Legal-Tech-Unternehmen in Deutschland: Auto­ma­ti­sie­rung, Kol­la­bo­ra­tion und ein bis­schen Dating

von Ingo Mahl, LL.M.

02.09.2016

Fast wöchentlich treten neue Startups in den deutschen Legal-Tech-Markt ein. Manche von ihnen unterstützen die anwaltliche Arbeit, einige wollen sie ersetzen. Fest steht: Sie werden sie verändern. Ein Überblick von Ingo Mahl.

 

Als der Deutsche Anwaltverein im Jahr 2013 seine Studie zum "Anwaltsmarkt 2030" veröffentlichte, wirkten deren Ergebnisse für viele noch wie abstrakte Visionen einer fernen Zukunft. Drei Jahre später sind die dort angekündigten neuen Technologien, Internet-Anbieter und virtuellen Geschäftsmodelle aber bereits Realität und auf dem Weg, den Rechtsmarkt massiv zu verändern.

Zwar später als in den USA, aber mittlerweile auch hierzulande mit einer beachtlichen Geschwindigkeit entstehen und entwickeln sich ganz neue Player im Rechtsmarkt. Mehrere Dutzend Startups sind in den vergangenen Jahren gegründet worden, fast wöchentlich kommen neue Unternehmen hinzu. Mittlerweile reagieren auch die Universitäten und bieten – wie in Münster und an der Bucerius Law School in Hamburg – Ausbildungsinhalte zum Thema Legal Tech an.

Der Rechtsmarkt ist im Umbruch. Und wenn auch vermutlich noch nicht in ein oder zwei, so doch jedenfalls in zehn Jahren wird er ein anderer sein. Keiner seiner Akteure wird das auf Dauer ignorieren können. Dieser Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit soll zeigen, dass die Neuerungen im Arbeitsalltag des Einzelnen vor allem davon abhängen werden, in welchen juristischen Tätigkeitsfeldern man aktiv ist und welche Zielgruppen man mit welchem Beratungsangebot bedient.

Längst nicht mehr nur Branchenbücher online: die Anwaltsportale

Zu den Vorläufern des heutigen Legal-Tech-Booms kann man die zahlreichen Online-Anwaltsportale zählen, die seit Jahren im Markt aktiv sind. Sie haben das Geschäft der Branchenbücher in das Internet überführt, mehrheitlich wird heutzutage dort nach einem Rechtsbeistand gesucht.

Marktführer ist anwalt.de mit über 18.000 zahlenden Anwaltskunden und mehr als 80 Mitarbeitern. Beim bisher letzten Test der Zeitschrift Finanztest der Stiftung Warentest im Jahre 2013 besonders gut abgeschnitten haben anwalt24.de, wie LTO aus dem Hause Wolters Kluwer, und anwaltauskunft.de, das Portal des Deutschen Anwaltvereins. Zu den besonders erfolgreichen Angeboten zählt auch 123recht.net mit dem verbundenen Service frag-einen-anwalt.de, über den bereits mehr als 160.000 Fragen von Rechtssuchenden durch Anwälte beantwortet werden konnten.

Einige dieser Plattformen  haben mittlerweile auf den Legal-Tech-Trend reagiert und bieten neben der Möglichkeit für Anwälte, durch suchmaschinenoptimierte Fachartikel potenzielle Mandanten auf sich aufmerksam zu machen, zusätzliche Services wie Vertrags-Generatoren oder Rechtsprodukte zum Festpreis an.

Auf den Markt der Online-Vermittlung und -Abwicklung anwaltlicher Rechtsdienstleitungen drängen nun auch zahlreiche neue Anbieter.

Vordefinierte Rechtsprodukte, Anwälte zum Festpreis oder per MyHammer-Methode

Auf dem Marktplatz des Greifswalder Startups advocado.de finden Verbraucher Rechtsdienstleistungen mit vordefinierten Rechtsprodukten und können sich den passenden Anwalt vermitteln lassen. Auch individuelle Rechtsfragen können sie an einen Anwalt richten. Die Gründer machten zuletzt auch durch Kooperationen mit dem Edeka-Food-Service und dem Anwaltsnetzwerk Apraxa auf sich aufmerksam.

In eine ähnliche Richtung geht das Angebot von jurato.de aus Berlin. Auch diese Plattform offeriert Anwaltsdienstleitungen zum Festpreis, ebenso zahlreiche Tools wie Voice-, Video- oder Textchat  für  die schnelle Kommunikation mit dem Anwalt. Zusätzlich können Verbraucher dort ihre Rechtsfragen einstellen und aus verschiedenen Angeboten von Rechtsanwälten auswählen, bekannt vom MyHammer-Prinzip für die Beauftragung von Handwerkern.

In der deutschen Startup-Hauptstadt ist in diesem Jahr außerdem legalbase.de gestartet. Die Newcomer warten ebenfalls mit anwaltliche Dienstleistungen zum Festpreis und der Vermittlung von Anwälten auf. Besondere Aufmerksamkeit erzielten die Gründer auch, weil zu ihren Investoren mit Legalzoom der Marktführer aus den USA zählt.

Jüngstes Mitglied in diesem Marktsegment ist die erst im Frühjahr 2016 gestartete Plattform rightmart.de. Der Macher firmiert als Kanzlei und bietet aktuell die kostenlose Prüfung von Hartz-IV-Bescheiden und Fluggastentschädigungen, bei Erfolgsaussichten auch die Durchsetzung der Ansprüche. Lösungen für Bußgeldbescheide, Verkehrsunfälle und Abmahnungen sollen bald folgen.

Zitiervorschlag

Ingo Mahl, LL.M., Legal-Tech-Unternehmen in Deutschland: Automatisierung, Kollaboration und ein bisschen Dating. In: Legal Tribune Online, 02.09.2016, https://www.lto.de/persistent/a_id/20458/ (abgerufen am: 21.09.2017)

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