Sprachanalyse erkennt Persönlichkeit: Pre­cire weiß, was Du letzten Sommer getan hast

von Pia Lorenz

27.11.2015

2/2: Was Precire misst – und was es daraus macht

Top-Führungskräfte bekommen mit der "Premiumauswertung" einige  Grundlagen des spezifisch anwendungsorientierten JobFit-Dokuments, wenn sie die Software für den Einsatz in ihrem Unternehmen testen wollen. Sie gibt tiefen Einblick in die eigene Psyche.

Meine Wortlänge liegt ebenso über dem Durchschnitt wie die Anzahl der Worte pro Satz. Trotz überdurchschnittlicher Sprachkomplexität und hoher Geschwindigkeit beim Sprechen hätte ich mich offenbar wohl gefühlt bei dem Test, erläutert Linnenbürger. Ob meine Stimme gezittert hat, hat die Technologie ebenso gemessen wie ihre Intensität, Lautstärke und Klangfarbe.

Wie emotional waren die verwendeten Begriffe, sind sie gekennzeichnet durch vertiefte Denkprozesse oder bleiben getroffene Aussagen eher stehen? Wie ist das Verhältnis von berufsrelevanten zu sozialen Themen? Auch das in den Antworten zum Ausdruck kommende Interesse an zwischenmenschlicher Interaktion fließt ein in das Profil.

Die Ergebnisse sind wertneutral

Precire gibt Auskunft über das, was mich antreibt. Pragmatisch oder intellektuell? Dominant oder zurückhaltend? Wie belastet ich bin, hat Precire ermittelt, bei dem Telefonat und an den ca. drei bis vier Tagen zuvor, erklärt Linnenbürger. Wie sehr bin ich bereit, mich für meine Arbeit zu verausgaben? Wie widerstandsfähig bin ich bei Belastungen?

Die Technologie wertet aus, wie organisiert, autonom und kontaktfreudig ich im Beruf bin. Sie erklärt, ob ich sensibel bin oder selbstbewusst, vorsichtig oder risikofreudig. Wie verträglich bin ich, wie gewissenhaft?

Die Ergebnisse seien wertneutral, stellt die Psychologin klar. Ein Vertriebler braucht ein anderes Profil als ein Buchhalter.

Precire gibt Handlungsempfehlungen mit, um z.B. meiner zu häufigen Verwendung des Wortes "man" und zu viel Negation zu begegnen: Ich solle überprüfen, wann ich besonders stark so kommuniziere; reflektieren, wer wann und wofür die Verantwortung tragen solle. Und das entsprechend deutlich kommunizieren. Mit weniger Verneinung und mehr "wir", "du" und "ich".

Strategien für Juristen: Was will der Gegner?

Gesprochene, aber auch schriftliche Sprache auszuwerten und zu verbessern, das sei auf diese Art leicht, erklärt Dirk Gratzel. "Gerade Juristen sollten ein Interesse daran haben, dass ihre Sprache verständlich, eingängig und wirkungsvoll ist", erklärt der studierte Jurist.

Vor allem mache die Technologie es aber auch möglich, zu verstehen, was andere Menschen wollen, ob das nun der eigene Mandant sei oder die Gegenseite. "In einer familienrechtlichen Streitigkeit könnte Precire anhand des Schriftverkehrs ermitteln, ob es eine außergerichtliche Lösungsmöglichkeit gibt – und wenn ja, welche Punkte ihr entgegenstehen", ist sich Gratzel sicher. "Handelt jemand aus Wut? Will er Vergeltung, Rache - oder Geld?!" Wer die Motive der Parteien kennt, kann die eigene Strategie anpassen.

Im Bereich Customer Experience Solutions bietet Psyware das bereits. Aus den Mails eines Kunden kann Precire erkennen, was diese zufrieden stellt. Das Unternehmen kann ihn mit einem zu ihm passenden Kundenberater verbinden, der ihn entsprechend behandelt. "Nicht alle Menschen möchten einen Gutschein, wenn ihr Telefon ausgefallen ist. Manchen bringen eine Erklärung oder eine Entschuldigung mehr Zufriedenheit. Und die Unternehmen können viel Geld sparen", erklärt Gratzel.

Brave new world?

Die dritte wichtige Säule des Unternehmens liegt im betrieblichen Gesundheitsmanagement, Pilotprojekte laufen. In Kooperation mit Krankenkassen bietet Psyware ein Screening an, das darauf abzielt, psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout zu verhindern – anonym, ohne dass Mitarbeiter sich beim Betriebsarzt outen müssten. Dirk Gratzel sieht darin ein Angebot auf der hellen Seite der Macht: "Das Erkrankungsrisiko reduziert sich dramatisch, wenn die Menschen sich daraufhin online coachen lassen".

Den Bedenken gegen die auf der Hand liegenden Missbrauchsmöglichkeiten begegnet er mit dem Argument, dass Psyware nicht den Code von Precire verkauft. "Wir schnüren nur Produktpakete, welche wir Unternehmen je nach ihren Bedürfnissen zur Verfügung stellen. Diese sind ja gerade in Deutschland - zu Recht - streng reglementiert". Er war langjährig selbst als Personaler tätig und meint, wenn es um Arbeitnehmer geht, seien einschlägige Maßnahmen immer freiwillig und in weiten Teilen mitbestimmungspflichtig. "Das geht nur mit guter Kommunikation und guter Kooperation aller Beteiligten - ohne die Zustimmung des Betriebsrates würde man das nie versuchen", versichert er.

Die Angst vor Missbrauch, und sei es durch einen Datendiebstahl oder einen Maulwurf, bleibt. Die Möglichkeit seines Missbrauchs aber ist kein Argument gegen das Instrument. Schließlich hätte ich wohl weniger Angst, wenn Precire mich nicht so gut durchschaut hätte.

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Sprachanalyse erkennt Persönlichkeit: Precire weiß, was Du letzten Sommer getan hast . In: Legal Tribune Online, 27.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17654/ (abgerufen am: 11.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 27.11.2015 11:28, Bernd

    Die Graphologie des 21. Jahrhunderts. Ist wohl einfach zu verlockend, wenn man die Verantwortung für die Einstellung eines neuen Mitarbeiters irgendwohin outsourcen kann.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 27.11.2015 13:00, Tero

    Man kann die Bewerber auch auswürfeln: "Numerischer dynamisch-statisticher Aglomeratsidentifier (NDSAID)" sagen wir in der Personalabteilung dazu, kurz: Schlangenöl.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 17.01.2017 18:52, Petra

    Für wie unflexibel halten die Erfinder und deren Kunden denn den Menschen? Sicher kann ich, nachdem von vielen Menschen genügend Datenkram gesammelt wurden, einige Merkmale einer Person einem anderen Häuflein zuordnen. Doch entscheidend ist doch die Flexibilität und Intelligenz, der konkrete Einzelfall auf den es ankommt, gerade dann, wenn nicht mein Durchschnittsverhalten gefragt ist. Algorithmen werden aus Einzelfaktoren gebildet, obgleich ehrliche Statistiker wissen, dass das bei immer größer werdender Anzahl zwar die Varianz abnimmt, aber die Zuordung auf den Einzelfall immer unwahrscheinlicher wird. Orwell lässt grüßen - das Heute wird grausiger als vorhergesagt bei "1984".

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