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"Perspektiven für Juristen 2015": "Die Gehaltsunterschiede bleiben riesig"

Interview mit Constantin Körner

05.01.2015

2/2: Die Unternehmen holen auf

LTO: Wie halten es die Unternehmen mit den Einstiegsgehältern in ihren Rechtsabteilungen?

Wittekindt: In Unternehmen hängt das Einstiegsgehalt entscheidend von der Größe und von der Branche ab. DAX-Unternehmen mit größeren Rechtsabteilungen wie Siemens oder BMW zahlen derzeit je nach Zusatzqualifikation 85.000 bis 90.000 Euro. Zweimal "Voll befriedigend", Dr. iur. oder LL.M. sind auch hier fast immer obligatorisch.

Bei Mittelständlern, wo die Rechtsabteilung nur aus ein bis drei Juristen besteht, muss der angehende Jurist sich oft mit 48.000 bis 60.000 Euro zufriedengeben. Im Bereich Banken und Versicherungen, Technologie, Pharma und Chemie sind die Einstiegsgehälter höher als in den Bereichen IT, Telekommunikation oder im Medienbereich.

Man darf dabei nicht vergessen, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern oft zusätzliche Sozialleistungen offerieren, welche neben einer Regelarbeitszeit von 40 Wochenstunden für manchen Bewerber den Ausschlag für einen Einstieg geben. Aber auch Unternehmen können sich dem "War for Talents", dem Kampf um die besten Nachwuchsjuristen, nicht entziehen, was dazu geführt hat, dass die Einstiegsgehälter in den letzten Jahren deutlich angehoben wurden.

Eintrittskarte persönlicher Kontakt

LTO: Lassen Sie uns die freie Wirtschaft verlassen und den öffentlichen Dienst betrachten. Bekanntlich ist die Haushaltskasse von Bund, Ländern und Kommunen leer. Gleichzeitig stehen aber überdurchschnittlich viele altgediente Juristen vor der Pensionierung. Zahlt sich das für den juristischen Nachwuchs aus?

Wittekindt: Die Stellensituation im öffentlichen Dienst ist stabil. Entscheidendes Kriterium für den Einstieg bleiben die Examensnoten. 9 Punkte müssen es in der Regel mindestens sein. Vereinzelt können auch mal weniger als 9 oder weniger als 8 Punkte ausreichen.

Aber: Freigewordene Stellen werden oft nicht nachbesetzt. Selbst eine Pensionierungswelle dürfte daran nichts ändern. Und auch im öffentlichen Dienst werden Stellen zunehmend nur noch befristet ausgeschrieben.

LTO: Was sollte der juristische Nachwuchs bei der Stellensuche besonders beachten?

Wittekindt: Im Zeitalter von Internet und Social Media gelangen viele offene Positionen gar nicht mehr "auf den Markt", Print-Anzeigen nehmen weiter ab, Anzeigen in Jobportalen werden von Woche zu Woche recycelt und wieder neu eingestellt, obwohl sie oft gar nicht mehr aktuell sind.

Der persönliche Kontakt, das individuelle Gespräch, das Praktikum oder die Wahlstation sind daher mehr denn je Trumpf und oft Eintrittskarte für den erfolgreichen Start.

Ohne Doppel-VB und Dr.-Titel: auf Umwegen zum Ziel

LTO: Sie nannten vorhin Kriterien, die häufig Bedingung für eine Einstellung seien. Wie steht es um die Einstiegsperspektiven, wenn diese nicht erfüllt werden? Das galt und gilt ja immerhin für die ganz überwiegende Mehrheit der juristischen Absolventen.

Wittekindt: In der Tat stellt sich vielen Absolventen, die keine vollbefriedigenden Examina oder sonstigen Zusatzqualifikationen vorweisen können, die Frage, welche Alternativen es zum Berufseinstieg bei Staat, Großkanzlei oder Rechtsabteilung eines Unternehmens gibt.

Diese Kandidaten kann man beruhigen. Zunächst gibt es sowohl beim Staat als auch bei Kanzleien und in Unternehmen durchaus Möglichkeiten, spannende und verantwortungsvolle Positionen zu besetzen. Einen großen Bedarf an Juristen haben nach wie vor die "Big Four" der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften wie Deloitte oder Ernst & Young, die mittlerweile alle auch einen Legal-Bereich unterhalten.

Man darf sich hier nur nicht zu sehr auf eine bestimmte Position fixieren, sondern muss eventuell Umwege gehen. Also Berufserfahrung sammeln, um dann nach einigen Jahren dort anzukommen, wo man vielleicht von vornherein hinwollte.

