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Reingehört in: "The First Year": Einmal Kar­riere, bitte

Podcast-Rezension von Annelie Kaufmann

07.11.2020

Podcasts rund ums Recht haben Hochkonjunktur - von, mit, für und über Juristen gibt es viel zu sagen. Manches hören wir uns an. Und haben natürlich eine Meinung, dieses Mal zum Karrierepodcast "The First Year".

Dass Podcasts immer ein bisschen etwas Therapeutisches an sich haben, ist nichts Neues. Bei Dr. Arne Fischer war es jedenfalls nach eigenen Angaben auch ein persönliches Motiv, "The First Year" zu starten: "Als ich im März 2016 mein zweites Staatsexamen erfolgreich absolviert hatte, stand ich, wie vermutlich auch viele von Euch, vor der großen Frage: Was kommt jetzt?", so Fischer auf seiner Internetseite. In seiner Studienzeit habe er "nicht wirklich einen vertieften Einblick in die einzelnen Berufsbilder und Rechtsgebiete bekommen" und eine Großkanzlei habe er bis zum Examen "noch gar nicht von innen gesehen". 

Gut vier Jahre später hat Fischer an der FernUni Hagen zum Sportwettbetrug promoviert, zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann als Rechtsanwalt bei Orrick, Herrington & Sutcliffe in Düsseldorf gearbeitet. Seit September dieses Jahres ist er Rechtsanwalt bei Buse Heberer Fromm. Seine Schwerpunkte: Gesellschaftsrecht, M&A und Sportrecht. 

Seit Anfang des Jahres macht Fischer den Jura-Karriere-Podcast "The First Year" und will damit allen, denen es nach dem Examen so geht wie ihm damals, Orientierung bieten. Der Podcast richtet sich an "Jurastudenten, Referendare und junge Berufseinsteiger". Er ist gedacht "für alle diejenigen, die in ihrer juristischen Karriere den nächsten Schritt machen wollen, die auf der Suche sind nach etwas Orientierung oder sich einfach nur von anderen interessanten Juristen inspirieren lassen wollen." So stellt Fischer seinen Podcast vor.

Zu Gast: Ein ganz normaler Richter, ein Gaming-Anwalt und ein Instagram-Star

Es folgt eine ziemlich bunte Mischung in den bisher 21 Episoden, immer mit einem anderen Interviewgast. Spannend klingt es vor allem dann, wenn Fischer mit Menschen spricht, die aus ihrem Berufsalltag berichten. Ein Highlight ist etwa gleich die erste Episode mit der Berliner Strafverteidigerin Sandra Korzenski. Die erzählt erfrischend und lebensnah von ihrer Arbeit – und darf auch mal ganz detailliert berichten, wie ein Besuch in der Justizvollzugsanstalt abläuft. 

Fischer covert ganz unterschiedliche juristische Berufe. So spricht er zum Beispiel mit Nikolai Vokuhl, General Counsel beim Modeunternehmen Hugo Boss, über den Job als Unternehmensjurist. Oder mit dem auf Medizinrecht spezialisierten Rechtsanwalt Christian Erbacher (Lyck + Pätzold) über die Digitalisierung im Healthcare Sektor, Gesundheits-Apps und eine frühzeitige Spezialisierung auf ein bestimmtes Rechtsgebiet. Auch Rechtsanwalt Tilman Winterling, der Künstler, Medienhäuser und Verlage berät, war zu Gast, um über urheberrechtliche Fragen und Instagram-Werbung zu sprechen.

Es sind weniger die großen Namen als vielmehr gestandene Praktiker, die Fischer einlädt – und das ergibt Sinn. Mal kommt etwa mit Martin Wunderlich ein ganz normaler Richter am Landgericht Flensburg zu Wort, mal der Kölner Rechtsanwalt Adrian Schneider, der sich auf Rechtsberatung in der Gaming-Branche spezialisiert hat. Andererseits ist in Folge 18 Johannes Richter eingeladen, der als Jurist und Reiseinfluencer "Jovi Travel" die Welt bereist und einen erfolgreichen Instagram-Account betreibt – nicht unbedingt eine Karriere, die der durchschnittliche Examenskandidat nachahmen wird, aber spannennd anzuhören. 

Das Konzept ist schlicht, aber es funktioniert: Fischer fragt nach dem persönlichen Karriereweg, den Motiven für die Berufswahl und dem Arbeitsalltag – und seine Gäste antworten in aller Regel ausführlich und authentisch. Wer also das Glück hat, in den bisherigen Episoden schon ein Berufsbild zu finden, das ihn interessiert, der wird sich einen realistischen Eindruck machen können. 

Nicht so viel dazwischen murmeln, lieber erzählen lassen

Andere Podcast-Episoden widmen sich allgemeiner bestimmten Themen, etwa "Der LL.M" (Gast: Dr. Michael Koch, Herausgeber des entsprechenden Buches von e-fellows), "Legal Design & Legal Tech" (Gäste: Lina Krawietz und Alisha Andert von "This is Legal Design") oder "Traumjob + Familie – eine Utopie?" (Gast: Dr. Anja Schäfer). 

Es gibt auch klassische Karrieretipps. So gibt etwa Legal Coach Dr. Geertje Tutschka Tipps zur Kanzleigründung und Daniela Dihsmaier, die auch Leistungssportler und Führungskräfte berät, spricht darüber, wie mentales Training gegen Prüfungsstress helfen kann. In der Folge "Law & Voice" erklärt Ute Bolz-Fischer, wie wichtig der Einsatz der Stimme für Juristinnen und Juristen ist – was dann aber auch ziemlich zum Werbeblock für die Stimmtrainerin gerät. 

Fischer selbst klingt anfangs noch recht hölzern und aufgeregt. Das legt sich zwar etwas nach einem Jahr Podcast-Erfahrung – aber es bleibt eine eher umständliche Art und Weise, die Fragen zu stellen und vor allem die Angewohnheit, "ok das ist spannend" und ähnliche Kommentare in die Ausführungen seiner Gäste hineinzumurmeln. Insgesamt ist Fischer immer ein bisschen sehr nah dran an seinen Interviewpartnern, ohne allzu kritische Nachfragen oder eigene Fakten - und auch das permanente "Du" wirkt manchmal eher aufgesetzt. 

Immer aber gelingt es ihm bemerkenswert gut, seine Gäste mal ins Erzählen kommen zu lassen – und dann ist "The First Year" am besten.

Zitiervorschlag

Reingehört in: "The First Year": Einmal Karriere, bitte . In: Legal Tribune Online, 07.11.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/43342/ (abgerufen am: 29.11.2020 )

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