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Themenwoche Anwalt & Technik: Die digitale Kanzlei - Losgelöst von Zeit und Raum

von Timo Conraths

18.02.2014

2/2: Die Wohnzimmerkanzlei 2.0

Für Martin Quirmbach ist die Arbeit mit den digitalen Akten hingegen essentiell. Nicht nur für sein Berufs-, sondern auch und vor allem für sein Privatleben. Denn Quirmbach lebt mit seiner Frau in Kanada. Seine Kanzlei Quirmbach und Partner, deren Gründer und Partner er ist, befindet sich aber in Montabaur, in der Nähe von Koblenz. Er selbst ist dort eher selten anzutreffen, denn seine Mitarbeiter lassen ihm die relevanten Dokumente digitalisiert über das Internet zukommen. Über einen Terminalserver hat er Zugriff auf den gesamten Dateninhalt der Kanzlei.

Den Umgang mit den Mandanten erschwere das nicht, erklärt er. Immerhin trennen ihn und seine Mandanten nicht nur der Atlantik, sondern auch fünf Stunden Zeitverschiebung. "Ganz im Gegenteil", erwidert Quirmbach. Die Mehrzahl der Mandanten sei von seiner Arbeitsweise begeistert. Die Kommunikation erfolge fast vollständig über die angelegte virtuelle Akte. Dadurch hätten sowohl der Mandant als auch Quirmbach jederzeit Zugriff auf die relevanten Dokumente.

Die Zeitverschiebung komme ihm sogar noch zugute: "Oft haben Mandanten noch spät am Abend Fragen an den Anwalt, die sie den ganzen Tag über nicht stellen konnten, weil sie noch auf der Arbeit waren. Wenn sie mich dann abends anrufen, ist es in Kanada gerade erst Nachmittag und ich habe genügend Zeit und Kraft, die Fragen ausführlich zu beantworten." Und danach sei immer noch Zeit zum Segeln oder zum Angeln. Das hört sich fast zu gut an, um wahr zu sein.

Nehmen Sie bitte Platz im virtuellen Konferenzraum!

Einen ähnlichen Schritt ging Stefan Ansgar Strewe. Seit 1999 betreibt der Rechtsanwalt unter der Webadresse www.advo24.de eine virtuelle Kanzlei. Zwar gibt es auch hier eine reale Kanzlei im Hintergrund, aber vieles spielt sich bereits ausschließlich im Internet ab: "Die Bearbeitung eines Mandats beginnt mit einer Anfrage, welche der Mandant uns im virtuellen Konferenzraum stellt. Wir prüfen diese, stellen gegebenenfalls weitere Nachfragen und unterbreiten sodann ein verbindliches Angebot."

Dies alles findet in einer virtuellen Akte statt. Über Neueinträge werden sowohl Strewe als auch der Mandant sofort per neutraler E-Mai informiert. Was einmal als Akquisitionsinstrument gedacht war, ist heute für Strewe vor allem ein Werkzeug sicherer Kommunikation und übersichtlicher Aktenentwicklung. Auch die Mandanten nutzten die virtuelle Akte zunehmend, um die umständliche E-Mail-Verschlüsselung zu vermeiden. "Datensicherheit muss auf dem Stand der Technik sein. Gerade deshalb müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche sinnvollen Alternativen zur E-Mail es heute geben kann."

Auch Strewe hatte persönliche Gründe für die Digitalisierung. Der Beginn seiner selbstständigen Tätigkeit fand an seinem Schreibtisch statt. Und der stand im ehelichen Schlafzimmer. "Von Beginn an habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie man Mandanten akquirieren und betreuen kann, ohne auf eine repräsentative Kanzlei aus Stein und Mörtel angewiesen zu sein."

Das hat ihn weit gebracht. Seit 2002 ist Strewe Partner der Kanzlei esb Rechtsanwälte und betreut in einer großzügigen Dresdner Villa, umrahmt von einem parkartigen Grundstück, Großmandanten aus Wirtschaft und Verwaltung. "Stimmt, heute gibt es hier viel Stein und Mörtel!" schmunzelt Strewe und lässt seinen Blick durch die Empfangshalle schweifen. "Aber ohne Digitalisierung stünde ich wahrscheinlich jetzt nicht hier. Die virtuelle Kanzlei war der Grundstein meiner anwaltlichen Selbständigkeit und ist heute für die sichere Kommunikation mit unseren Mandanten nicht mehr wegzudenken."

*Name von der Redaktion geändert

Zitiervorschlag

Timo Conraths, Themenwoche Anwalt & Technik: Die digitale Kanzlei - Losgelöst von Zeit und Raum . In: Legal Tribune Online, 18.02.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/11033/ (abgerufen am: 16.02.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 21.02.2014 03:47, Rechtsanwaltservice

    Alles elektronisch ist nicht seriös! Klar - es macht Sinn mit fernkommunikativen Mitteln zu arbeiten und alles zusätzlich zu digitalisieren. Aber die eigentliche Arbeit an der Akte ist auf Papier viel effektiver. Man gleichzeitig mehrere Seiten nebeneinander legen - was sonst zig Bildschirme benötigte, die man dann aber nicht lesen und bedienen könnte. Auch das Anfertigen von Notizen, Merkzetteln (3M) oder reitern ist dem Papier vorbehalten. Und daran wird sich auch nichts ändern, denn die Fehleranfälligkeit auf dem Schirm ist zu groß. Und wenn ich höre 'Tablet', dann weiß ich, jetzt haben wir das Büro verlassen und sind im Kinderzimmer! Mit einem Tablett kann man ja nun auß rumspielen gar nichts anfangen- die werden auch bald wieder - wenn die dümmliche Hype over ist - wieder vom Markt verschwinden! R.

    • 20.01.2016 18:37, Peter Wagner

      Sorry ... das ist einfach nur geistiger Dünnschiß!

  • 09.03.2014 00:21, Itendant

    Ich finde das alles nicht sehr modern, was hier geschildert worden ist. Das ist in den Kanzleien, die auf der Höhe der Zeit sind, absoluter Standard. Die Herausforderungen sind heute viel eher in dem Bereich Wissensmanagement und in der optimalen Organisation der Abläufe einer Kanzlei zu meistern. Hinzu kommt das Thema Videokonferenz, das einer Rechtsverweigerung gleichkommt, was die Gerichte angeht. Und das EGVP? Haben bestenfalls 5% aller Gerichte. Und eins stimmt auch: trotz aller Digitalisierung ist man in einer gut organisierten Papierakte deutlich schneller orientiert.