Aber auch Verbände, Kammern, die Verwaltung des Deutschen Bundestags, das Auswärtige Amt, die BaFin, die GIZ oder das Bundeskartellamt, europäische oder internationale Organisationen haben einen konstanten Bedarf an jungen Juristen und können ein exzellentes Karrieresprungbrett sein.

LTO: Herr Dr. Wittekindt, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Christoph Wittekindt ist Leiter von Legal People, einem auf die Vermittlung von Juristen spezialisierten Personalunternehmen.

Das Interview führte Constantin Körner.

"Perspektiven für Juristen 2015" vom Karrierenetzwerk e-fellows.net ist im Oktober 2014 erschienen, zum Preis von 19,90 Euro im Buchhandel (ISBN 978-3-941144-54-5) erhältlich und enthält weitere Infos über den juristischen Arbeitsmarkt sowie Tipps für die Studien- und Karriereplanung.

Zitiervorschlag

Constantin Körner, "Perspektiven für Juristen 2015": "Die Gehaltsunterschiede bleiben riesig" . In: Legal Tribune Online, 05.01.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14264/ (abgerufen am: 22.09.2020 )

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Kommentare
  • 05.01.2015 14:42, Hans Castorp

    Sehr informatives Interview - was hat sich bitte geändert? Nix. 2x VB = keine Probleme, 2x befriedigend = keine großen Probleme, 2x ausreichend = warm anziehen. Wobei - ich kenne auch doppel-ausreichend Kandidaten, die ordentliche Jobs gefunden haben mit ca. 38.000 brutto p.a. bei 38 Stunden pro Woche... Also: immer Eiter weiter!

    • 22.09.2015 10:42, RA

      Es gibt zu viele Juristen. Die Anzahl hat sich in den letzten 25 Jahren verdreifacht !Dementsprechend schlecht sind auch ihre Einkommenschancen. Ich kann Ihnen nur zustimmen, mit zwei ausreichend oder einem ausreichend und einem befriedigend bzw. zwei unteren befriedigend sind Sie als Volljurist nichts wert. Und immerhin haben über 40% der Absolventen diese Noten. Sittenwidrige Einstiegsgehälter und Hungerlöhne sind dann keine Ausnahmen. Die Kommentare und Berichte, die man in Presse und Netzt über angebliche satte Gehälter der Advokaten liest, betreffen ausschließlich (!) Prädikatsjuristen, also 15% aller Absolventen.
      Wer als angestellter Jurist in einem kleinen Unternehmen (die größerern nehmen nur Prädikatbewerber) 50.000,00 EUR Brutto Jahresgehalt verdient, kann sich sehr glücklich schätzen.

  • 08.01.2015 16:29, Lex Nevel

    Tja, die "willigen Helfer" sind immer willkommen. Viel Spaß im Hamsterrad auf Zeit!

  • 08.01.2015 21:16, BS

    @Hans Castorp

    Ich finde es trotzdem ziemlich ernüchternd nach knapp 8 Jahren Ausbildung mit BRUTTO 38.000 EUR Jahresgehalt dazustehen. Das sind im Monat NETTO keine 2.000 EUR und auch die muss man ja erst einmal bekommen...

    • 19.02.2015 16:19, Jens

      Wo nehmen Sie die 8 Jahre Ausbildung her?

    • 19.02.2015 16:50, Bs

      2Jahre Referendariat und innerhalb der Regelstudienzeit 5 Jahre Studium + ca. 6 Monate Wartezeit

    • 19.02.2015 17:01, Jens

      Regelstudienzeit sind 4,5jahre + 2 Jahre Referendariat = 6,5 Jahre. Wartezeiten zähle ich nicht unter Ausbildung. 8 Jahre sind wirklich sehr großzügig m.E.

    • 19.02.2015 18:34, BS

      Naja, bis das Ergebnis da ist, ist das bei Ihnen fehlende Semester auch wieder da und wir sind bei 5 Jahren.
      Wartezeit= Nebenjob/Praktika und gehört damit wohl auch zur Ausbildung. So oder so brauchen wir nicht über +/- ein Jahr diskutieren. auch nach 7 Jahren Ausbildung, wenn man zum schnellen Eisen gehört, ist arm, monatlich keine 2.000€ netto zu bekommen..

  • 09.01.2015 11:22, Marder Hansen

    Als Student und Referendar liest man solche Artikel voller Angst und Bangen ob seiner beruflichen Zukunft und stellt sich die Frage, ob man nicht doch etwas anderes hätte studieren sollen.

