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Themenwoche Fachanwalt & Fortbildung: Exotische Seminare

Anwaltsfortbildungsseminar. Man hat das Wort kaum ausgesprochen, da schlummert man auch schon friedlich. Tatsächlich haben sich viele Dozenten die Qualitäten ihrer früheren Professoren zu eigen gemacht, eine langweilige Materie noch langweiliger zu vermitteln – doch es geht auch anders. Drei ungewöhnliche Alternativen.

Eine Szene, wie sie mir geschildert wurde: Ein Herr mittleren Alters steht kerzengerade im Raum, streckt sich, gähnt hörbar. Kurz darauf lässt er durch sanft geschlossene Lippen einen Luftstrom entweichen, ein vibrierendes "Brrrrrr" ertönt, wird bald darauf von einem schneller werden "ÜÜÜ-III-ÜÜÜ-III" abgelöst, immer wieder "ÜÜÜ-III-ÜÜÜ-III", wie von einer Polizeisirene. Was sich hier vor den interessierten Augen und Ohren eines halben Dutzends Zuschauer vollzieht, sind nicht die ersten Stadien eines psychotischen Schubs, sondern hat durchaus System. Ein System, das zu erlernen sie alle angereist sind.

Und ein System mit Namen: "Stimm- und Sprechtraining für Juristen" nennt sich der von der Firma Sweet Spot angebotene Kurs, in dem es allerlei eigenwillige akustische Darbietungen zu belauschen und selbst zu vollziehen gilt. Wer "The King's Speech" gesehen hat, wird sich automatisch an den Film erinnert fühlen. Hemmungen hätten die Teilnehmer durchaus manchmal, bestätigt Geschäftsführer Jochen Peter Elsesser, aber die gäben sich unter der einfühlsamen Leitung der beiden Dozentinnen – eine professionelle Sprecherin und eine Logopädin – bald. Außerdem macht der Rest der Gruppe die Albernheiten ja auch mit. Bleibt trotzdem die Frage: Warum eigentlich?

"Weil die Stimme ein zentrales Werkzeug von Juristen ist", erklärt Elsesser, "und trotzdem viel zu wenig Beachtung findet." Rhetorikseminare gebe es zwar inzwischen wie Sand am Meer, doch die drehten sich vorwiegend um inhaltliche Aspekte: Wie bringe ich ein Argument prägnant auf den Punkt? Wie kontere ich schlagfertig? Wie bleibe ich höflich, aber dennoch bestimmt? Alles keine unwichtigen Fragen, aber im Verhandlungsgespräch auch nicht alleine kriegsentscheidend. Im Gegenteil: Studien gehen davon aus, dass bis zu 93 Prozent der Wirkung einer Aussage von Stimme und Körpersprache des Sprechenden abhängen.

Diese Zahl darf man getrost anzweifeln, aber dass die Rede des einen sich eingängig in den Gehörgang schmeichelt, wo die des anderen das Trommelfell förmlich bluten lässt, hat sicher schon jeder selbst erlebt. Ebenso, dass Intonation, Tempo, Atmung und Emphase Auswirkungen auf die (empfundene) Glaubwürdigkeit, Seniorität und Überzeugungskraft des Sprechenden haben. Alles Qualitäten, die einem Juristen gut zu Gesicht stehen – und deren verbale Vermittlung verschiedene Anbieter ihren Kunden antrainieren wollen.

Bei Sweet Spot geschieht dies in bis zu drei Seminareinheiten, die je einen halben bis einen Tag in Anspruch nehmen und zwischen denen die Teilnehmer "Hausaufgaben" zu erledigen kriegen. Als Pflichtfortbildung kann man den Besuch kaum geltend machen, was aus Elsessers Sicht jedoch einen Vorteil bedeutet: "Der Großteil unserer Kunden kommt freiwillig, und das ist auch gut so. Denn man muss sich schon auf die Übungen einlassen, damit sie ihre Wirkung entfalten."

Verkehrsrechtsseminar mit Crash-Test

Auf etwas unkonventionelle Methoden müssen sich auch die Teilnehmer des SVO-Seminars "Verteidigung bei Verkehrsunfallflucht" einstellen. Dabei unterscheidet sich der theoretische Teil der Veranstaltung wohl nicht grundlegend von anderen Seminaren zum Thema. Unter Leitung des Fachanwalts für Verkehrsrecht Leif Hermann Kroll und des Unfallsachverständigen Dr. Michael Weyde werden die rechtlich und tatsächlich bedeutsamen Weichenstellungen eines Verkehrsunfalls erläutert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Vorsatz-Frage gelegt, also darauf, ob der Flüchtende den Unfall überhaupt bemerkt hat.

"Gerade bei kleineren Unfällen unterschätzt man, wie leicht es ist, diese gar nicht wahrzunehmen", erläutert Kroll. "Weiche Teile wie zum Beispiel die Türen geben bei einer Kollision nach, Seitenspiegel brechen schnell ab; zudem sind die Fahrgastzellen bei modernen Pkw sehr gut schallgeschützt." Das klingt plausibel, aber die Besucher sollen sich nicht allein auf Krolls Wort verlassen müssen.

Also was tun? Ganz einfach: Mir nichts, dir nichts verlädt er die Gruppe in einen alten VW-Bus, hält auf ein vom Schrottplatz entliehenes Fahrzeug zu, und… gibt Gas. Nicht besonders viel natürlich, schließlich soll die Übung den Teilnehmern vor Augen führen, wie wenig man von einem Unfall bei niedrigem Tempo überhaupt mitkriegt. "Wenn man einmal aus erster Hand miterlebt hat, wie unscheinbar ein Unfall bei niedrigem Tempo abläuft, kann man das auch vor Gericht überzeugender argumentieren", ist Kroll sich sicher. Die Teilnehmer schätzen den für anwaltliche Fortbildungen eher ungewöhnlichen praktischen Einschlag, nur der VW-Bus schaut ein wenig verknautscht und grimmig drein.

Zitiervorschlag

Constantin Baron van Lijnden, Themenwoche Fachanwalt & Fortbildung: Exotische Seminare . In: Legal Tribune Online, 15.11.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/10064/ (abgerufen am: 21.08.2019 )

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