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Juristin und Tattoo-Model: Carlin aus der Groß­kanzlei – oder auch nicht

von Tanja Podolski

04.02.2017

Dove macht Werbung mit einer posierenden Juristin: Carlin ist Tattoo-Model – und hat kürzlich ihr Examen bestanden. Einer Twitter-Meldung zufolge arbeite sie bereits in einer Großkanzlei. Stimmt aber nicht, wie LTO erfuhr.

Sie hat eine Menge Tattoos, ist 35 Jahre alt und egal, was man von Tattoo halten mag: Ihre Fotos sind schön. Da nimmt das aus der aktuellen Werbung vielleicht nicht den ersten Platz in der Liste ihrer besten Werke ein – aber es kursieren Bilder im Netz, die schlichtweg eine schöne Frau zeigen.

Doch schöne Frauen gibt es viele. Selten allerdings kommt es vor, dass eine so stark tätowiert ist und deswegen in der Werbung damit auffällt, dass sie bald "als Referendarin in einer großen Kanzlei arbeiten" soll.

Ihre wahre Identität weiß sie gut zu wahren. Die Frau nennt sich in den Medien Carlin Mimicri – unter diesem Künstlernamen läuft auch ihr Facebook-Profil. Dort findet sich inzwischen ein Dokument über die im September 2016 an der Goethe-Universität Frankfurt erfolgreich abgelegte Prüfung zur Diplom-Juristin. Sie selbst kommentiert das Dokument auf Facebook mit: "Nichts im Leben musste ich mir bisher so schwer erarbeiten. Nichts hat mich so sehr zweifeln lassen und so viel Kraft gekostet. Aber jetzt endlich halte ich das für mich bedeutendste Stückchen Papier in der Hand."

Schlechte Erfahrung als Tätowierte während des Studiums

Das erste Examen hat sie also. Doch während die Dove-Werbung formuliert, Carlin werde "demnächst in einer großen Kanzlei arbeiten", wurde daraus auf Twitter, sie arbeite bereits in einer Großkanzlei. Das tut sie nicht. Und hat sie auch nie.

Fakt ist: Carlin kommt aus Offenbach. Gemodelt hat sie unter diesem Name bereits 2007, sie wurde auch damals schon als Studentin vermarktet. Damals hat sie im Gespräch mit OP Online offen über ihre Erfahrungen im Studium gesprochen: Bei einer Gerichtsverhandlung habe der Richter geglaubt, sie sei die Angeklagte. Tätowierungen würden leider immer noch mit Asozialem verbunden, daher habe sie auch zu ihren Polohemden tragenden Kommilitonen kaum Kontakt.

Die Frau in der aktuellen Werbung sagt: "Meine Schönheit ist meine Entscheidung. Sie sagen, ich bin zu bunt für eine Karriere. Ich sage: Meine Tattoos sind wie eine zweite Haut für mich und halten mich nicht davon ab, meinen Weg zu gehen." Und der soll so weitergehen: Die frisch gebackene Diplom-Juristin möchte das zweite Examen machen und dann Anwältin werden.

Kein Typ für eine große Kanzlei

Für Carlin, deren richtiger Name LTO bekannt ist, ist das Jurastudium der zweite Studiengang, den sie erfolgreich absolviert hat. Sie ist bereits Diplom-Pädagogin - und hat tatsächlich parallel zum Studium in einer Kanzlei gearbeitet, allerdings in einer kleinen zwei-Mann-Kanzlei, das scheint eher zu ihr zu passen.

"Mein Chef war anfangs skeptisch wegen meines Äußeren, aber mittlerweile ist er richtig aufgeschlossen. Er ist sogar derjenige, der mich damals zum Jurastudium ermuntert hat", erzählte Carlin ebenfalls im Gespräch mit OP Online. Für den Anwaltsberuf auf künftige Tattoos verzichten, sei demnach keine Option, lediglich Gesicht und Hals sollten tattoofrei bleiben:  "Das wäre schon schon sehr krass."

