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Kommunikationstraining: Der Porsche im Hals

Gil Eilin Jung

23.08.2010

Von standardisierten Rhetorik-Seminaren hält die Hamburger Kommunikations-Expertin Isabel Garcia nichts. Von richtiger Wahrnehmung und Typisierung der Redner-Persönlichkeit jedoch viel. LTO-Autorin Gil Eilin Jung sprach mit der Buchautorin von "Ich rede!" über Kommunikationsfallen, Fluchtwege aus akuten Vortragskrisen, dumme Zwischenrufe und perfekte Reden.

LTO: Frau Garcia, den meisten Menschen fällt es schwer, vor mehr als sechs Leuten zu sprechen. Was hindert uns daran, frei von der Leber zu reden?

Garcia: Da spielen Selbstzweifel und mangelndes Selbstbewusstsein mit. Wenn wir vor mehreren Menschen reden, spüren wir, wie wenig Vorstellung wir von unserem Auftritt haben. Wie klang meine Stimme? Wie viele Pausen habe ich gemacht? Wie war meine Körpersprache? Viele wissen oft nicht, was sie in Situationen, in denen sie überzeugt haben, richtig gemacht haben. Wenn ich das nicht bewusst wahrnehme, kann ich das auch nicht reproduzieren.

LTO: Einer der Schlüsselbegriffe, den Sie in Ihrem neuen Buch verwenden, ist die "Persönliche Ansprechhaltung". Was verstehen Sie darunter?

Garcia: Wenn einem die Vorstellung, vor einer größeren Anzahl von Zuhörern reden zu müssen, Unbehagen auslöst, rate ich dazu, den Blickkontakt zu einer Person herzustellen und diese Person gezielt anzusprechen. Nach einigen Sätzen wechseln Sie über zu einem anderen Zuhörer und setzen das in großer Ruhe fort, wie in einem Vier-Augen-Gespräch. Man muss keinen Augenkontakt zu allen herstellen wie ein hyperaktiver Suchscheinwerfer. Das Schöne ist: wenn einer zu kritisch schaut, blick ich einem anderen in die Augen. Ich habe ja die Auswahl!

LTO: Was zeichnet einen guten Redner aus?

Garica: Zu einer guten Darstellung gehören Körperspannung, eine ruhige Stimme und Persönlichkeit. Sie wirken souveräner, wenn Sie eine ruhige Dominanz ausstrahlen. Das geht nur, wenn Sie den Stil kultivieren, der zu Ihnen passt. Man spricht von "USP", der Unique Selling Proposition. Sinngemäß übersetzt: Was macht mich besonders? Ich kann nicht besonders auftreten, wenn ich auf Rhetorik-Seminaren diktiert bekomme, dass ich stehend referieren soll, wenn ich mich in Bewegung wohler fühle oder Bandwurmsätze meiden soll, die ich so liebe. Solange man verständlich bleibt, ist alles gut. Mit anderen Worten: Bleiben Sie so nahe an Ihrer Persönlichkeit wie möglich!

LTO: Viele Redner wollen oft gerne zehnmal tougher wahrgenommen werden, als sie eigentlich sind...

Garcia: ... dabei ist das völlig unnötig! Wenn jemand von Haus aus laut und dominant ist, sollte er sich auch so darstellen. Wer aber leiser ist von seiner Art, sollte auch leiser agieren – aber nicht zwangsläufig weniger überzeugen. Wenn Sie mit Ihrer Stimme heruntergehen, sinkt auch oft der Geräuschpegel und man hört Ihnen zu. Alles, was dafür sorgt, dass Sie sich wohlfühlen und Sie ruhiger macht, sollten Sie tun. Dann werden Sie als authentisch wahrgenommen.

"Einen roten Kopf werden Sie nicht los"

LTO: In Ihrem Buch sprechen Sie Tipps an, wie mit der Stimme am Ende eines Satzes herunterzugehen und aus dem Bauch heraus zu atmen. Wie verhalte ich mich aber, wenn ich gleich zu Anfang rot anlaufe?

