LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Betrachtungen zum Stand des Legal Tech Marktes: Warum die Zukunft sich Zeit lässt

von Dr. Roland Vogl

27.10.2016

Legal Tech ist ein heiß diskutiertes Thema im Rechtsmarkt. Stellt der technische Fortschritt eher Ursache oder Lösung für die Krise klassischer Kanzleien dar? Und wie schnell schreitet die Automatisierung wirklich voran? Eine Bestandsaufnahme.

Die Veränderungen im Rechtsdienstleistungsmarkt sind seit einigen Jahren ein vieldiskutiertes Thema. Die einen sagen einen radikalen Umsturz voraus, eine von Fortschritten in der Entwicklung künstlicher Intelligenzen getriebene Ära der Anwaltsandroiden, die ihre menschlichen Vorbilder in nicht allzu ferner Zukunft ersetzen werden. Andere gehen von einer etwas kleinteiligeren Entwicklung aus, in der Technologie dazu dient, auf den wachsenden Druck der Märkte zu reagieren. Eine dritte Gruppe schließlich hält die Vorhersagen der ersten beiden hauptsächlich für heiße Luft und zweifelt an, dass Technologie zu einer grundlegenden Disruption der Branche führen wird.

Wie so oft liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen. Manche Aspekte anwaltlicher Arbeit werden bereits durch hochentwickelte Algorithmen unterstützt, andere laufen heute nicht anders als vor 50 Jahren. Die Grenzen zwischen den einen und den anderen im Rechtsmarkt der Jahresmitte 2016 will ich im Folgenden nachzeichnen, so wie ich sie aus meiner Arbeit beim CodeX-Zentrum der Universität Stanford kennengelernt habe. Ich hoffe, dass diese Bestandsaufnahme einen hilfreichen Überblick verleiht, auch wenn sie nicht alle Aspekte und Akteure abdeckt.

Der Legal Tech-Boom – ein (nicht nur) amerikanisches Phänomen

Bei CodeX versuchen wir, den Fortschritt im Legal Tech Bereich durch interdisziplinäre Forschung zu beschleunigen. Manche unserer Lösungsideen setzen wir selbst in neuen Systemen um, manche versuchen wir über eigens gegründete Start-Ups von der Universität in den Markt zu tragen. Auf den vielen Veranstaltungen, die wir für die wachsende Legal Tech Community organisieren, haben wir hunderte Anwälte, IT-Experten und Unternehmer getroffen, die an Systemen arbeiten, um Anwälten ihre Arbeit und Verbrauchern den Zugang zum Recht zu erleichtern. Einige davon sind akademischer Natur oder stecken noch in der Planungsphase, andere haben bereits Finanzierungen von Business Angels oder Venture Capitalists erhalten und erste zahlende Kunden geworben, oder sich sogar zu profitablen Unternehmen entwickelt, die das Übernahmeinteresse großer Konzerne wecken.

Nach der Finanzkrise von 2008 hat in den USA ein regelrechter Start-Up-Boom im Legal Tech Sektor stattgefunden; auch in anderen Ländern und insbesondere in Deutschland besteht eine aktive Gründerszene. Der Enthusiasmus in diesem Bereich scheint ungebrochen, obwohl inzwischen einige Unternehmen gescheitert sind. Leider ist in jeder Branche nur einem kleinen Teil aller Start-Ups Erfolg vergönnt, sodass in den kommenden Jahren wohl mit einer weiteren Konsolidierung zu rechnen ist. Viele Gründer tun sich schwer damit, Kanzleien von ihrem Angebot zu überzeugen. Bekanntlich nimmt der Kanzleimarkt technologische Innovationen im Vergleich etwa mit dem Finanz- oder Medizinsektor nur zögerlich an, was nach verbreiteter Auffassung an seinen partnerschaftlich organisierten Entscheidungsstrukturen liegt. Hinzu kommen je nach Land berufsrechtliche Vorgaben zu Themen wie Anwaltswerbung, Gebührenteilung und Beratungsprivileg, deren Vereinbarkeit mit den Diensten einiger Start-Ups ungewiss wirkt.

Weltweit über 550 Start-Ups für den Rechtsmarkt

Mit der Hilfe geschäftlicher und persönlicher Freunde von CodeX haben wir unlängst ein Onlineportal entwickelt, das Legal Tech Unternehmen rund um den Globus erfasst. In der frei zugänglichen und stetig aktualisierten Datenbank sind derzeit über 550 Start-Ups verzeichnet, viele davon auch aus Deutschland. Die Vielzahl von Kategorien und Schlagworten, die wir gebildet haben, um die Einträge zu ordnen, verdeutlicht das breite Spektrum von Bereichen, für die Legal Tech entwickelt wird. Abstrakt lassen sich die den Start-Ups zugrunde liegenden Technologien unterteilen in solche zur Informationsabfrage (z.B. Suche in Rechtsdatenbanken, Dokumenteneinsicht, Vertragsanalyse und -verwaltung), zur Vernetzung von Praktikern (z.B. Anwaltsnetzwerke) und zur Automatisierung von juristischen Abläufen im engeren Sinne (z.B. automatisierte Vertragsgestaltung).