    Als Berufseinsteiger in einem Unternehmen der Energiebranche kann ich darüber mittlerweile nur lachen und raten, sich eben nicht von diesen angeblichen "must-haves" einschüchtern zu lassen.

  • 10.01.2015 17:57, blubber

    In Artikeln dieser Art ist eigentlich immer die Rede von Zivil- und Wirtschaftsrechtlern. Vielleicht am Rand noch von Juristen des öffentlichen Rechtes, die die typischen Arbeitsthemen dieser Branchen von Seite des Staates her angehen.
    Ich fände es sehr, sehr interessant, wenn ihr mal die Situation von Strafrechtlern beleuchten würdet. Vom Kleinen Strafrechtsanwalt bis hin zu Kanzleien mit Spezialisierung auf teuerstrafrecht.
    Ich habe mal gehört, dass es einige, wenige Anwälte gibt, die sich vollständig auf Revisionen verlegt haben und damit auch sehr gutes Geld verdienen. Inwiefern ist da was dran? Als Student kann man das einfach nicht beurteilen.

    Ein wenig Aufklärung fände ich super!

    • 22.09.2015 10:47, RA

      http://strafblog.de/2012/03/30/ziemlich-jammerlich-was-anwalte-so-verdienen/

      Als selbständiger Strafverteidiger nach vielen Jahren ca. 2500,00 EUR Netto monatlich.

  • 15.06.2015 13:56, AW

    Moin,

    ich bin zufällig hier gelandet. Ich bin selbständiger RA (von Anfang an) und habe die ersten beiden Jahre meines Berufes dafür bezahlt, dass ich 60 Stunden (Akquise, Orga etc. inbegriffen) arbeiten durfte. Gehalt, wenn man es so nennen will, habe ich schrittweise dann von rot auf schwarz bringen können. Nach 4 Jahren lief es dann so, dass ich regelmäßig und verlässlich, auch der Höhe nach, Einkommen aus den Kanzleigewinnen hatte. In der Zeit hätte selbst ein Eintseiger mit 38.000 € schon einen Vorsprung von sicher mehr als 70.000 € gehabt. Wir stellen auch Kollegen/Innen ein. Wenn ich dann höre, dass 38.000 € bzw. rund 2.000 € netto für jemanden, der nach seiner Ausbildung in der Kanzlei ja nicht viel mehr weiß als in der Woche vorher, als er die Referndarzeit abschloss und noch keinerlei Akquiseerfahrungen hat, dazu führen, dass er es sich mit der Berufswahl noch einmal überlegt, dann sage ich: Überlegt weiter und macht was anderes. Alle anderen bewähren sich mit der Zeit und dann steigt ja auch das einkommen...

  • 10.10.2015 23:56, Spormann

    Hans Castorp schrieb: "Ich finde es trotzdem ziemlich ernüchternd nach knapp 8 Jahren Ausbildung mit BRUTTO 38.000 EUR Jahresgehalt dazustehen. Das sind im Monat NETTO keine 2.000 EUR...". Da frage ich mich nach dem Grund dieser Ernüchterung. Dem Einsender ist vermutlich noch nicht aufgegangen, dass er selbst es ist, der sein Gehalt bestimmt. Wenn er zum wirtschaftlichen Erfolg der Kanzlei beiträgt, also aquisestark, fleißig und fachlich kompetent ist, also wenn mit seiner Hilfe Umsatz generiert wird, kann er viel mehr verdienen. Wenn er die Erwartungen nicht erfüllt, können schon 38.000 Euro brutto p.a. zu viel sein, man wird sich von ihm trennen. So einfach ist das.

  • 10.08.2016 15:01, juri

    Sicherlich kann eine Kanzlei nicht mehr fur einen Mitarbeiter ausgeben als sie verdient. Die Honorare fliessen nicht so gut wie bei Groskanzleien. Es ist leider auch noch viel Einarbeitung trotz Referendariat notig

  • 19.04.2017 22:20, Winston Smith

    Schaue gerade Fußball... Dortmund gegen Monaco UEFA Champions League... ich denke das wird nichts mehr für die Borussia! Zum Thema: Jura ist schon ok aber ich könnte mir auch vorstellen mit was anderem mein Geld zu verdienen. Dabei mache ich so gut wie nichts juristisches! Na ja, wie sagt man so schön: Ente gut, alles gut (Carl Barks).

