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Interview zum Krawattenzwang vor Gericht: "Wichtiger ist, was der Anwalt auf dem Hals trägt"

Interview mit Markus Hartung

09.03.2013

2/2: "Menschen vor Gericht einen Streit um Krawatten zuzumuten, ist schlicht unsouverän"

LTO: Immerhin gibt es Instanzgerichte, die Verteidiger von der Verhandlung ausschließen, welche ohne Krawatte erschienen sind.

Hartung: In der Tat, so musste etwa das Landgericht Mannheim feststellen, dass der Ausschluss eines Verteidigers unverhältnismäßig war, der ohne Krawatte zur mündlichen Verhandlung erschienen war. Die Kleidung des Anwalts habe weder den Sitzungsablauf gestört noch die Würde des Gerichts beeinträchtigt.

Aber wenn man, egal, ob als Anwalt oder als Richter, so unsouverän ist, Menschen, die vor Gericht stehen, einen solchen Streit zuzumuten, dann steckt das Problem ganz woanders, aber nicht in der Krawatte. Das ist eine schlichte Missachtung der Menschen, die vor Gericht stehen und Sorgen haben, ob sie verurteilt werden oder ob ihnen ein Anspruch zugebilligt wird.

Es ist einem Richter ja unbenommen, wegen einer fehlenden Krawatte an die Rechtsanwaltskammer zu schreiben, wenn er die Kleidung eines Anwalts für unangemessen hält. Aber auf dem Rücken derjenigen, um die es vor Gericht letztlich geht, sollte man das niemals austragen.

LTO: Sie haben das Landgericht Mannheim angesprochen. Während das Bundesverfassungsgericht bereits mehrfach – zuletzt im März 2012 – festgestellt hat, dass eine Krawattenpflicht Anwälte nicht unzumutbar belastet, haben Instanzgerichte daran in den letzten Jahren Zweifel geäußert, in Berlin hat die Senatsverwaltung im Jahr 2009 die Robenpflicht aufgehoben. Sehen Sie da eine Entwicklung hin zu mehr Lockerheit?

Hartung: Da bin ich mir nicht so sicher. Ich selbst bewege mich überwiegend im Kreis von Anwälten, die wirtschaftsberatend tätig sind. Bei denen ist die Bekleidung ja völlig klar: Alle sitzen ohne Krawatte im Büro und wenn man zu einer Besprechung geht, zieht man eine der Krawatten an, die man im Schrank liegen hat.

Das sehen wir auch bei den jungen Leuten in den Kanzleien. Im Grunde werden die so sozialisiert. Dabei geht es gar nicht darum, was wo gesetzlich geregelt ist oder was das Gericht erwartet. Es geht vor allem um die Mandantenerwartung. Und wenn Sie die Wirtschaft beraten, dann wird eben erwartet, dass Sie aussehen, wie man in der Wirtschaft aussieht.

"Die Lockerung der Bekleidungsvorschriften wäre nicht der Verfall von Sitte und Anstand"

LTO: Welchen Zweck erfüllt denn aus Ihrer Sicht die Amtstracht für Juristen? Auch wenn es vielleicht nicht mehr der ist, den König Friedrich Wilhelm I. im Sinn hatte, als er 1726 "wollene schwarze Mäntel" als einheitliche Juristentracht anordnete, damit man "diese Spitzbuben schon von weitem erkennen und sich vor ihnen hüten" könne?

Hartung (lacht): Ja, für die Amtstracht gibt es mehrere Gründe. Die Robe stellt klar, dass alle am Prozess mit einer Funktion beteiligten Personen gleichgeordnet, nämlich alle Organe der Rechtspflege sind. Es hat auch ein bisschen was von einer Schuluniform: Eine Robe neutralisiert den Stand und soll den Blick auf die Sache lenken. Letztlich sehe ich darin eine sinnvolle Begründung für den Robenzwang.

Es gibt aber viele andere Länder mit großer Rechtstradition, in denen Roben für Rechts- oder Staatsanwälte unüblich sind – dafür tragen die Richter zum Beispiel eine Perücke. Dort werden die Anwälte auch nicht mit "Herr Rechtsanwalt", sondern alle Beteiligten werden mit "Counsel" oder ihrem Namen angesprochen – egal, ob Staatsanwalt oder Rechtsanwalt. Man sieht, es geht auch anders.

