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Als Richter ins Ausland: Raus aus dem "gut geölten System"

von Claudia Kornmeier

16.07.2013

Frustration ist Teil des Jobs

"Gerade im juristischen Bereich kann man ausbildend sehr viel helfen", erzählt Koster. Insgesamt tragfähige Erfolge aber hingen noch von anderen Umständen ab. "Man kann in eineinhalb Jahren keine Wunder erwarten. Das sind teilweise ganz neue Gedanken, an die man die Partner heranführen muss."

Frustrierende Situationen gebe es natürlich immer wieder. Seine Kollegen aus der Anti-Korruptions-Gruppe wollte man beispielsweise plötzlich bei der Staatsanwaltschaft in Kabul nicht mehr haben – der Hintergrund: Es liefen Ermittlungen gegen ein Familienmitglied eines hochrangigen Politikers.

"Es hat relativ lange gedauert, bis wir es geschafft haben, durch verschiedene Hintertüren da wieder Einfluss zu bekommen", erzählt der heute 56-Jährige. "Das frustriert einen aber deswegen nicht, weil das ja der Grund ist, weswegen man da ist. Man muss das als Teil der Arbeit verstehen."

Realistische Ziele

Man müsse sich realistische Ziele setzen, rät Koster. "Wer ins Ausland geht, und meint, er könne in drei Jahren die Welt verbessern, der wird scheitern", davon ist der deutsche Jurist überzeugt. Er persönlich wollte eine Verhandlung so führen, dass die Beteiligten rausgehen und sagen, so muss ein Strafprozess aussehen. Das hat funktioniert. Nach der Hauptverhandlung in einem Terroristenprozess mit 13 Angeklagten und 40 Verhandlungstagen in einem Hochsicherheitsgefängnis kamen die Verteidiger auf ihn zu und sagten ihm, das sei ein Lehrstück in "Human Rights" gewesen, das sie ihr Leben lang nicht vergessen würden.

Afghanistan war komplexer. "In jeder Hinsicht – geografisch, historisch, rechtlich", erzählt Koster. "Ich hatte mir vorgenommen, ein vernünftiges Konzept zu entwickeln, wie man die begrenzten Ressourcen der Mission so einsetzen kann, dass für die Afghanen das meiste dabei herauskommt."

Das Handbuch für die gemeinsamen Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft – das war so etwas. "Da waren die Afghanen sehr stolz drauf, dass unter deren Schirmherrschaft das Manual entstanden ist, welches einzelne Ermittlungsschritte auch anhand von Bildern erklärt, weil viele lokale Polizisten nicht lesen können. Da hat die EU-Mission etwas Bleibendes hinterlassen."

Ein Leben mit Beschränkungen

Im Kosovo konnte Koster ganz normal wohnen und sich frei bewegen. Nur während des Terroristenprozesses hatte er für zweieinhalb Jahre Personenschutz.

Auch das war in Afghanistan anders. Ausländer leben dort in bewachten Compounds. "Wir durften das Wohngebiet nur im gepanzerten Auto verlassen, mit Schutzweste und Bodyguards. Einfach mal so aussteigen, frei durch die Stadt laufen, das war alles nicht möglich."

Ob man mit so einem Leben aus Beschränkungen klarkommt, muss jeder für sich ausprobieren. "Besonders schwierig war es immer nach Anschlägen. Dann durfte man den Compound manchmal eine Woche lang nicht verlassen. Das heißt, man lebt, arbeitet und isst in demselben kleinen Bereich." Koster hat aber auch das relativ wenig ausgemacht. "Ich hatte viel Arbeit. Das lenkt ab."

Außerdem gibt es eine großzügige Urlaubsregelung. "Man ist in der Regel sechs Wochen da, dann hat man zwei Wochen Urlaub."  Dennoch sagt auch er, dessen Frau selbst jahrelang für die UN gearbeitet hat: "Gerade Afghanistan ist als Dienstort für die Familie sicherlich schwieriger als für einen selber."

Zurück in einem gut geölten System

Seit dem 1. Januar ist Koster wieder in Deutschland, am Oberlandesgericht Hamm. Es ist eine Umstellung. In Afghanistan und im Kosovo stand er fast jeden Tag vor neuen, unklaren Situationen und musste flexibel reagieren. Nicht unbedingt Alltag für einen Richter in Deutschland. In siebeneinhalb Jahren hat sich in der deutschen Justiz außerdem einiges verändert. Aber Koster genießt es, wieder ordentlich geführte Akten zu bekommen und in einem gut geölten System zu arbeiten.

Er ist jetzt zu 50 Prozent in einem Strafsenat, der auch für internationale Rechtshilfe und Auslieferung zuständig ist. Daneben pflegt er die internationalen Kontakte des Gerichts. "Beide Tätigkeiten knüpfen an das an, was ich die letzten Jahre gemacht habe. Das erleichtert mir den Wiedereinstieg sehr."

Unvergesslich bleibt für Koster aus seiner Zeit im Ausland der Eindruck, in einem Land zu arbeiten, in dem der Rechtsstaat sehr unterentwickelt ist. "Es ist unglaublich schwierig, einen funktionierenden Rechtsstaat aufzubauen", erklärt der Strafrichter. "Da entwickeln sich anarchisch anmutende Strömungen, gegen die anzukommen sehr schwierig ist." Der Jurist hofft, dass man das in Deutschland nicht aus den Augen verliert. "Wir sollten uns immer bewusst sein, was wir an unserem Justizsystem haben und wie wichtig es ist, das zu pflegen. Wenn man das einmal verloren hat, ist der Aufwand außerordentlich hoch, das wieder zu aufzubauen."

Zitiervorschlag

Claudia Kornmeier, Als Richter ins Ausland: Raus aus dem "gut geölten System" . In: Legal Tribune Online, 16.07.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9148/ (abgerufen am: 05.08.2020 )

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Kommentare
  • 19.07.2013 22:20, Peter

    Vielen Dank für den interessanten Artikel !