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Seminar zu Diversity-Kompetenz: "Die Kanzlei der Zukunft muss auf Viel­falt setzen"

Interview mit Dr. Nina Althoff, Aliyeh Yegane Arani

02.09.2013

Diskriminierung erkennen, mit Vielfalt umgehen – Anwälte kommen täglich mit unterschiedlichsten Menschen und Schicksalen in Berührung, werden hierauf in ihrer Ausbildung jedoch kaum vorbereitet. Das Institut für Menschenrechte bietet ein Seminar an, das Abhilfe schaffen soll. Welche Vorteile dies für den einzelnen Anwalt bietet, erklären Nina Althoff und Aliyeh Yegane Arani im Gespräch mit LTO.

LTO: Diversity ist ein Modewort, in Verbindung mit "Kompetenz" aber eher ungewohnt – was genau verbirgt sich dahinter, Frau Dr. Althoff?

Althoff: Diversity-Kompetenz bedeutet einen professionellen und wertschätzenden Umgang mit Vielfalt und Differenz im Hinblick auf verschiedenste Dimensionen, wie etwa Migrationshintergrund, Religion, Behinderung, Geschlechtsidentitäten, sexuelle Vielfalt, Alter und Lebenskonzepte. Vor dem Hintergrund, dass sich die Bevölkerung in Deutschland verändert und vielfältiger wird, sind Diversity- und interkulturelle Kompetenz heutzutage Schlüsselqualifikationen. Zu einem Diversity-sensiblen Umgang gehört auch ein Bewusstsein für die in der Gesellschaft noch immer präsenten Machtstrukturen und Chancenungleichheiten.

LTO: Nun richten Sie sich gezielt an Anwältinnen und Anwälte (im Folgenden wird das generische Maskulinum verwendet, welches gleichwohl selbstverständlich auch Frauen miterfasst, Anm. d. Red.) und werden dabei nicht nur vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds unterstützt, sondern kooperieren auch mit dem Deutschen Anwaltsinstitut. Was haben gerade Anwälte mit Diversity zu tun?

Althoff: Anwälte haben in der täglichen Praxis mit zahlreichen Mandanten zu tun, die sich etwa hinsichtlich ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, ihres Alters oder Bildungsstandes stark unterscheiden. Dies Vielfaltbringt besondere Herausforderungen für die Kommunikation und Beratung und die daran anschließenden Prozessstrategien mit sich. Um einen wirksamen Rechtszugang aller zu gewährleisten, braucht es eine Öffnung von Justiz und Anwaltschaft für die Vielfalt der Gesellschaft.

"Neue Mandanten zielgruppenorientiert akquirieren"

LTO: Das müssen Sie bitte konkreter erläutern: Was genau soll es einem Anwalt bringen, wenn er sich besser auskennt mit der Unterschiedlichkeit von Menschen? In welchen Situationen kann er davon profitieren?

Dr. Nina Althoff, © DIMR/Amélie LosierAlthoff: Ein Bewusstsein für Diversity verändert Haltungen, kann stereotype Rollenbilder auflösen und sensibilisiert für unterschiedliche Kommunikationsstile. Ein Diversity-kompetenter Anwalt hat zudem ein Bewusstsein für Ausschließungsmechanismen wie Rassismus und Diskriminierung beim Zugang zum Recht. Wer Diversity-kompetent ist, bietet einen diskriminierungs- und barrierefreien Service, kann die anwaltliche Beratung optimieren und neue Mandanten zielgruppenorientiert akquirieren. Auch der aktuelle Tätigkeitsbericht der Schlichtungsstelle der Rechtsanwaltschaft zeigt, dass Kommunikationsdefizite auf Seiten der Anwaltschaft eine der Hauptursachen von Konflikten sind, und Streitigkeiten nicht selten auf fehlender Erläuterung der juristischen Materie beruhen.

Aliyeh Yegane Arani, © DIMR/Amélie LosierArani: Nicht nur die Mandantschaft, sondern auch die Anwaltschaft wird heterogener. Sie wird zunehmend durch weibliche Anwälte geprägt, auch werden Anwälte mit Migrationshintergrund oder Absolventen mit den unterschiedlichsten Abschlüssen auf dem Rechtsberatungsmarkt immer präsenter. Um zukunftsfähig zu bleiben und für eine vielfältige Mandant- und Anwaltschaft weiterhin eine kompetente Dienstleistung oder ein attraktives Arbeitsumfeld bieten zu können, müssen Kanzleien jeder Größe dieser Vielfalt und den sich dadurch verändernden Kommunikationsstilen und Bedürfnissen auch in ihrer Kanzleistruktur und –kultur entsprechen.

LTO: Sprechen Sie mit Ihrem Fortbildungsangebot bestimmte anwaltliche Fachrichtungen an?

Althoff: Wir sprechen mit den Qualifizierungsangeboten zum Diversity-Kompetenzaufbau alle Rechtsanwälte an, egal ob diese selbstständig oder in einer Boutique oder Großkanzlei angestellt sind. Die Mehrheit der Kanzleien in Deutschland hat indessen die Bedeutung von Diversity-Kompetenz und Diversity-Konzepten bisher nicht erkannt. Lediglich große internationale Anwaltssozietäten verfügen vereinzelt über Diversity-Strategien; in dem in Deutschland überwiegenden Segment mittlerer und kleinerer Anwaltskanzleien ist dies nicht der Fall

Zitiervorschlag

Dr. Nina Althoff, Aliyeh Yegane Arani, Seminar zu Diversity-Kompetenz: "Die Kanzlei der Zukunft muss auf Vielfalt setzen" . In: Legal Tribune Online, 02.09.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9471/ (abgerufen am: 23.08.2019 )

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Kommentare
  • 03.09.2013 09:20, Stefanie

    Ein netter Artikel, aber leider scheint die Realität (noch) anders zu sein.

    Ich darf mich (leider) selbst zu diesen Minderheiten zählen und stelle fest, dass mir diese Tatsache auf meinem Lebensweg eher Hindernisse als Vorteile bereitet hat. Konsequenz ist, dass ich gegenüber meinen Mitstreitern in Schule, Studium und Referendariat zurückgeblieben bin und heute nicht mehr mithalten kann, was perfekte Noten und einen perfekten Lebenslauf betrifft.

    Ist Diversität vielleicht auch etwas, was Personalern impliziert, dass ein Bewerber nicht genügend arbeitswillig und leistungsmotiviert ist?

    In Vorstellungsgesprächen wurde mir das so zwar nie gesagt. Aber das ist ja auch klar. Schließlich gibt es ja das AGG. Trotzdem lag für mich der Anschein nahe, dass die Tatsache, anders zu sein, letztlich in vielen Fällen nicht zu einer Einstellung geführt hatte.