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Befristete Arbeitsverträge für akademischen Nachwuchs: Karrieresprünge auf dünnem Eis

von Hermann Horstkotte

27.01.2015

Wer in der Hochschularena vorankommen will, muss gut und schnell sein – und starke Nerven haben: kurzfristige Kettenverträge sind für Mitarbeiter die Regel. Die ständige Fluktuation der Nachwuchsforscher soll die Wissenschaft voranbringen. Andererseits möchten auch Doktoranden ihre Zukunft planen können. Hermann Horstkotte über das Dilemma.

Mit Mitte Dreißig hat der Jurist Bejamin Lahusen jetzt auf fünf Jahre einen Vollzeit-Arbeitsplatz an der Uni Rostock, gefördert von der Volkswagenstiftung. Zuvor hatte er jahrelang nur eine halbe Uni-Stelle, ebenfalls auf Zeit und für weniger als 1.500 Euro im Monat. In Fachkreisen findet Lahusen heute schon viel Beachtung. Er hat am renommierten Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main seine Doktorarbeit geschrieben und auch beide Staatsexamina abgelegt. In den kommenden Jahren will er eine Habilitationsschrift für die Hochschullehrerprüfung vorlegen. Danach hofft er auf eine Professur, möglichst mit Verbeamtung auf Lebenszeit.  

Lahusen weiß, das seine ehemaligen Studienkollegen inzwischen als Anwälte oder im Justizdienst fester im Sattel sitzen als er selber und durchweg mehr Geld verdienen. Trotzdem will er mit ihnen nicht tauschen. Er sagt: "Der Weg in die Wissenschaft ist eine rein persönliche Lebensentscheidung, beinah so etwas wie eine Liebesheirat, über deren Risiken sich natürlich jeder im Klaren sein sollte."

Wenn dabei etwas schief läuft, kann das natürlich an der Selbstüberschätzung liegen. Oder aber auch am Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) von 2007. Es sieht Befristungsregelungen für den akademischen Nachwuchs vor, die vom allgemeinen Arbeitsrecht, dem Teilzeitbefristungsgesetz (TzBfG) abweichen. Vor der Promotion können Absolventen bis zu sechs Jahren im Hochschuldienst beschäftigt werden und nachher höchstens nochmal so lange, Mediziner sogar ausnahmsweise neun Jahre. Zwischenzeitlich sind sachgrundlose Befristungen und mithin auch Kettenverträge möglich.

Ständige Fluktuation für die Wissenschaft erforderlich

Insbesondere Projektförderung aus Sonder- oder "Drittmitteln" lässt oft gar keine Alternative zur Befristung. Dabei wird die Hochschulforschung nach dem Willen der Gesetzgeber eben zunehmend aus Projektmitteln finanziert, heute zu rund einem Drittel. Demgegenüber ist eine Befristung ohne Sachgrund Arbeitnehmern außerhalb der Hochschulen nur in den ersten beiden, in neu gegründeten Unternehmen auf vier Jahre zumutbar.

Die weitergehenden Sonderregelungen im WissZeitVG begründet etwa der Bonner Rechtsprofessor Klaus F. Gärditz mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 24.04.1996 (Az. 1 BvR 712/86) so: "Wir brauchen befristete Nachwuchsstellen, um auch Jüngeren die Chance zur Qualifizierung zu geben."

Das höchste deutsche Gericht hatte entschieden, dass das damalige Hochschulrahmengesetz vom 14. Juni 1985, welches ebenfalls eine entsprechende Befristung von Arbeitsverträgen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern vorsah, im Interesse der Wissenschaftsfreiheit aus Art. 5 des Grundgesetzes (GG) mit Art. 9 Abs. 3 GG vereinbar war. Die Befristung diene dem Ziel, Leistungs- und Funktionsfähigkeit der Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu erhalten und zu verbessern. Die Richter stimmten mit der Regierungsbegründung überein, wonach eine ständige Fluktuation erforderlich sei, um einen laufenden Zustrom junger Wissenschaftler und neuer Ideen zu gewährleisten, ohne den die Forschung erstarren würde.

Die Hochschule ist keine Einbahnstraße

Arbeitnehmervertreter befürworten naturgemäß immer eine Verstetigung der Beschäftigungsverhältnisse. So legte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am 16.01.2015 einen Vorschlag für ein neues WissZeitVG mit mehr Schutz für Arbeitsplatzbesitzer vor. Der Entwurf sieht vor, befristete Verträge zur Ausnahme zu erklären und den Mitarbeitern feste Stellen in Aussicht zu stellen.*

Auch die SPD plant einen eigenen Entwurf. Denn bereits im Rahmen des Koalitionsvertrages haben sich Union und SPD der Thematik angenommen.* Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagt: "Der wissenschaftliche Nachwuchs braucht besser planbare, verlässlichere und transparentere Entwicklungsmöglichkeiten."

Dafür aber kann die Ministerin schwerlich allein sorgen, stellt der geistige Vater des WissZeitVG und Kölner Arbeitsrechtler Ulrich Preis fest. Der Professor spricht von einem herrschenden Wirrwarr bundes- und landesrechtlicher Kompetenzen und Regelungen.

Wankas konkreter Verbesserungsvorschlag lautet immerhin: "Hochschulleitungen müssen es gegenüber ihren Beschäftigten zur Priorität machen, rechtzeitig Wege in andere Berufe zu ebnen". Mit anderen Worten: Wer zu lange hängenbleibt und spät geht, den bestraft der Arbeitsmarkt. Verlierer stimmen davon immer wieder viel beachtete Klagelieder an.

