LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Karriere an der Uni: Wie wird man eigentlich Professor, Herr Professor?

von Ludwig Hogrebe

24.07.2013

Die eigene Arbeit können sie sich aussuchen, einen Chef haben sie nicht und langweilige Aufgaben erledigt ein Mitarbeiterstab. Die Arbeitsbedingungen deutscher Juraprofessoren hören sich für viele geradezu traumhaft an. Aber was mussten die Hochschullehrer für ihre akademische Freiheit leisten? Die LTO hat nachgefragt und einige handfeste Hinweise erhalten.

Wer in Deutschland Hochschullehrer werden möchte, riskiert den Absturz aus luftigen akademischen Höhen bis in den gähnenden Schlund der Arbeitslosigkeit.

Examen, Promotion, Habilitation – bis Ende Dreißig kann es schon dauern, all die wissenschaftlichen Meriten anzusammeln, die einen keineswegs zum Professor, sondern zunächst lediglich zum Privatdozenten machen. Bevor man sich das weitaus würdevoller klingende "Prof." vor den Namen setzen darf, fehlt nämlich noch ein weiterer – durchaus gewichtiger – Schritt auf der Karriereleiter: Der Ruf an einen freien Lehrstuhl.

In einem Alter, in dem die ehemaligen Kommilitonen bereits um die dritte Beförderung und die vierte Gehaltserhöhung kämpfen, ist der Professor in spe der Gunst der Universitäten des Landes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das ist ein erhebliches Risiko, denn eine andere Karriere an der Universität ist für die meisten Privatdozenten nicht möglich und für Stellen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs ist ein Bewerber nach der Habilitation überqualifiziert.
Von diesen Unsicherheiten lassen sich viele Jungakademiker abschrecken. Die Professorin Remmert von der Universität Tübingen versichert jedoch, dass sich auch eine Karriere an der Universität planen lasse. Man müsse allerdings wissen, worauf es ankomme.

Zeitfenster von fünf Jahren nach der Habilitation

Eine juristische Fakultät sucht sich ihre Mitglieder aus wie jeder andere Arbeitgeber. Freie Stellen werden etwa in der Wochenzeitung Die Zeit oder über den Verteiler des deutschen Hochschulverbandes ausgeschrieben, und Bewerber mit guten Unterlagen zu einem Vorstellungsgespräch und einer Probevorlesung, dem sogenannten "Vorsingen", geladen.

Dort müssen sie eine Berufungskommission überzeugen, in der neben den zukünftigen Kollegen des eigenen Fachgebiets auch Studenten und Vertreter aus dem akademischen Mittelbau sitzen. Erfolgreiche Bewerber kommen auf eine Liste und werden der Reihe nach kontaktiert, ob sie den Lehrstuhl tatsächlich übernehmen wollen.

Die erste Hürde liegt jedoch schon darin, dass überhaupt eine geeignete Stelle frei werden muss. Wer sich auf abgelegene Materien wie das Weltraumrecht oder byzantinische Rechtsgeschichte spezialisiert, für den kommen in ganz Deutschland nur eine Handvoll Lehrstühle in Betracht. Wenn in der entscheidenden Phase nach der Habilitation keiner davon frei wird, ist die Karriere an der Universität oft zu Ende, bevor sie wirklich angefangen hat. Zwar ist es auch mit Fünfzig noch möglich, sich auf einen Lehrstuhl zu bewerben, aber Privatdozentin Kett-Straub aus Erlangen bestätigt, dass während eines Zeitfensters von vier bis fünf Jahren nach der Habilitation die besten Chancen auf eine Berufung bestehen.

Geschickte Wahl der Spezialgebiete

Professor Verse von der Universität Mainz berichtet von Kollegen, die daher schon als wissenschaftliche Assistenten recherchiert haben, wie alt die Lehrstuhlinhaber ihrer Fachgebiete sind und wann sie voraussichtlich emeritiert werden. Für nötig hält er das nicht, aber er rät dazu, sich nicht zu eng auf ein Fachgebiet zu konzentrieren, sondern in verschiedenen Themenbereichen zu publizieren, um für mehrere Stellen in Betracht zu kommen.

Umgekehrt kann in der streng vorgegebenen Ausrichtung der Lehrstühle jedoch auch eine Chance liegen. Die verschiedenen Fakultäten versuchen, sich durch die Benennung der Institute ein bestimmtes Profil zu bilden, erläutert Kett-Straub. Sucht die Universität eine ungewöhnliche Fächerkombination, kann das die Chancen geeigneter Bewerber drastisch erhöhen.

