LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Sprachanalyse erkennt Persönlichkeit: Pre­cire weiß, was Du letzten Sommer getan hast

von Pia Lorenz

27.11.2015

15 Minuten Telefonat mit einer Maschine sollen den perfekten Mitarbeiter finden. Ihre Mails sollen Unternehmen verraten, was Kunden glücklich macht. Persönlichkeitsmerkmale und Gesundheitsrisiken, per Sprache analysiert? Ein Selbstversuch.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist eine menschliche. Eine aufgezeichnete, freundliche Männerstimme fragt mich, wie mein perfekter Sonntag aussieht. Es beruhigt mich, zu wissen, dass die Technologie, die meine Antworten auswerten wird, sich für den Inhalt dessen, was ich sage, nicht interessiert.

"Precire versteht das Thema nicht und auch nicht die Botschaft, die der Absender senden will. Dadurch lässt die Software sich nicht täuschen", erklärt Dr. Dirk Gratzel. Er ist der Geschäftsführer von Psyware. Das Startup mit Sitz in Aachen hat im Sommer die dritte Investitionsrunde erfolgreich absolviert.

Der mittelständische Betrieb mit über 20 Mitarbeitern aus Psychologie, Linguistik und Technologie verkauft Produkte auf der Grundlage der Sprachanalyse-Technologie Precire. Sie kombiniert Erkenntnisse aus der Analyse von Text und Lautsprache. Aus 180.000 ausgewerteten Parametern ermittelt die Technologie dann Persönlichkeitsmerkmale von Menschen. In einem 15-minütigen Telefonat werfe sie aus, wofür ein Assessment-Center vier Stunden brauchen würde, sagt Gratzel.

Den perfekten Mitarbeiter finden

So habe ein großer deutscher Personaldienstleister die Abbruchquote im Bewerbungsprozess auf unter drei Prozent reduziert. Diese erhebliche Verbesserung gegenüber der traditionell bei ca. 50 Prozent liegenden Abbruchquote legt für ihn nahe, dass die Bewerber das Verfahren akzeptieren.

Ich bin zunehmend geneigt, das zu glauben, während ich im fiktiven Bewerbertest nach dem perfekten Sonntag auch berufsbezogene Fragen beantworte und persönliche wie die nach Dingen, die mich stressen. Dieses Telefonat tut das nicht, schon das Monologisieren verhindert das Gefühl, an einem Bewerbungsgespräch teilzunehmen.

Ersetzen kann und soll Precire das persönliche Gespräch nicht, erklärt Anja Linnenbürger. "Die Chemie muss stimmen, sonst bringt auch der geeignetste Kandidat im Team nichts". Für die Psychologin von Psyware hilft die Software aber, die Ressourcen auf diejenigen Kandidaten zu konzentrieren, die ins Team passen und den Anforderungen entsprechen könnten. Diese definiert Psyware gemeinsam mit dem beauftragenden Unternehmen, am besten inklusive Realitätscheck. Dazu werden Mitarbeiter, die in vergleichbaren Jobs besonders erfolgreich sind, vorab auf Gemeinsamkeiten getestet.

Wahrscheinlichkeitsaussagen von der Künstlichen Intelligenz

Precire trifft Wahrscheinlichkeitsaussagen. Die Technologie bewertet die Abweichung vom Durchschnitt. Dafür legt sie die Daten von rund 5.500 Menschen zugrunde, die mit klassischen Persönlichkeitstests nach allen Parametern psychologischer Diagnostik vermessen wurden. Auch die Sprache von Testpersonen, die zum Beispiel eine Depression aufweisen, wurde analysiert; die Daten sind Teil des Programms.

Bei auffälligen Mustern lerne das System dazu, erklärt Gratzel.  "Precire ist eine Kombination aus Psychologie, IT und Knowhow. Der Quellcode lernt aus Beispielen und kann danach verallgemeinern." Und erfüllt damit die Definition künstlicher Intelligenz.