Garcia: Den roten Kopf werden Sie nicht los. Manche bekommen auch hektische Flecken am Dekolletee oder zitternde Hände. Das Interessante ist aber, dass solche Dinge vom Publikum nur sehr unterschwellig bis überhaupt nicht wahrgenommen werden, sobald jemand einen souveränen Auftritt hinlegt. Wird er aber fahrig, stottert oder produziert Blackouts, fällt der rote Kopf auf wie ein Leuchtfeuer.

LTO: Was tue ich, wenn mir die Situation und das Publikum zu entgleiten droht und die ersten anfangen zu tuscheln?

Garcia: Bevor man anfängt, sollte man immer warten, bis es still ist. Wenn um mich herum gesprochen wird, während ich etwas vortrage, höre ich auf zu reden und mache eine Pause. Generell, und um so etwas zu unterbinden, setze ich mich schon mal gar nicht vor meine Zuhörer, sondern stelle mich hin. Das hilft ungemein, weil ich dann eine andere Dominanz habe und schneller eingreifen kann. Ein Hilfsmittel ist, sich zu bewegen und auch mal von hinten zu kommen.

LTO: Darf man auch mal laut werden?

Garcia: Davon rate ich ab. Ich würde nie eingreifen oder um Ruhe bitten. Ich weiß ja, dass ich den Großteil der Aufmerksamkeit bereits habe und lächele erst mal die an, die zuhören und dann die, die reden. Wenn die merken, dass sich die Aufmerksamkeit auf sie richtet, bringt sie das meist rasch zum Schweigen.

LTO: Wie gehen Sie mit dummen Zwischenrufen und Kommentaren um?

Garica: Das sollte man nie persönlich nehmen, selbst, wenn es der Fall ist. Versuchen Sie Störfeuer als ein Angebot wahrzunehmen, auf das Sie eingehen können. Gähnt jemand laut, denken Sie nicht: Wie doof, der schätzt mich nicht, sondern sagen Sie ihm: Oh, jetzt habe ich wohl zu lange über diesen Punkt referiert. Seien Sie spontan und schlagfertig und zeigen Sie in diesen Fällen wenige Emotionen. Damit verlieren Sie nur Ihre Souveränität.

"Zwei, drei Stunden Stimmtraining schaffen Klarheit"

LTO: Wie bekomme ich mein eigenes Genervtsein am besten in den Griff?

Garcia: Wenn Sie etwas aufregt, sollten Sie die Pausen nutzen und sich nur auf Ihre Atmung konzentrieren: kurz einatmen, lange ausatmen. Der Körper schaltet sonst in Stresssituation auf Angriffsmodus. Im schlimmsten Fall wird dem Gehirn dabei Sauerstoff entzogen, was zum berühmten Blackout führt.

LTO: Was ist, wenn der Übeltäter die eigene Stimme ist? Gerade Frauen fällt es oft schwer, sich in größerer Runde Gehör zu verschaffen.

Garcia: Jemand weiß vielleicht, dass er zu schrill oder zu dünn klingt, aber nicht, ob sich darunter eine schöne Stimme verbirgt. Die kann mit der richtigen Technik durchaus rausgearbeitet werden. Wir klingen vielleicht wie ein Trabi, haben aber einen Porsche im Hals ohne es zu wissen. Zwei, drei Stunden Stimmtraining können da wichtige Klarheit schaffen. Unsere Wirkung wird schließlich zu knapp 40 Prozent über unsere Stimme wahrgenommen und nur zu sieben Prozent über den Inhalt. Die Stimme ist unser machtvollstes Werkzeug.

LTO: Sie sprechen in Ihrem Buch davon, körperliche Präsenz aufzubauen. Was ist damit gemeint?

