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Jobprofil Verbandsjurist: Zwi­schen Politik und Para­gra­phen

von Silke Gottschalk

28.01.2011

Jurist beim Verband der Augenoptiker? Was sich zunächst dröge anhört, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als äußerst abwechslungsreicher Job. Wer vielseitig ist, der hat die Möglichkeit, bei dieser oder einer anderen Interessenvertretung nicht nur juristisches Know-How, sondern auch Teamgeist, Flexibilität und politisches Gespür unter Beweis zu stellen.

Der größte Unterschied zu seiner früheren Tätigkeit als Rechtsanwalt sei, dass er heute nur noch einen Mandanten vertrete. "Eintönig ist meine Arbeit beim Verband deshalb aber nicht", so Dr. Jan Wetzel, Leiter der Abteilung Recht beim Zentralverband der Augenoptiker. "Die Zahl der zu bearbeitenden Rechtsgebiete ist vielfältig - vom Wettbewerbsrecht zum Arbeitsrecht bis hin zum Vertrags,- beziehungsweise zum Verwaltungsrecht ist hier alles dabei. Gleich bleibt lediglich der Hintergrund – also der Bezug zur Augenoptik."

Aus Sicht des Verbandsjuristen, der vor rund anderthalb Jahren den Schritt von einer mittelständischen Kanzlei hin zu einem Arbeitgeberverband wagte, überwiegen nach seinem Wechsel die Vorteile. "Meine Arbeit ist heute einfach sehr viel abwechslungsreicher. Damit meine ich nicht nur die unterschiedlichen Rechtsgebiete, sondern auch die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Abteilungen bei uns im Haus. Der Kontakt zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gehört genauso dazu, wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit der betriebswirtschaftlichen Abteilung." Außerdem ermögliche ihm die der gleichbleibende Bezug zur Augenoptik eine gewisse Souveränität und Sicherheit im Umgang mit Mitgliederanfragen.

Anzahl der Verbände nimmt weiter zu

Laut der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement ist die Zahl der Interessenvertretungen in den letzten Jahren stetig angewachsen. Arbeitsteilung, Spezialisierung und Vernetzung sind charakteristisch für die gegenwärtige Verbändestruktur. Handlungsfelder existieren nahezu in allen Geschäftsbereichen: Arbeit und Wirtschaft; Gesellschaft und Politik; Freizeit und Kultur; Bildung und Wissenschaft und Gesundheit und Soziales. Zu den potentiellen Arbeitgebern eines Verbandsjuristen zählen übrigens auch Kammern, Innungen und andere Körperschaften des öffentlichen Rechts; aber auch politische Parteien und Gewerkschaften.

Angesichts der weiterhin hohen Rechtsanwaltsdichte und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Druck bietet die Arbeit in derartigen Vereinigungen als angestellter Rechtsberater viele Vorteile. Neben den geregelten Arbeitszeiten ist dies vor allem die Vielfältigkeit der Aufgaben. Wer wissen will, was einen erwartet, wenn man sich gegen die traditionelle Laufbahn bei Gericht oder in einer Kanzlei entscheidet, der sollte sich die unterschiedlichen Funktionen eines Verbandes vor Augen führen. In erster Linie bündeln diese die Interessen der einzelnen Mitglieder, um gemeinsame Ziele zu erreichen – besser bekannt als Lobbyarbeit.

Der Kontakt zu politischen Entscheidungsträgern und Vertretern von Wirtschaft und Industrie ist deshalb wesentlicher Aufgabenbestandteil. Interessenvertretungen beobachten Entscheidungsabläufe und versuchen im Sinne ihrer Mitglieder und des Verbandszwecks Einfluss zu nehmen. Neugier für Politik und Wirtschaft ist also neben vielfältigen Rechtskenntnissen unerlässlich, um sich als Verbandsjurist zu behaupten.

Nicht nur Berater, sondern auch Redner

Darüber hinaus gehört die Information der Mitglieder in den meisten Fällen zu den typischen Aufgaben. Der Verbandsjurist beantwortet Rechtsfragen im Vier-Augen-Gespräch, hält Vorträge und Referate. Bewerber sollten deshalb unbedingt über gute Rednerqualitäten verfügen. Wer also lieber hinter verschlossenen Türen im stillen Kämmerlein arbeitet, der ist hier fehl am Platz.

Auch die Veröffentlichung von Fachbeiträgen für die verbandsinterne Zeitschrift ist keine Seltenheit. Derjenige, der sich also für diesen Berufszweig entscheidet, sollte sich dem bewusst sein und neben dem Spaß am Schreiben über gute kommunikative Fähigkeiten verfügen.

Die Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen innerhalb der meist kleinen Geschäftsstellen ist charakteristisch für den Arbeitsalltag eines Verbandsjuristen. Nicht selten vermischen sich die Aufgaben einzelner Mitarbeiter. Grundlegende Kenntnisse über Betriebswirtschaft, Öffentlichkeitsarbeit und nicht zuletzt Verbandspolitik sind deshalb ebenfalls von Vorteil.

Auch für Dr. Jan Wetzel war die Umstellung am Anfang nicht immer leicht. "Sicherlich hat mir meine Erfahrung als selbständiger Rechtsanwalt beim Berufseinstieg in dieser Branche geholfen", so Wetzel. Vieles was den Verband und die Struktur zwischen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern anbelange, lasse sich jedoch in keinem juristischen Kommentar nachschlagen.

Als Fazit bleibt, dass die Arbeit für eine Interessenvertretung eine spannende Herausforderung sein kann. Dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf das Gehalt. Im Vergleich zum Rechtsanwalt einer mittelständischen Kanzlei steht der Verbandsjurist insbesondere eines Wirtschaftsverbandes beim Verdienst nicht schlechter da. Bewerber sollten sich aber bewusst sein, dass neben klassischen juristischen Betätigungsfeldern weniger das Prädikatsexamen, sondern gute Rednerqualitäten, Teamgeist und nicht zuletzt Spaß an politischer Arbeit wichtige Voraussetzungen sind.

 

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Silke Gottschalk, Jobprofil Verbandsjurist: Zwischen Politik und Paragraphen . In: Legal Tribune Online, 28.01.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/2427/ (abgerufen am: 20.09.2020 )

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