In einem 2015 erschienenen Artikel der Huffington Post hat Rechtsprofessor und CodeX-Partner Oliver Goodenough die klassischen 1.0, 2.0 und 3.0 Kategorien genutzt, um die verschiedenen Entwicklungsstadien von Legal Tech zu beschreiben. 1.0-Anwendungen sind demnach solche, die Anwälte im aktuellen System bei ihrer Arbeit unterstützen, z.B. durch Suche in Rechtsdatenbanken und Dokumentverwaltung. Im Gegenteil dazu sind die 2.0-Anwendungen disruptiv und machen eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern in der Rechtsbranche überflüssig – in diese Kategorie fallen etwa Dienste zur automatischen Dokumentprüfung in der due diligence oder zur Vertragserstellung auf Grundlage eines Fragenkatalogs an den Anwender. Laut Goodenough nähern wir uns mit schnellen Schritten der Zeit der 3.0-Anwendungen, in der Verbesserungen in Soft- und Hardware zu einer radikalen Neuordnung des aktuellen Systems führen werden.

Zitiervorschlag

Dr. Roland Vogl, Betrachtungen zum Stand des Legal Tech Marktes: Warum die Zukunft sich Zeit lässt . In: Legal Tribune Online, 27.10.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20991/ (abgerufen am: 20.04.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 27.10.2016 17:55, BRAKxIT

    Anwälte braucht man (bzw. man frau) schon deswegen, weil man sich bei ihnen ausheulen kann.

    Echte männliche menschliche Anwälte lassen sich daher nicht ersetzen, weil keine Frau ihre Sorgen einem Computer anvertrauen möchte.

    Das ist etwas, was man nicht an der Uni lernt, sondern erst später als Anwalt: Man muß als Anwalt in den ersten Jahren kapieren, daß man keine Paragrafen abspulen muß, sondern den Mandanten ein gutes Gefühl zu geben. Man muß eher ein Kaufmann sein und weniger ein Jurist.

    Männer hingegen schätzen weibliche Anwälte aufgrund ihrer Körpergröße, Figur, Haarfarbe und dem Duft, den eine solche Anwältin verströmt, was ein Computer niemals kann. Der Mandant kann sich zwar vorher bei youp.com im Computer austoben, den Reiz einer echten menschlichen 1.83m großen, gutgebauten dunkelhaarigen Anwältin mit schönen Augen, Beinen, Füßen und einer tollen Stimme kann kein Computer ersetzen.

    Anwälte müssen einfach lernen, mehr Kaufmann und weniger Jurist zu sein, dann überleben sie auch die Digitalisierung.

    • 27.10.2016 18:01, Hubert

      Es ist ja wissenschaftlich seit langem erwiesen, daß 60 % aller Männer auf die Oberweite einer Frau schauen, 80 % auf den Hintern, 20 % auf die Beine und 40 % aller Männer Fußfetischisten sind. Wie oft hat eine Kollegin von mir erzählt, daß sie in Sitzungen gelegentlich mit ihren (schönen) Füßen spielt und die Männer verrückt macht. Dies erkennend, ist es für eine Anwältin in Zukunft wohl nun ein leichtes, mit ihrem Körper Eindruck auf die Mandanten zu machen. Dies kann eben kein Computerprogramm leisten, also würde ich mal die Prognose abgeben, daß es auch weiter immer Anwältinnen geben wird. Umgekehrt gilt für Männer natürlich das gleiche.

  • 31.10.2016 22:51, Christian Wachter

    Ist diese Satire jetzt Absicht oder unfreiwillig?

    • 01.11.2016 09:21, Klaus

      Das ist wohl keine Satire. Viele Mandanten sehen es halt gerne, wenn eine Anwältin mit den Füßen unter dem Tisch spielt. Einmal hat eine Anwältin mit mir sogar gefüßelt, und das war schön. Ein Grund mehr, warum ich kein Computer als Anwalt will. Frauen haben nun mal schöne Füße, warum man sie versteckt ist mir unbegreiflich, denn das ist ein geheimer Wunsch und Fantasie vieler Männer, also krampfhaft unterdrücken führt zu rezidiven psychischen Schäden beim Mann.

  • 23.11.2016 17:43, W. Ernst

    "Für Anwälte ist es an der Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre Dienste möglichst effektiv und kostengünstig vermitteln und dennoch ein angemessenes Einkommen erzielen können ...."
    Wie wahr, wen man die Marktentwicklung ernsthaft verfolgt!

    Umso sprachloser wird man, wenn als einzige Reaktion von großgewachsenen Anwältinnen mit schönen Füßen geträumt wird!
    Angebracht wäre doch wohl eher eine seriöse Auseinandersetzung mit diesem interessant geschriebenen Beitrag.
    Oder sollte sich da der eine oder andere schon überfordert fühlen?

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