Nach der Erfahrung der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg können sich auf einen zivilrechtlichen Lehrstuhl durchaus ein Dutzend oder mehr Privatdozenten bewerben. Bei spezielleren Fächerkombinationen verdichtet sich das Bewerberfeld allerdings beispielsweise auf fünf Kandidaten, von denen letztlich nur einer eingeladen wird, der in allen gesuchten Bereichen gute Beiträge publiziert hat.

Zitiervorschlag

Ludwig Hogrebe, Karriere an der Uni: Wie wird man eigentlich Professor, Herr Professor? . In: Legal Tribune Online, 24.07.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9204/ (abgerufen am: 21.10.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 25.07.2013 12:33, A.S.

    Guter Artikel, der die Situation treffend wiedergibt.

    1. Vielleicht würde ich nur insoweit korrigieren, dass jedenfalls in der Rechtswissenschaften ein "gescheiterter" PD bzw. apl. Prof. auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs sein Auskommen finden wird.

    2. "Frauen haben es schwerer – und leichter" ist eine zutreffende und erfreulich unaufgeregte Darstellung der Situation. Für eine habilitierte, ungebundene Frau ist es sicherlich mancherorts sehr gut möglich, aufgrund von politischen (z.T. absurden) Quotenerwartungen an eventuell besser qualifizierten Männern vorbeizuziehen und Rufe zu sammeln. Nachteilig und arbeitsaufwändig sind dagegen Einladungen als Zählkandidatin. Leider haftet auch jeder berufenen Frau ein gewisser Makel an, auch wenn sie in Wahrheit die Bestqualifizierte war. Unbestritten schwerer ist es allerdings überhaupt die Qualifikation zu erwerben, weil die Habilitationsphase mit der Familiengründungsphase zusammenfällt.

  • 25.07.2013 14:09, M.G.

    Viel interessanter fänd ich ja, was die Profs eigentlich den ganzen Tag machen. Die Vorlesungen machen vielleicht 5 SWS im Schnitt aus, dazu noch Vor- und Nachbereitung. Und der Rest? Sich irgendwelche Mindermeinungen ausdenken, um zitiert zu werden?

    • 25.07.2013 17:51, A.S.

      Was Richter oder Rechtsanwälte so die ganze Woche wohl machen? Einen Verhandlungstag und dann etwas Vor- und Nachbereitung ... Das meine ich natürlich nicht ernst. Über zu wenig Arbeit brauchen sich auch Professorinnen und Professoren nicht zu beschweren, unter 40 Stunden arbeitet wohl keiner, über 50 Stunden viele. Die reine Lehrverpflichtung beträgt übrigens mind. 8 Stunden pro Woche.

    • 26.07.2013 05:44, M.G.

      Da haben Sie mich falsch verstanden. Ich behaupte gar nicht, dass die Professoren den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen und nichts tun. Es ist nur für mich nicht ersichtlich, was ihre Tätigkeit außer den Lehrverpflichtungen umfasst. An unserer Fakultät hat ein Professor in diesem Semester Lehrveranstaltungen mit 4 SWS gehalten. Dazu kommt natürlich, das von Mitte Juli bis Oktober keine Vorlesungen sind. Es fällt mir schwer zu glauben, dass er allein durch die direkt mit den Vorlesungen verbunden Verpflichtungen auf eine 40-Stunden-Woche kommt. Aber wie gesagt, ich weiß es ja auch nicht. Deshalb fänd ich es ja interessant, mal so einen typischen Wochenablauf eines Jura-Profs zu erfahren, und zwar einmal in der Vorlesungszeit und einmal außerhalb.

    • 25.03.2017 23:38, PSF

      Was der Professor so den ganzen Tag macht?

      Doktoranden betreuen, Bachelorarbeiten und Masterarbeiten korrigieren, Klausuren korrigieren, einen Lehrstuhl mit zig Mitarbeitern führen (das ist nicht nur Entlastung, sondern durchaus Arbeit, weil jeder Mitarbeiter auch gelegentlich betreut werden muss), Gutachten verfassen, Kommentare, Lehrbücher usw. verfassen, Vorträge vorbereiten und halten, Konferenzen veranstalten, und dann - nicht zu vergessen - die aufwendigen Aufgaben universitärer Selbstverwaltung. All das frisst sehr viel Zeit, auch wenn das für die Studierenden vielleicht oft nicht erkennbar ist.