  • 01.08.2017 11:37, Rechtsanwalt

    So ziemlich alle im Netz zu lesenden Einkommenszahlen sind nach meiner Auffassung falsch. Juristen sind eben ein stolzes Volk. Zunächst kenne ich kaum eine kleinere Kanzlei, die noch das Risiko eines fest angestellten Anwalts auf sich nehmen möchte. Und als freier Mitarbeiter hat man einen schweren Weg vor sich. Wenn doch, dann ist das Einkommen lausig. Es gibt so gut wie keine Steigerung. Auch gute Examensnoten helfen nicht, da jeder Jurist ausgesprochen einfach zu ersetzen ist.
    Frauen sind meist auf Familienrecht beschränkt, da in anderen Bereichen die Mandanten ausbleiben. Entsprechend eng ist es auf dem Markt. Die Zahl der auf den Markt drängenden Absolventen steigt stetig, die Zahl der potenziellen Mandanten nicht. Immer höher steigende Umsätze sind da nicht möglich.
    Einen Anwalt können sich nur Arme und Reiche leisten. Arme bekommen einen Beratungsschein. Sie können PKH beantragen. Reiche haben oft eine RSV. Für den Rest sind die Kosten und das Risiko zu hoch.
    Wenn die Bevölkerung verarmt, dann kann sie sich auch nicht um Geld streiten. Folglich verdient auch der Anwalt nichts. Jeder Leser soll sich mal selbst fragen, ob er persönlich eine Rechnung von 1000.- oder 1500.- so einfach bezahlen könnte. MIt einem Nettoeinkommen von angeblich 3200.- soll man zu den oberen 10% der Bevölkerung gehören. Vermögende sind allerdings da nicht berücksichtigt.
    Nach den im Netz zu lesenden Einkommen müsste jeder Anwalt locker unter den oberen 10% liegen. Das ist nicht so. Ich habe was von Einkünften (bitte Einkünfte, Gewinn, Bruttoeinkommen und Nettoeinkommen unterscheiden) von durchschnittlich 200.000.- gelesen. Man müsste im Monat Rechnungen für 16.700.- schreiben und auch bezahlt werden. Und da wäre die Umsatzsteuer schon abgezogen. Das halte ich für sehr optimistisch.
    Auch die Unkosten stimmen nicht. Man zahlt als Einzelanwalt Miete für ein Büro. Das sind etwa 400.- bis 800.-. inkl. Umsatzsteuer. Die Software kommt auf etwa 250.- bis 300.- im Jahr. Bleiben die Sozialbeiträge, Haftpflicht, Werbung, Telefon und Materialkosten (Literatur und Büromaterial). Wie man da auf 100.000.- Unkosten kommen soll ist mir nicht klar. Und der Posten Sozialbeiträge wäre darin eigentlich nicht enthalten, der er beim Bruttoeinkommen berücksichtigt würde.
    Das Einkommen kann immer auf den Einzelanwalt umgerechnet werden. Schließlich muss der der Angestellte lohnen. Auch in einer Bürogemeinschaft wird der Kollege immer nur den sich nicht rechnenden und arbeitsaufwändigen "Rest" weitergeben. Geschenke gibt es nicht. Der Chef will mit dem Angestellten verdienen. Du kannst nicht mehr bekommen als Du einbringst.
    Sollte es sehr gut laufen, dann kannst Du nach einigen Jahren mit brutto 4000.- bis 5000.- rechnen. Viele schaffen den Sprung in die Selbstständigkeit gar nicht. Nötige Kaufmannseigenschaften hat der Jurist in den meisten Fällen nicht. Viele leben von den Eltern, Ehepartnern, stocken beim Amt auf oder kommen knapp über die Runden.
    Läuft es sehr gut, sind Einnahmen von 14.000.- bis 18.000.- möglich. Aber dann bist Du ausgesprochen begabt und ein Sonderfall. Manche werden eben auch mit Kleiderbügel reich.
    Sehr wichtig sind gute Kenntnisse im RVG. Viele verschenken unnötig viel. Aus Stolz wird nicht gefragt und die Kostenbeamten sagen nichts.
    Viel verdienen die, die sich in Institutionen die Taschen füllen können. Das sind Gewerkschaften, Krankenkassen, öffentliche Einrichtungen. Von Beiträgen lebt es sich eben gut. Anwälte in großen Kanzleien zahlen ihren Preis. Viele Stunden, keine persönliche Bindung an Mandanten und ab 55 sägt der Nachfolger am Stuhl.
    Ich kenne so gut wie keinen Anwalt, der mit jemals ehrlich von seinem Einkommen erzählt hätte.