Das ist eine Frage der Kultur. Für mich hat das durchaus einen Sinn. Wenn es aber eine andere Kultur gäbe, hätten wir sicherlich ein ähnlich gutes Rechtssystem. Der Verzicht auf eine Amtstracht oder eine Lockerung der Bekleidungsvorschriften würde sicher nicht zum Verfall der Sitten führen.

Gerade zur Frage der Krawatte sollte man sich eines auch immer bewusst machen: Wichtiger als das, was der Anwalt um den Hals trägt, ist, was er auf dem Hals trägt.

LTO: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Markus Hartung ist Rechtsanwalt, Mediator und Gründungsdirektor des Bucerius Center on the Legal Profession. Er ist außerdem Vorsitzender des Berufsrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins (DAV).

Die Fragen stellten Pia Lorenz und Claudia Kornmeier.

Zitiervorschlag

Markus Hartung, Interview zum Krawattenzwang vor Gericht: "Wichtiger ist, was der Anwalt auf dem Hals trägt" . In: Legal Tribune Online, 09.03.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8292/ (abgerufen am: 06.07.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 11.03.2013 15:09, <a target="_blank" href="http://strafrecht-anwalt.at" >strafrecht-anwalt.at</a>

    strafrecht-anwalt.at verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://strafrecht-anwalt.at/neueste-anwalt-strafrecht-berlin-nachrichten/">Legal Tribune Online</a>

  • 13.03.2013 15:17, Gunther Marko

    Ohne anmassend erscheinen zu wollen: das Interview hätte nicht mit Herrn Kollegen Hartung, sondern mit mir geführt werden sollen. Dann hätte ich mit weit weniger Sätzen erläutert, was ich von der Absicht meines Bundeslandes halte, die Krawattenpflicht für Rechtsanwälte bei Gericht abzuschaffen - nämlich: Nichts, rein gar nichts ! Da wäre vielmehr zuvor die Diskussion darüber angezeigter und glaubhafter, den Berufsstand des Rechtsanwalts selbst abzuschaffen !!
    Gunther Marko
    D-72172 Sulz am Neckar, Mittwoch, 13. März 2013, 15 Uhr 15.

  • 15.03.2013 00:57, Hasso Lieber

    Da die Berliner Regelung zum Tragen der Robe für Anwälte in Berlin auf mich zurückgeht, fühle ich mich zu einer kleinen Korrektur veranlasst.In Berlin ist für Anwälte die Pflicht, eine Robe zu tragen, keineswegs abgeschafft worden. § 20 BORA regelt, dass eine Robe zu tragen ist, "soweit dies üblich ist". Ob dies bei Anwälten üblich ist, regelt in fast allen Ländern die Justizverwaltung. Dass diese dazu auch die Kompetenz besitzt, ist in Berlin bis zum OVG ausgeurteilt worden.Ich habe das für einen Anachronismus gehalten. Die Begründung aus dem politischen Testament Friedrichs II. dürfte heute kaum noch tragend sein. Also regelt die entsprechende VO in Berlin seit 2009, dass die Anwaltschaft - nicht mehr die Justizverwaltung - regelt, was für sie üblich ist. Nach einer Übergangsphase hat die RAK Berlin aufgrund der Stellungnahmen aus der Anwaltschaft und der Praxis vor den Gerichten inzwischen entschieden, dass das Tragen der Robe in Berlin üblich ist. Damit hat die Anwaltschaft selbst entschieden. Selbstbestimmung statt Oktroyation war das Ziel der Regelung.
    Hasso Lieber, Staatssekretär a.D., Rechtsanwalt