Diesen Job hat sie inzwischen gekündigt, weil sie sich auf das Referendariat konzentrieren will. Carlin hofft auf eine Zusage für März. Und später? "Familienrecht, vielleicht sogar Rentenrecht", teilt Carlin mit. "Klingt langweilig, aber mich interessieren die medizinischen und psychologischen Aspekte in diesem Rechtsgebiet sehr."

Zitiervorschlag

Tanja Podolski, Juristin und Tattoo-Model: Carlin aus der Großkanzlei – oder auch nicht . In: Legal Tribune Online, 04.02.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21947/ (abgerufen am: 18.01.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 04.02.2017 11:38, Kay

    Tattoos waren vielleicht 1968 ein "Bürgerschreck", inzwischen sind schon längst auch Familienväter im Domrep All Inclusive Ressort am Pool ganzkörperverziert, ich seh nicht ganz, was hier so problematisch - oder beachtenswert - sein soll.

    Wer sich nicht an berufliche Konventionen hält muss halt generell damit leben es schwer zu haben. Zur Konvention bei Juristen gehört zumindest im beruflichen Kontext ein äußerlich möglichst neutrales Äußeres. Man kann unter der Robe Lack und Leder tragen oder unter dem Anzug oder Kostüm alle möglichen Tats. Privatsache.

    Wer damit aber in die Öffentlichkeit geht (nicht damit "Ich, Person XY, habe Sleeve Tattoos", sondern "ich, die Juristin, habe Sleeve Tattoos"), der möchte offenbar Aufmerksamkeit und darf sich dann auch nicht über Reaktionen, die keinen Beifall spenden, beklagen.

    • 04.02.2017 19:55, el bajo

      Exakt. Es ist einfach lächerlich, dass sich Tattooträger auf ihre Außenseiterrolle berufen, wo doch mittlerweile 40% der 16 - 35-jährigen irgendwo ein Tattoo haben. Es müsste sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass es eben immernoch Branchen gibt, bei denen ein cooler Stern auf der Hand nicht so gerne gesehen wird. Das ist eben mal der Preis für den Scheinindividualismus, den man für sich gewählt hat. Wenn ich mir eine überindividuelle Frisur mache, wird das auch sicherlich nicht so gut ankommen. Hier eine Diskriminierung zu vermuten, die einer Art Rassismus gleichkommt, ist im besten Fall einfach nur dumm und im schlimmsten zynisch.

  • 04.02.2017 17:23, Man

    Sauber!

    Wir haben genug Lackaffen unter uns! :D

  • 04.02.2017 17:37, Wers braucht

    Wenn eine bestimmte Klientel sich durch ein Tattoomodel gut vertreten sieht - bitteschön.
    Ich gebe mich derweil der Hoffnung hin, dass den meisten Mandanten das Aussehen verhältnismäßig egal ist und andere Eigenschaften, insbesondere fachliche Kompetenz, immer noch wichtiger sind.

  • 05.02.2017 01:23, Johanna

    Scheinindividuale Personen, so so. Kann mir schon vorstellen, was für ne langweilige,unauffällige Person sie sind. Man sollte die Leute endlich nach ihren Leistungen und ihrem Wert für diese kaputte Gesellschaft beurteilen, und nicht nach dem, was einem gerade nicht gefällt. Wenn es danach gehen würde, dürfte ich garnicht mehr zur Arbeit gehen. Aber es ist ja so einfach, anderen nen Sack über den Kopf zu ziehen, als sich selbst mal zu betrachten. Traurig, das im 21. Jahrhundert. Naja, die WELT GEHT JA EH DANK DUMP UND PUTIN DEN BACH RUNTER.

  • 05.02.2017 12:12, Um Gottey Willen

    Danke lto für die Aufdeckung der allerersten Werbung, die nicht die Wahrheit sagt. Ein nie dagewesener Skandal! Bald kriegeb sie raus, dass bei Olympia gedopt wird... Oder dass Kapitalismus menschenfeindlich ist... Oder das Wasser nass ist..