  • 26.07.2013 11:34, A.S.

    Der Unterton klang doch arg negativ ("Sich irgendwelche Mindermeinungen ausdenken, um zitiert zu werden?"), dass man eigentlich nicht darauf antworten sollte. Nun habe ich es getan: Die Aufgaben liegen in Forschung und Lehre sowie in der universitären Selbstverwaltung und der Mitarbeiterführung. Schauen Sie z.B. einmal auf das Schriftenverzeichnis Ihrer Professorin oder Ihres Professors. Als Studierende/r braucht man doch auch 3-4 Wochen für eine Haus- oder Seminararbeit (entspricht von der zeichenzahl etwa einem größeren Aufsatz) - zu Problemen für die es meist schon fertige Lösungen gibt. Ansonsten macht es einfach die Masse der Dissertationen, Magisterarbeiten, Examensklausuren etc., die alle betreut, gelesen und erst- und zweitbegutachtet bzw. fair benotet werden müssen. Das müssen Sie einfach einmal hochrechnen. Dann wundert man sich, wie man mit 40 Std. auskommt.

    • 05.08.2013 19:15, JD

      Muss das sein, selbst in einem Forum die Leserschaft mit der durchgegenderten Sprache zu quälen?

  • 04.08.2013 19:09, LTO-Leser

    @ M.G.:

    Martinek, Der faule Rechtsprofessor, JuS 1997, 281

    http://archiv.jura.uni-saarland.de/projekte/Bibliothek/text.php?id=274

    • 04.08.2013 20:11, M.G.

      Danke, sehr interessant und auch amüsant. Das Ende war aber absehbar :)

  • 16.10.2013 10:27, C.D

    A.S.,
    erklären Sie mir doch bitte, weshalb die Habilitationsphase für eine Frau oder überhaupt für jemanden, der familiär gebunden ist, schwierig sein sollte.

    Mir fällt so spontan kaum eine Tätigkeit ein, die besser mit Familienplanung harmoniert, als diese: Meist ist man als AR / Wiss Mit nur sehr schwach an den Lehrstuhl gebunden, die meisten Tätigkeiten können auch von zuhause aus erledigt werden und da man meist ein Einzelbüro erhält, kann man recht problemlos sein Kind mitnehmen. Welcher Beruf erlaubt das schon? Die äußerst geringen Präsenzzeiten an den Lehrstühlen führen jedenfalls dazu, dass ich diese ständige "Frauen sind strukturell benachteiligt"-Leier zumindest für Geisteswissenschaften bestreiten möchte.

    Beste Grüße,

    • 21.12.2014 00:47, Jurahabilitandin

      Eine Habilitation bzw. wissenschaftliches Arbeiten erfordert - wie andere geistige Arbeit auch - Konzentration am Stück. Genausowenig, wie der Anwalt oder die Richterin wirklich Schriftsätze/Urteile verfassen kann, wenn ein Kind im Zimmmer herumspringt (die sind ja selten still), kann dies der Habilitand/die Habilitanndin.

      Die Probleme liegen aber ganz woanders (Für oben genanntes gibt es ja Kinderbetreuungsmmöglichkeiten): zwingende Ortswechsel, ständige Präsenz in der Community, TAgungen, Lehrstuhlvertretungen, hohe Stundenzahl/Woche - alles nicht sonderlich familienfreundlich. Oder, wenn man die Familienzeit ernst nimmt, nicht sehr karriereförderlich.

      Jetzt könnte man natürlich sagen: das trifft Männer genauso. Das stimmt aber nur zum Teil - denn viele haben immer noch klassische Beziehungen, während die Habilitandin einen Vollzeit arbeitenden Mann hat und eben selbst nicht Teilzeit arbeiten kann.

  • 13.01.2017 14:45, THEBEST

    nix verstanden

  • 09.06.2018 23:28, Knövenagel

    Die Habilitationsphase dürfte eine relativ entspannte, „behütete“ Zeit sein, auch und gerade für Frauen. Ordentliches Gehalt, sicherer (befristeter) Job am Lehrstuhl. Man muss dann halt doch Prioritäten setzen bzgl. der Kinder, was immer eine sehr individuelle Entscheidung ist.