    • 15.03.2013 09:26, Gunther Marko

      Sehr geehrter Herr Lieber, im Ergebnis ist es gut, dass das Tragen der Robe in Berlin "üblich" ist, wie Sie offenbar richtigstellend berichten. Besten Dank dafür ! Das Problem bei der "Selbstbestimmung" des anwaltlichen Berufsstandes liegt indes darin, dass Rechtsanwälte mitnichten in einem "einheitlichen" Licht gesehen werden können und auch nicht dargestellt werden können, wie das immer wieder, insbesondere von den Kammern in Ausübung ihrer "Berufsaussicht" (eine absolute Schande, dass eine solche "Aufsicht" bei hochqualifizierten Berufsträgern überhaupt statuiert ist) herangezogen wird. Üblicherweise sind Rechtsanwälte untereinander von Berufes wegen mehr oder weniger zerstritten. Jedenfalls ist dies auch aus vielen anderen Gründen, die z.B. in den verschiedenen Beschäftigungsvarianten von Anwälten zu finden sind, mitnichten ein homogener, "einheitlicher" Berufsstand. Die "Anwaltschaft" entscheidet allein deshalb nämlich mitnichten als solche selber. Sondern letztlich nur die "Amtsträger" oder Funktionäre ihrer Berufsstandsvereinigungen (zum Beispiel RAK oder DAV) mit beachtlicher regelrecht starrer personeller und noch dazu offenkundig parteipolitisch geprägter Beständigkeit) bis ins hohe Lebensalter "von ganz oben herab". Das bedeutet eine "Oktroyation", ich meine besser "Päpstlichkeit" ganz eigener Art, die sich nur wenig von dem von Ihnen zitierten "Friedrich II" unterscheiden dürfte. Mal ganz ehrlich: Eine vollkommene Mogelpackung ! Es ist überfällig und dringendst angezeigt, man überträgt solche Dinge einer von Rechtsanwälten ganz allgemein unabhängigen und neutralen, völlig neu einzurichtenden Abteilung bei den jeweiligen Landesjustizverwaltungen, die mit -gottlob- vereidigten und lauteren, redlichen Berufsträgern besetzt sind, die auch nicht andeutungsweise in dem Licht erscheinen, sie könnten mit anderen jeweiligen Berufsträgern in einem Konkurrenz- bzw. Wettbewerbsverhältnis stehen, wie es gerade eben in den jeweiligen Kammerbezirken der (höchst skandalöse und verwerfliche!) Fall ist. Höchst schädliche Kollisionen und Unlauterkeiten jeglicher Art wären damit erheblich eingeschränkt. Fazit: Ich halte das Institut der "Selbstverwaltung" der Anwaltschaft vor dem Hintergrund täglich wiederkehrender unlauterer Praktiken, denen praktisch nicht andeutungsqweise effektiv begegnet werden kann, für eine einzige Farce ! "Friedrich II" lässt auch heute TÄGLICH grüssen - das gilt es, unverzüglich zu beenden und neuen, ordentlichen und guten Strukturen und Zuständigkeiten zuzuführen !
      Gunther Marko
      D-72172 Sulz am Neckar, Freitag, 15 März 2012, 9 Uhr 07.

  • 22.03.2013 22:36, <a target="_blank" href="http://mode-man.de" >mode-man.de</a>

    mode-man.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://mode-man.de/business/mit-oder-ohne-schlips/">Autorität</a>

  • 06.08.2013 16:34, Johanna Busmann

    "Über das, was man unter der Robe tragen soll, finden sich dort keinerlei Angaben?" LAAAACH, Herr Hartung! Wie schade, darum sollten sich erfahrene Gesetzesmacher mal kümmern!
    Ich finde diese Krawatten- und "Schleifen"zwänge ebenso peinlich wie den lächerlichen Versuch, sich durch das Tragen von T-Shirts und ausgelatschten Mephisto-Wanderschuhen visuell aus der faktischen Hierarchie eines Gerichtssaals zu verabschieden!
    Die Robe selbst sollte ja ursprünglich wohl einen angstmindernden Effekt auf die User der Justiz gehabt haben - funktioniert heute allerdings auch nicht mehr. Ich habe schon mal erlebt, wie die Bevölkerung in einem Zivilverfahren aussieht, wenn zeitgleich drei schwarze Raben vor ihnen aufgetürmt sind.
    Etwas gesunder Menschenverstand kann wohl auch hier nicht schaden, nehme ich an:-)
    Ihre Johanna Busmann

  • 27.01.2014 15:52, <a target="_blank" href="http://www.strafakte.de" >www.strafakte.de</a>

    www.strafakte.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://www.strafakte.de/historisches/krawattenpflicht-am-strafgericht/">Johan­nes „Johnny“ Eisen­berg</a>