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Thüringer Richterschaft vor Generationenwechsel: Mehr als jeder zweite Richter älter als 50 Jahre

11.07.2016

An Thüringens Gerichten steht ein Generationenwechsel an: Nach Angaben des OLG Jena geht in den nächsten zehn Jahren etwa jeder vierte Richter in den Ruhestand. Und junger Nachwuchs ist rar.

Von den derzeit 607 Richtern in Thüringen - in der Zahl sind neben der ordentlichen Gerichtsbarkeit auch Arbeits-, Sozial-, Verwaltungs- und Finanzgerichte enthalten - gehören die meisten der Altersgruppe 51 bis 55 Jahre an, aktuell genau 270. 120 Richter im Freistaat sind zwischen 56 und 60 Jahre alt, 53 bereits über 60. Damit sind rund 73 Prozent* der Richterschaft älter als fünfzig Jahre.

Die Zahl der Richter unter 30 lässt sich dagegen an zwei Händen abzählen: Es sind bisher lediglich sieben. Thüringens jüngste Richterin, Diana Hildesheim, ist erst 26 und spricht am Amtsgericht (AG) Ilmenau Recht. Stefan Kaufmann, Präsident des OLG in Jena, freut sich über junge Kollegen wie Hildesheim. "Ich habe seit Jahren immer wieder auf die Alterssituation der Richter im Freistaat hingewiesen", betont er. "Es müssen mehr junge Richter eingestellt werden."

Dabei fällt es dem neuen Bundesland schon schwer, Studierende und Referendare von außerhalb zu gewinnen beziehungsweise die eigenen der Universität Jena an sich zu binden. Zusätzlich wurden mittlerweile den Absolventen im Vorbereitungsdienst der Beamtenstatus genommen und diverse Zuschläge gestrichen

Korrektur einer falschen Prozentzahl am 12.07.2016, 16:32 Uhr.

dpa/ms/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Thüringer Richterschaft vor Generationenwechsel: Mehr als jeder zweite Richter älter als 50 Jahre . In: Legal Tribune Online, 11.07.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19950/ (abgerufen am: 20.09.2019 )

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Kommentare
  • 11.07.2016 13:43, ex ref jur thür

    Eine unendliche Geschichte. Seit Jahren ist das Problem bekannt (kam ja nicht über Nacht), seit Jahren mahnt die Richterschaft die Einstellung neuer Richter an und es tut sich doch nichts. Möge sich die Politik NRW und das OLG Hamm zum Vorbild nehmen!

    • 23.07.2016 20:25, Richter

      Sich das OLG Hamm zum Vorvild nehmen dürfte das schlimmste sein was ein Jurist überhaupt tun kann.
      Andere Ansicht OLG Hamm.

  • 11.07.2016 17:48, Rechtsanwalt in Thüringen

    Listenplatz 1 unseres Jahrgangs wollte schlicht nicht mehr als eine Stelle am Amtsgericht. Keine Chance. Wer nicht will der hat schon.

  • 11.07.2016 18:34, JuriJena

    Das Foto zeigt übrigens kein Gericht sondern ein Gebäude der Uni Jena.

    • 11.07.2016 19:22, ex ref jur thür

      das aber mal als Gericht gebaut wurde...

    • 12.07.2016 08:35, H.K

      Das ist auch extremst relevant für das aufgeworfene Thema

    • 13.07.2016 18:09, Xaerdys

      Das neue OLG wäre als Glasbau wahrscheinlich nicht so eindrucksvoll gewesen ...

  • 11.07.2016 18:37, RechNix

    Kurze rechnerische Nachfrage:

    270 (51-55 J) + 120 (56-60 J) + 53 (> 60 J) = 443

    443/607 = ca. 73 %

    Sehe ich das jetzt falsch? Oder sind es statt 56,5 % sogar knapp 73 %?

    • 12.07.2016 16:34, LTO-Redaktion

      Hallo RechNix,

      na klar, Sie haben recht. Ist korrigiert.


      Mit herzlichem Gruß

      Die LTO-Redaktion

    • 23.07.2016 20:27, Richter

      Nicht mal rechnen können die Profis von lto. Gluckwunsch...

  • 11.07.2016 19:26, Reibert

    Die Frage ist, warum sollten Richter unter 30 Jahren wünschenswert sein? Was ist erstrebenswert als jemandem der mit Null Lebenserfahrung Menschen be- und verurteilen soll, obwohl er außer dem akademischen Elfenbeinturm nichts kennt.

