Themenwoche Anwalt & Technik: Die digitale Kanzlei - Losgelöst von Zeit und Raum

von Timo Conraths

18.02.2014

Die Kanzlei der Zukunft ist digital. Während einige Anwälte der fortschreitenden Digitalisierung noch skeptisch gegenüberstehen, ist sie für andere bereits unverzichtbar. Wie sonst könnte man tagsüber Mandanten in Deutschland betreuen und nach Feierabend in Kanada angeln gehen? LTO hat mit digitalen Pionieren gesprochen und ist auf faszinierende Möglichkeiten gestoßen.

Als Gottfried Wilhelm Leibnitz Anfang des 18. Jahrhunderts das duale Zahlensystem mitbegründete und damit den Grundstein der Digitalisierung legte, konnte er nicht ahnen, welchen Einfluss er einmal auf den Arbeitsalltag von Markus Wekwerth haben würde. Der 38-jährige Jurist arbeitet nur noch digital. Keine Papierordner mehr, keine analogen Diktiergeräte. Stattdessen Smartphone und Tablet. So sieht er den Anwalt von morgen.

Als ich ihn anrufe, ist Markus Wekwerth wieder einmal im Büro, aber das müsste er eigentlich gar nicht sein. Die Stuttgarter Kanzlei Kurz Pfitzer Wolf, deren Partner er ist, ist komplett digitalisiert. Sobald Schreiben, sei es von Rechtsanwälten, sei es von Mandanten, eintreffen, werden sie sofort gescannt und auf den kanzleieigenen Server hochgeladen. Dort kann Wekwerth über eine gesicherte Verbindung von überall auf der Welt auf die Dokumente zugreifen. Sein Telefon im Büro wird ohnehin auf sein Handy umgeleitet. Der Mandant bekommt davon regelmäßig nichts mit.

Ein analoges Leben kann sich der promovierte Rechtsanwalt nicht mehr vorstellen. "Ich mag die Arbeit mit Papier einfach nicht. Die Handhabung mit den digitalen Dokumenten ist tausendmal effektiver." So könne er sich an seinem Tablet Notizen machen, die über den Server automatisch in die digitale Akte übertragen werden und somit auch den Kollegen in der Kanzlei zur Verfügung stünden. Dadurch gehe nichts mehr verloren und sei über eine Schlagwortsuche einfach wiederzufinden. Verlorengegangene Dokumente gehörten damit der Vergangenheit an.

Und der klassische Aktenordner? Das Gürteltier, das einen Anwalt normalerweise wie ein treuer Schoßhund in jede Gerichtsverhandlung begleitet? "Das ist mir zu umständlich. Da muss ich mich immer fragen, welche Akten ich nun zum Termin mitnehme und welche nicht – und das schon Tage vorher, weil ich oft unterwegs arbeite und nicht im Büro bin." Über sein Tablet habe Wekwerth stattdessen alle Akten stets griffbereit und kann diese je nach Bedarf auch herunterladen.

Digital ist unsicher, oder etwa nicht?

"Schrecklich", findet Martin Bergmann* diese Vorstellung. Der 43-jährige Rechtsanwalt gehört zu den vielen Skeptikern unter den Juristen, die sich um die Sicherheit der Akten Sorgen machen. Er will nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden, denn wer will schon als Fortschrittsbremse gelten? Dennoch erzählt er mir, was viele Anwälte denken: "Wenn man alles digitalisiert, eröffnet man Unberechtigten neue Wege, auf die Dokumente zugreifen zu können. Das möchte ich meinen Mandanten ersparen."

Digital sei ja schön und gut. Auch Bergmann hat eine eigene Webseite und kommuniziere mit vielen seiner Mandanten via E-Mail. Dennoch hält er an seinen Papierakten fest. Aus gutem Grund, wie er findet: "Ein Rechtsanwalt ist zur Vertraulichkeit angehalten. Den Zugriff auf die Dokumente von außerhalb der Kanzlei zu ermöglichen, ist in der Hinsicht eindeutig ein Schritt in die falsche Richtung."

Auch der Umgang mit den digitalen Akten sei gewöhnungsbedürftig. "Das Gefühl des Papiers ersetzt mir doch niemand. Ein Dokument auf einem Bildschirm zu lesen ist einfach nicht das Gleiche." Die Arbeit mit den Papierakten schone nicht nur die Augen, sie sei auch natürlicher, so Bergmann. "Wenn mir spontan etwas einfällt, so notiere ich mir das schnell auf ein Blatt Papier. Dafür brauche ich nicht meinen Computer zu starten."

Zitiervorschlag

Timo Conraths, Themenwoche Anwalt & Technik: Die digitale Kanzlei - Losgelöst von Zeit und Raum . In: Legal Tribune Online, 18.02.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/11033/ (abgerufen am: 23.01.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 21.02.2014 03:47, Rechtsanwaltservice

    Alles elektronisch ist nicht seriös! Klar - es macht Sinn mit fernkommunikativen Mitteln zu arbeiten und alles zusätzlich zu digitalisieren. Aber die eigentliche Arbeit an der Akte ist auf Papier viel effektiver. Man gleichzeitig mehrere Seiten nebeneinander legen - was sonst zig Bildschirme benötigte, die man dann aber nicht lesen und bedienen könnte. Auch das Anfertigen von Notizen, Merkzetteln (3M) oder reitern ist dem Papier vorbehalten. Und daran wird sich auch nichts ändern, denn die Fehleranfälligkeit auf dem Schirm ist zu groß. Und wenn ich höre 'Tablet', dann weiß ich, jetzt haben wir das Büro verlassen und sind im Kinderzimmer! Mit einem Tablett kann man ja nun auß rumspielen gar nichts anfangen- die werden auch bald wieder - wenn die dümmliche Hype over ist - wieder vom Markt verschwinden! R.

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    • 20.01.2016 18:37, Peter Wagner

      Sorry ... das ist einfach nur geistiger Dünnschiß!

  • 09.03.2014 00:21, Itendant

    Ich finde das alles nicht sehr modern, was hier geschildert worden ist. Das ist in den Kanzleien, die auf der Höhe der Zeit sind, absoluter Standard. Die Herausforderungen sind heute viel eher in dem Bereich Wissensmanagement und in der optimalen Organisation der Abläufe einer Kanzlei zu meistern. Hinzu kommt das Thema Videokonferenz, das einer Rechtsverweigerung gleichkommt, was die Gerichte angeht. Und das EGVP? Haben bestenfalls 5% aller Gerichte. Und eins stimmt auch: trotz aller Digitalisierung ist man in einer gut organisierten Papierakte deutlich schneller orientiert.

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