen ein, wenn er einen Volljuristen bekommen kann"

    "Sie ist der Ansicht, dass (...) Unternehmen lieber einen deutlich jüngeren Bachelor mit gutem Abschluss einstellen würden als einen Volljuristen mit zwei schwachen Examina."

    Die Crux bei letzterer Aussage ist "deutlich jünger", an der der (deutsche) Arbeitsmarkt generell krankt. Flexibilität ist eine einseitige Forderung der Arbeitgeber. Die Deadline in der Arbeitswelt liegt heute bei 40, in IT-lastigen Bereichen auch bei 30. Hinzu kommt die Tendenz "Engagieren Sie sich mehr, wir zahlen auch gerne weniger." Soziale Verantwortung auf Unternehmensseite wird oft wo es geht mit Füßen getreten. Dem großen amerikanischen Traum wird so gut es geht hinterhergehechelt. Wie sonst ist eine Debatte um einen lächerlichen Mindestlohn (wohlgemerkt deutlich unter 1.500 € brutto/Monat) und das Geschwür der Zeitarbeitsunternehmen zu erklären?