    Wäre es nicht sinnvoller Menschen als Richter zu berufen, die zunächst ein bischen Erfahrung in anderen Berufen z.B. als Anwälte gesammelt haben?

    • 20.07.2016 14:44, RA JM

      Superidee, mein Reden seit 20 Jahren, m.W. in Frankreich so geregelt, sollte auch hier Gesetz werden.

    • 23.07.2016 20:29, Richter

      Und wenn man nach 20 Jahren als Mietmaul charakterlich richtig verdorben ist, wirds dann besser laufen als Richter? Geniale Idee. Würfeln wir's doch gleich aus, wer Richter wird...

  • 12.07.2016 00:29, egal

    Reibert,

    das wäre sicherlich keine so schlechte Idee, scheitert aber am deutschen System. Richterernennung ist stark an Beamtentum angenähert und da gilt früh einstellen und durchschleppen bis zum Ende. Es gibt da praktisch keine "Durchlässigkeit". Wer einmal ausscheidet, kommt meist auch nicht wieder rein und Abordnungen sind oftmals auch nicht spannend. Oftmals werden auch Richter auf Stellen von der Justizverwaltung gesetzt, wo sie hoffnungslos den Parteien oder Beteiligten in Sachen Fachkenntnis klipp und klar unterlegen sind. Karriere gibts ja auch nicht so wirklich, das höchste der Gefühle ist oftmals R2, wenn man nicht gleich mit 43 und ohne große Richtererfahrung zum BGH hochgehoben wird ;) Die Selbstständigkeit vieler Anwälte wird zudem ein einfaches Wechsel auch stark erschweren. Ich kann mir auch keinen Richter vorstellen, der mit 50 versucht, nochmal neu irgendwo anzufangen. Es mag Einzelfälle geben, aber viele sind doch froh, dass es Routine im Job gibt und dass man zu bestimmten Zeiten gehen kann.

    Berufliche Erfahrung wird auch nicht so stark gewichtet in der ersten Auswahl, da gehts nur um Noten und solange sich noch genug bewerben, passts ja am Ende. Ich glaube, der Justizverwaltung ist es sowieso egal, wer Richter am Ende wird, Hauptsache überhaupt einer machts noch. Wenn Thüringen die Pforten aufmacht, werden auch genug kommen, aber keiner macht sie auf. Man sagt ja, so eine Richterstelle kostet im Haushalt 100.000 im Jahr (inkl. den Anteil in der Geschäftsstelle). Dann die ganzen Lasten der Pension... als Richter liegt man dem Landeshaushalt bei der heutigen Lebenserwartung bei doch recht hoher Pension lange auf der Tasche. Das blockiert den Haushalt für die Zukunft auch nicht unerheblich...

    Wenns viele freie Stellen gibt, wirds am Ende auch wieder Einstellungen geben. Bewerber wirds wie gesagt immer geben. Es ist ein angemessenes Gehalt am Anfang, es wird besser, wenn man älter wird. Man hat Planungssicherheit und bekommt auch einen kleinen Bonus bei Familie. Da sind viele schon zufrieden.

    Der Hinweis auf die 26 Jahre ist übrigens selten dämlich, die meisten Referendare sind später fertig bzw. die Justizverwaltung braucht so ewig lang für die Verfahren. Wer aber mit 24 schon Richter ist, der wird wohl etwas im Leben falsch gemacht haben. Will man so jemanden wirklich als Strafrichter haben? Oder Beisitzer in der Baukammer? Ich glaube, der Bürger wäre schwer entsetzt...

    • 12.07.2016 14:34, ex ref+jur+thür

      Sicherlich könnte man junge Richter auch erst dann einstellen, wenn die alten in Pension gehen, aber erstens wird man dann in der Not und Eile nicht mehr sehr genau schauen können, wen man nimmt, und zweitens gibt es dann zu wenig erfahrene Richter, die die Neulinge einarbeiten könnten (was zugegeben auch heute viel zu selten geschieht, da sind die Einsteiger oft leider auf sich allein gestellt)

    • 23.07.2016 20:33, Richter

      Abitur und Studium mit jeweils so guten Noten abzuschließen, dass man Richter wird mit 24 Jahren, ist also 'etwas falsch gemacht' zu haben?

      Aus welcher Tüte ziehen Sie Ihre Ideen?

      Un-fucking-fassbar...