Das mulmige Gefühl vor der Auswertung meiner Sprachprobe paart sich nun mit der Angst vor einem Persönlichkeitstest durch eine ebenso intelligente wie unbestechliche Maschine  – und mit der menschlichen Abneigung gegen Unbekanntes.

Für den Vertrieb sehr gut geeignet?

Dabei bin ich, das lässt mich Precire wissen, hochgradig flexibel. Offenbar sogar ein bisschen zu sehr für das Soll-Profil von Psyware, welches das Unternehmen meinem Test zugrunde gelegt hat. Trotzdem erreiche ich acht von zehn Punkten beim "Passungsfaktor". Psyware sollte mich aus persönlichkeitsbezogener Sicht also auf jeden Fall zum Gespräch einladen.

Gefragt, wofür ich gute Voraussetzungen mitbringe, behauptet Precire, ich sollte Führungsverantwortung übernehmen. Ziemlich überraschend kommt für mich die Meinung der Software, ich wäre fast perfekt für den Vertrieb geeignet: "Dem Bewerber fällt es leicht, in ein Gespräch einzusteigen und Kunden von Angeboten zu überzeugen. Er wirkt charismatisch und fördert die Kundenbindung". Im Service hingegen wäre das wohl eher nichts: "Der Bewerber wirkt durchschnittlich sympathisch und kompetent". Ich finde Precire gerade nicht mal durchschnittlich sympathisch.

Meine sprachliche Kompetenz aber sei positiv ausgeprägt und ich emotional stabil, ausdauernd und zielorientiert. Verantwortung übernähme ich gern, auch die eher durchschnittlich ausgeprägte Kooperationsbereitschaft entspricht als Mittel zwischen selbständiger Arbeit und Teamfähigkeit dem von meinem fiktiven Arbeitgeber Gewünschten. Mit den "individuellen Kompetenzen" ist Precire ebenfalls zufrieden. In Kategorien wie Durchsetzungsvermögen, Belastbarkeit oder Begeisterungsfähigkeit gibt es mir drei von drei Punkten und ist der Meinung, mir stünden "für viele Situationen ausreichend Strategien zur Verfügung". Ob ich diese nutze, weiß Precire nicht, erklärt Psychologin Linnenbürger.

Es ist ein Profil, wie es Personaler und Führungskräfte kennen. Seine inhaltliche Richtigkeit kann ich in seiner Abstraktheit schwer einschätzen. Das ändert sich, als ich nun einen "tiefen persönlichen Einblick in das System" erhalte, wie Psychologin Linnenbürger sagt. Und nicht nur in das System.

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Sprachanalyse erkennt Persönlichkeit: Precire weiß, was Du letzten Sommer getan hast . In: Legal Tribune Online, 27.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17654/ (abgerufen am: 16.07.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 27.11.2015 11:28, Bernd

    Die Graphologie des 21. Jahrhunderts. Ist wohl einfach zu verlockend, wenn man die Verantwortung für die Einstellung eines neuen Mitarbeiters irgendwohin outsourcen kann.

  • 27.11.2015 13:00, Tero

    Man kann die Bewerber auch auswürfeln: "Numerischer dynamisch-statisticher Aglomeratsidentifier (NDSAID)" sagen wir in der Personalabteilung dazu, kurz: Schlangenöl.

  • 17.01.2017 18:52, Petra

    Für wie unflexibel halten die Erfinder und deren Kunden denn den Menschen? Sicher kann ich, nachdem von vielen Menschen genügend Datenkram gesammelt wurden, einige Merkmale einer Person einem anderen Häuflein zuordnen. Doch entscheidend ist doch die Flexibilität und Intelligenz, der konkrete Einzelfall auf den es ankommt, gerade dann, wenn nicht mein Durchschnittsverhalten gefragt ist. Algorithmen werden aus Einzelfaktoren gebildet, obgleich ehrliche Statistiker wissen, dass das bei immer größer werdender Anzahl zwar die Varianz abnimmt, aber die Zuordung auf den Einzelfall immer unwahrscheinlicher wird. Orwell lässt grüßen - das Heute wird grausiger als vorhergesagt bei "1984".