    Und sowas wird uns dann als 'Nachrichten' angedreht. Es ist so unglaublich..

    • 06.02.2017 13:41, Jemand_NRW

      sparen Sie sich derlei dämliche Kommentare und bleiben Sie LTO (und seinem Kommentarbereich) fern, wenn es Ihnen hier nicht passt.

    • 06.02.2017 21:34, Irgendjemand

      Die dämlichsten Kommentare kommen hier regelmäßig aus NRW!

    • 07.02.2017 15:06, @Jemand

      Und jetzt erst Recht,Bursche ;-)

  • 05.02.2017 22:39, Werbewirksam gut

    Für mich wären die Tatoos ein positives Zeichen, da wir Anwälte unsere Persönlichkeiten durchaus nach Außen zeigen. Die Dauerhautbemalung zeugt pirma facie von Entscheidungsfreude und Chrakterstärke.

  • 06.02.2017 08:24, Haha

    Tattoos sind doch längst Mainstream. Wenn ich Mandant wäre, wäre es mir egal, ob die Anwältin (oder der Anwalt) tätowiert ist oder nicht. Ich kann aber auch den potenziellen Arbeitgeber verstehen, der vielleicht nicht so gerne eine Angestellte hat, die von Kopf bis Fuß tätowiert ist. Ich wünsche der jungen Dame jedenfalls viel Glück und Erfolg im Referendariat und natürlich auch danach. Etwas mehr Farbe stünde der Anwaltschaft in jedem Fall gut zu Gesicht. :-)

  • 06.02.2017 09:58, Maximus Pontifex

    Am Ende macht sie in beiden Examina 4,3 und das Thema Großkanzlei hat sich schon ohne Tattoos erledigt. Was ein sinnloser Artikel.

    • 06.02.2017 13:43, Jemand_NRW

      Was ein sinnloser Kommentar! Ihre Spekulation über bestimmte Examensnoten ist völlig aus der Luft gegriffen.

    • 07.02.2017 08:53, Maximus Pontifex

      Verrückt, nicht wahr?

  • 09.02.2017 15:55, edlub

    Als ehemaliger Mandant bei zwei "Großkanzleien" (ab wann ist man groß?) würde ich mich eher von einer schönen, meinetwegen auch tätowierten Frau mit Köpfchen betreuen lassen als von Großsprechern im Nadelstreif mit gekauftem Doktortitel, geschenktem "summa cum laude" zum Examen oder gar (Honorar-) Professor, der "von Lesen befreit" ist.

  • 11.02.2017 00:49, Philipp A.+Kerner

    Seltsam, seltsam.
    LTO schreibt: "Doch während die Dove-Werbung formuliert, Carlin werde "demnächst in einer großen Kanzlei arbeiten", wurde daraus auf Twitter, sie arbeite bereits in einer Großkanzlei."

    In der verlinkten (!) Dove-Werbung steht allerdings im reinsten Präsens:
    "Mittlerweile arbeitet sie als Referendarin in einer großen Kanzlei".

    Als Carlins potentieller Mandant würden mich an ihrer juristischen Qualifikation weniger die Tätowierungen zweifeln lassen, als ihr Bekenntnis, wie schwer ihr das erste Examen gefallen sei. Aber als Käufer von Kosmetika würde ich nicht zu einer Marke greifen, der Menschen vertrauen, die ihrer Haut solche Dinge antun.

  • 30.09.2017 22:02, Rudi

    Wirklich toll eine so bunte Juristin. Diesen Sommer habe ich so richtig gespürt wie man als stark tätowierten Mensch endlich gut angekommen ist. Ich erntete nur Lob und Komplimente von unseren Mitmenschen. Da passt es auch gut wenn unsere Juristen ein buntes Volk werden. Ich ziehe den Hut vor dieser Frau.