Gerade Juristen bieten sich aber ja stets berufliche Alternativen. So macht sich etwa Denis Basak, auf Zeit verbeamteter Akademischer Rat an der Frankfurter Goethe-Universität, keine Sorgen um seine Zukunft, vielleicht auch wieder als Anwalt. "Die Hochschule ist für unsereins keine Einbahnstraße."  Dank guter Noten habe jemand wie er selbst noch mit über Vierzig die Chance, in ein Richteramt zu wechseln. Von ihm wie natürlich auch seinem Mitbewerber Lahusen können wir also gewiss auch weiterhin Erfreuliches hören.

Der Autor Hermann Horstkotte arbeitet als selbständiger Journalist mit Schwerpunkt Hochschulthemen in Bonn. Er ist zugleich Privatdozent an der Technischen Hochschule Aachen.

*Ergänzt am Tag der Veröffentlichung, 12:09 Uhr. Zuvor stand hier lediglich "So fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft dieser Tage ein neues WissZeitVG mit mehr Schutz für Arbeitsplatzbesitzer."

Zitiervorschlag

Hermann Horstkotte, Befristete Arbeitsverträge für akademischen Nachwuchs: Karrieresprünge auf dünnem Eis . In: Legal Tribune Online, 27.01.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14487/ (abgerufen am: 20.09.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 27.01.2015 11:32, Mike M.

    Bei Qualifikationsstellen kommt man ohne Befristungen nicht aus. Ansonsten bleiben die weniger Guten an der Heimatuni im Mittelbau hängen und blockieren dreißig Jahre die Stellen für den Nachwuchs. Juniorprofessur und tenure track sind auch keine Lösung. Bisher kann man zügig nach der Promotion mit der Habilitation beginnen und ist dann mit Mitte oder Ende 30 fertig. Notfalls kommt man auch noch woanders unter.

    Bei einer Berufung auf eine Juniorprofessur, gerade wenn sie mit tenure track ausgestattet ist, wird man von der Kandidatin oder vom Kandidaten viel mehr Veröffentlichungen, Vorträge etc. verlangen als vom einem Habilitanden, der gerade erst mit dem Projekt beginnen will. Die Qualifikationsphase wird also wesentlich nach hinten verschoben.

  • 15.05.2017 19:27, Lina

    Ich sehe das Ganze aus der Sicht der Studentinnen und Studenten und da muss ich leider feststellen, dass die Befristung wissenschaftlicher Stellen auch stark zu deren Lasten geht. Dem aktuellen Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs und der Kommentierung der GEW zufolge (siehe z.B. die Zusammenfassung bei https://www.textundwissenschaft.de/2017/05/02/1272/ ) hat sich nicht wirklich etwas zum Besseren gewendet. Nach wie vor hat die Mehrzahl der Nachwuchswissenschaftler nur sehr begrenzte Chancen, eine echte Lebensplanung zu machen - wie sollen sie es da ihren Studentinnen und Studenten beibringen? Ich sehe hier die politisch Verantwortlichen, aber auch die Hochschulleitungen selbst gefordert, eine für alle betroffenen Gruppen akzeptable Lösung zu finden. Das Geld kann letztlich in einem reichen Land wie Deutschland nicht die Ausrede sein.

    • 06.01.2019 22:44, Ghost

      Das ist der richtige Link
      https://www.textundwissenschaft.de/2017/05/1272/

  • 21.06.2017 10:24, paulina.cameron

    Dies ist ein sehr nützlicher Artikel für diejenigen, die gerade erst anfangen zu Ihrem Karriereweg zu bauen. Sobald Sie die High School abgeschlossen haben, denken Sie, dass nichts anderes mehr schwierig sein würde, als das, was Sie hatten zu ertragen. Aber die Universität einen neuen Test für junge Wissenschaftler vor. Jeden Tag gibt es mehr und mehr neue Methoden und Techniken der Lehre und in den Prozess des Lernens integrieren müssen lernen, sie alle zu nutzen. Sie müssen auch mobile und High-Tech-Student sein, um die http://aufsatzdienst.de/ zu verwenden, um einen Aufsatz zum Beispiel zu schreiben. Ich denke, dass Sie nur für den Erfolg der heutigen Studenten wünschen können.

  • 24.10.2017 09:04, Eva Klein

    Der Weg in die Wissenschaft kann auf jeden Fall nicht leicht sein.
    Jedes Schreiben benötigt viel Geduld, Zeit und Aufmerksamkeit.

    Die Zeit vergeht so schnell, sodass ich manchmal nichts rechtzeitig machen kann.

    Die beste Lösung habe ich auf https://akadem-ghostwriter.de/ gefunden.

    Zum Glück gibt´s wirklich gute Ghostwriting-Agenturen auf welche kann man sich verlassen.

    Das Wichtigste für mich ist direkter Kontakt mit dem Autor. Ich kann ganzen Vorgang im Auge haben und meine eigene Korrekturen machen.

    Praktisch, schnell und einfach!

  • 27.08.2018 15:34, Martin

    Das ganze Ausbildungssystem ist heutzutage ziemlich anstrengend. Und nicht nur für die Mitarbeiter. Die Studenten leiden auch unter dem Zeitdruck und Stress, weil es eine ganze Menge von Aufgaben gibt, die sie erledigen sollen. Als ich Student war, gab es von den Professoren viel weniger Anforderungen. Und die Aufgaben waren nicht so aufwendig. Und jetzt geht es ohne externe Hilfe gar nicht. Gut, dass es so viele Agenturen gibt, die beim Studium helfen können. Ich zum Beispiel hab mich schon mehrmals auf https://diplomarbeit-experte.de/ verlassen. Ich arbeite und hab deshalb nicht so viel Zeit, um alle Aufgaben selbständig zu machen. Mit einem Coach ist es viel leichter.