Garcia: Ich arbeite oft mit Bildern. Einer meiner Klienten ist Rechtsanwalt, der wie ein Maschinengewehr geredet hat. Als bildliche Unterstützung habe ich ihm geraten, sich vorzustellen, riesige Engelsflügel zu tragen. Das hatte den Effekt, dass er während eines Vortrags, bei dem er merkbar zu schnell geworden war, nur ganz leicht seine Schulterblätter anhob und das Gefühl hatte, riesenhafte Schwingen zu bewegen und langsamer zu werden.

LTO: Sie haben vier verschiedene Kommunikationstypen herausgefiltert. Was macht sie aus?

Garcia: Das mag ein bisschen esoterisch klingen, aber dahinter verbirgt sich der Ansatz herauszufinden, welche Mischung von Typus man ist, um das konkret umsetzen zu können. Feuer steht für den Choleriker, der aber auch begeistern und flammend reden kann. Er ist kein Konfliktmanager. Bei Problemen haut er um sich, hinterlässt verbrannte Erde. Der Erdetypus ist überzeugend, macht Pausen, weiß, was er sagen will. Er macht nichts, was er nicht gut überlegt hat. Er ist kein Gefühlsmensch, macht keinen Smalltalk und ist eher langweilig. Bei Juristentreffen ist er der Typ, der in der Ecke steht und mit keinem spricht.

"Bei perfekten Redner schlafen mir die Füße ein"

LTO: Was ist mit den Kreativen und Emotionalen?

Garcia: Luft ist ein Smalltalker, ein verbindendes Element. Wenn ein Chef sehr stark Erde oder Feuer ist, hat er wenig Kontakt zu seinen Mitarbeitern. Wenn er schlau ist, sucht er sich eine Assistentin, die Luft oder Wasser ist, was verbindet. Den Wassermenschen macht Emotion aus. Er ist unglaublich empathisch, versetzt sich perfekt in andere. Er ist der Anwalt, dem ein Mandant vom Missbrauch in seiner Kindheit erzählt, der das aufgreift und nachfühlt, auch wenn er das selber nie erlebt hat. Oft wird er als seelischer Mülleimer benutzt, ist zu emotional und hat Probleme, Nein zu sagen.

LTO: Sie sagen, dass wir uns alle vom Typus her überschneiden. Wie nutze ich dieses Wissen für meine Kommunikationsfähigkeiten?

Garcia: Wenn ich weiß, welche Elemente in mir stecken, kann ich das in verschiedenen Kommunikations-Situationen optimal für mich anwenden. Der Wassertyp, der nicht Nein sagen kann, könnte lernen, diese Schwäche in den Griff zu bekommen indem er seine Erd- und Feuerseite kultiviert. Luft ist kreativ und neugierig, wenn ich aber in einen Konflikt komme, wäre es schlauer die Erde-Seite hervorzukehren und strategisch zu agieren. Wenn ich weiß, dass Feuer in mir ist, kann ich bei Konflikten den Raum verlassen. Es geht darum, sich bewusster wahrzunehmen, um entsprechend zu handeln zu können.

LTO: Das Ansinnen der meisten Redner ist es doch, seine Sache so perfekt wie möglich zu machen. Ist das überhaupt ein guter Ansatz?

Garcia: Ich finde nichts öder als Perfektion. Ein guter Vortragender sollte gerade möglichst nicht perfekt sein. Denn Perfektionismus schafft Distanz und die Leute nehmen von einem perfekten Menschen keinen Rat an. Man nimmt jemandem, der Fehler macht, sich mal verhaspelt, lacht oder improvisiert viel mehr ab. Außerdem schlafen mir und den meisten Menschen bei perfekten Rednern immer die Füße ein.

Isabel Garcia, "Ich rede – Kommunikationsfallen und wie man sie umgeht" ist im mvg Verlag erschienen.

Zitiervorschlag

Gil Eilin Jung, Kommunikationstraining: Der Porsche im Hals . In: Legal Tribune Online, 23.08.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1268/ (abgerufen am: 26.09.2020 )

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